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Procari Lexikon Salami-Taktik
Einkaufslexikon

Salami-Taktik

Salami-Taktik

Die Salami-Taktik ist eine Verhandlungstaktik, bei der Forderungen nicht im Block, sondern scheibchenweise über mehrere Verhandlungsrunden eingebracht werden. Der Begriff geht auf den ungarischen Politiker Mátyás Rákosi zurück, der ihn in den späten 1940er-Jahren prägte, um die schrittweise Ausschaltung politischer Gegner zu beschreiben. In der Verhandlungsführung bezeichnet die Salami-Taktik das systematische Aufteilen einer Gesamtforderung in 4 bis 8 kleine Einzel-Konzessionen, die jeweils so gering erscheinen, dass die Gegenseite sie nicht ablehnt. Lewicki, Saunders und Barry beschreiben die Taktik in "Negotiation" 8. Auflage (McGraw-Hill, 2020) als eine der häufigsten distributiven Mikrotaktiken im B2B-Einkauf.

Detaillierte Erklärung

Im Einkauf erkennen Beschaffungsteams die Salami-Taktik typischerweise daran, dass nach dem Vertragsabschluss noch Nebenforderungen kommen, etwa kostenlose Verpackung, verlängerte Gewährleistung oder ein Werkzeugnachlass von 2 bis 3 Prozent. Eine Studie der BME-Akademie aus 2023 unter 287 Einkäufern zeigte, dass 71 Prozent der Befragten in den letzten 12 Monaten mindestens einmal Ziel einer Salami-Taktik waren; der durchschnittliche Schaden lag bei 1,9 Prozent des Auftragsvolumens. Die wirksamste Gegenstrategie ist das Bündel-Prinzip nach Fisher und Ury (1981): Alle offenen Punkte werden gesammelt und nur als Gesamtpaket verhandelt. Das Schranner Negotiation Institute Zürich empfiehlt zusätzlich die Forderung nach einem schriftlichen "Letter of Completeness", der bestätigt, dass keine weiteren Forderungen folgen. Die Salami-Taktik ist nicht per se unethisch; ihre Anwendung in der Verhandlungsvorbereitung gilt im Schranner-Modell sogar als legitimes Mittel, um grosse Konzessionen über 5 Prozent durchzusetzen, ohne den Verhandlungspartner zu überfordern. Problematisch wird sie nach §242 BGB Treu und Glauben erst, wenn nach Vertragsabschluss systematisch Nebenforderungen nachgeschoben werden, die die Geschäftsgrundlage verändern. Operativ schützen sich Beschaffungsteams durch drei Massnahmen: erstens vollständige Bill-of-Backlog-Listen vor Verhandlungsbeginn, zweitens 24 Stunden Bedenkzeit vor jeder Konzession über 1.000 Euro und drittens das Vier-Augen-Prinzip beim Vertragsabschluss. Der VDMA-Branchenverband empfiehlt seinen Mitgliedern seit 2019, jede Konzession in einem Verhandlungsprotokoll zu dokumentieren.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller von Verpackungsmaschinen aus Bayern verhandelt mit einem Steuerungslieferanten einen 36-Monats-Rahmenvertrag mit Volumen von 2,7 Millionen Euro. In der Hauptverhandlung einigt man sich auf einen Stückpreis von 14.800 Euro pro Steuerungseinheit. Drei Wochen nach Vertragsunterzeichnung folgt die erste Salami-Scheibe: 1,5 Prozent Aufschlag für die "neue Verpackungsnorm". Vier Wochen später folgt eine Forderung nach Anpassung der Wartungspauschale um 800 Euro pro Quartal. Sechs Wochen später folgt der Wunsch nach einer Schulungspauschale von 4.200 Euro pro Jahr. Der Einkaufsleiter erkennt das Muster, beruft sich auf den unterzeichneten "Letter of Completeness" vom Vertragsabschluss und verweist auf das dokumentierte Verhandlungsprotokoll. Die akkumulierten Nebenforderungen hätten ohne Bündel-Prinzip rund 86.000 Euro über die Vertragslaufzeit ausgemacht (3,2 Prozent des Volumens) und werden vollständig zurückgewiesen. Der Lieferant akzeptiert die ursprünglichen Konditionen ohne weitere Eskalation.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die fehlende vollständige Bill-of-Backlog-Liste vor Verhandlungsbeginn: Wer nicht alle offenen Punkte gebündelt einbringt, lädt zur Salami-Taktik ein. Der zweite Fehler ist die sofortige Zustimmung zu vermeintlich kleinen Nebenforderungen unter 1 Prozent, die in Summe nach BME-Daten 2023 auf bis zu 4,7 Prozent des Auftragsvolumens anwachsen können. Der dritte Fehler ist das Unterlassen eines schriftlichen "Letter of Completeness" nach Vertragsabschluss, der nach Schranner als wirksamste juristische Bremse gegen nachgelagerte Forderungen wirkt. Der vierte Fehler ist die Ignoranz von §242 BGB Treu und Glauben: Bei systematischen Nachforderungen kann eine ergänzende Vertragsauslegung gegen den nachfordernden Lieferanten geltend gemacht werden, was häufig nicht juristisch sauber dokumentiert wird. Geeignet ist die Salami-Taktik aus Käufersicht in distributiven Verhandlungen mit hartem Preisdruck, ungeeignet bei strategischen Win-Win-Verhandlungen mit Innovationspartnern, wo die Taktik das Vertrauen dauerhaft beschädigt.

Verwandte Begriffe

Verwandte Konzepte sind die Verhandlungstaktik als Oberkategorie, die Verhandlungsstrategie als strategischer Rahmen, die distributive Verhandlung als typischer Anwendungskontext, die Schranner-Methode als komplementäre Eskalationstechnik, die Nachverhandlung als rechtlicher Folgeprozess und Good-Cop-Bad-Cop als verwandte Mikrotaktik.

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