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Procari Lexikon Available to Promise (ATP)
Einkaufslexikon

Available to Promise (ATP)

Available to Promise (ATP)

Available to Promise (ATP) beantwortet im Auftragsmanagement die Frage, welche Menge eines Materials zu einem bestimmten Termin tatsächlich verkauft oder bereitgestellt werden kann. Die Kennzahl summiert physischen Bestand und feste Zugänge und zieht alle bereits zugesagten Bedarfe ab. So entsteht eine belastbare Lieferzusage, ohne den Lagerbestand doppelt zu reservieren.

Detaillierte Erklärung

ATP ist im Kern eine zeitbezogene Saldenrechnung. Die klassische Formel lautet: ATP = Anfangsbestand + geplante Zugänge (Bestellungen, Fertigungsaufträge) − bestätigte Abgänge (Kundenaufträge, Reservierungen, Konsignationsabrufe). Das Ergebnis ist eine Mengenreihe pro Bucket — meist tageweise, in MRP-Systemen häufig in Wochenbuckets. Sobald ein neuer Kundenauftrag eintrifft, prüft das System gegen den frühesten Bucket mit ausreichender Verfügbarkeit und gibt einen Wunschtermin oder einen verschobenen bestätigten Termin zurück.

In SAP S/4HANA übernimmt diese Aufgabe die Komponente Advanced Available-to-Promise (aATP). aATP arbeitet in-memory auf der HANA-Datenbank, prüft simultan über mehrere Werke und unterstützt Backorder Processing (BOP), Product Allocation und Release for Delivery. Oracle deckt das Thema in der Suite Oracle Advanced Supply Chain Planning (ASCP) ab. Beide Systeme trennen sauber zwischen ATP (statischer Bestandscheck) und Capable-to-Promise (dynamische Kapazitätsprüfung). Wer früh in der Auftragsphase nur ATP prüft, riskiert Zusagen, die der Engpassarbeitsplatz später nicht halten kann — daher der nachgelagerte CTP-Schritt, siehe [[capable-to-promise-ctp]].

Methodisch unterscheidet die ASCM nach SCOR-Modell drei Varianten: Discrete ATP (jede Zeile sofort), Cumulative ATP (Aggregation über einen Horizont), Allocated ATP (Quoten je Kundengruppe oder Region). Im DACH-Mittelstand dominiert Discrete ATP für A-Kunden, während Allocated ATP bei knappen Materialien — typisch Halbleiter, Elektrostahl, Aluminiumprofile — das Mittel der Wahl ist. Die Quoten leiten sich aus Forecast-Vereinbarungen, Rahmenverträgen und Vertriebsregionen ab und werden täglich rebalanced.

Der Disponent muss zusätzlich Sperrbestände (Q-Bestand, blockierter Bestand, Charge in Quarantäne) ausschließen, da diese nicht promised werden dürfen. Praxisrelevant ist die Trennung zwischen verfügbarem Bestand laut Bestandsführung und tatsächlich greifbarem Lagerbestand am Picking-Punkt — siehe [[lagerbestand]] und [[bestandsfuehrung]]. Wird ATP zu großzügig kalkuliert, steigt die Backorder-Quote; wird zu konservativ kalkuliert, sinkt der Lieferservicegrad und Aufträge wandern zur Konkurrenz.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauunternehmen aus Baden-Württemberg mit 1.200 Mitarbeitern produziert kundenspezifische Verpackungsmaschinen. Am Dienstag um 09:14 ruft der Vertriebsleiter eines Schweizer Lebensmittelproduzenten an: er benötigt drei Stück der Baugruppe "Servomotor-Kit M3" zum Liefertermin 3. Juni, frei Werk Zürich. Der Innendienst ruft im SAP S/4HANA die aATP-Prüfung gegen Werk 1100 auf.

Die Prüfung zeigt für die Materialnummer M3-SVK-040: Anfangsbestand 4 Stück, fester Zugang aus Bestellung BANF-2024-3318 von 12 Stück am 28. Mai, drei bestätigte Abgänge an einen italienischen Kunden (je 1 Stück) am 24., 25. und 27. Mai. Bis zum 27. Mai bleibt also 1 Stück verfügbar. Erst am 28. Mai nach Wareneingang springt die Verfügbarkeit auf 13 Stück. Discrete ATP bestätigt damit die drei Stück mit frühestem Liefertermin 28. Mai ab Werk plus zwei Tage Transit — Wunschtermin 3. Juni ist haltbar.

Der Disponent prüft jedoch zusätzlich Q-Bestand: 2 der 4 vorhandenen Stück liegen in der QS-Quarantäne wegen Encoder-Toleranzproblem aus Charge 4711. Die effektive Verfügbarkeit reduziert sich vor dem 28. Mai auf 0. Die zentrale Lieferzusage gegenüber dem Kunden bleibt dennoch der 3. Juni, da der Zugang aus dem Rahmenvertrag mit dem Tier-1-Lieferanten in Slowenien als gesichert gilt — Lieferpünktlichkeit der letzten 12 Monate: 96,4 Prozent OTD.

Im Backorder Processing-Lauf um 22:00 Uhr werden alle offenen Aufträge gegen die neue Verfügbarkeitssituation rebalanced. Da der italienische Kunde unter A-Klassifizierung läuft (siehe [[abc-analyse]]) und der Schweizer Kunde unter B-Klassifizierung, behält Italien Vorrang bei den ersten drei Stück. Der Schweizer Auftrag wird automatisch auf den 4. Juni neu bestätigt, der Vertrieb erhält eine Eskalationsmail. Zwei Tage später ruft der Disponent beim slowenischen Lieferanten an und sichert eine Vorabauslieferung von 5 Stück per Express zu — Mehrkosten 380 Euro, gerechtfertigt durch eine Pönale-Klausel von 0,5 Prozent pro Werktag im Schweizer Vertrag.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist eine ATP-Prüfung ohne Berücksichtigung von Sperrbeständen. Wird der Q-Bestand nicht ausgefiltert, bestätigt das System Mengen, die der Wareneinausgang nicht herausgeben darf. Die Folge sind Eskalationen am Versandtag und ein Bruch des Lieferservicegrads — siehe [[lieferservicegrad]]. Customizing-Setting: Verfügbarkeitsprüfung in OVZ9 muss "Berücksichtigung des Bestands" auf "ohne gesperrten Bestand" stehen.

Zweiter klassischer Fehler: Verwechslung von ATP mit Capable-to-Promise. ATP prüft nur Bestände und Zugänge, nicht jedoch Maschinenkapazität, Personalverfügbarkeit oder Werkzeugzustand. Im Maschinenbau mit Auftragsfertigung führt das zu unrealistischen Terminen, die der Engpassarbeitsplatz nicht hält. Ein häufiger Workaround ist eine zweistufige Prüfung: ATP für Standardmodule, CTP für Sondervarianten. Die Trennlinie wird über Materialart und Make-to-Stock-/Make-to-Order-Strategie gezogen.

Dritter Fehler: Fehlende Allokation bei knappen Materialien. Wenn die Halbleiterkrise die Verfügbarkeit von Treiber-ICs auf 30 Prozent des Bedarfs drückt, bedienen Discrete-ATP-Systeme nach dem First-Come-First-Served-Prinzip. A-Kunden mit 60 Prozent Umsatzanteil verlieren Zusagen an C-Kunden mit Spotaufträgen. Allocated ATP mit kundenspezifischen Quoten verhindert das. Die Quoten verhandelt der strategische Einkauf gemeinsam mit Vertrieb und Werksleitung, nicht der Disponent allein.

Im Verhandlungskontext mit Lieferanten dient ATP als Hebel für Bestandsvereinbarungen. Wer dem Lieferanten täglich seinen ATP-Saldo per EDI offenlegt, ermöglicht Vendor-Managed-Inventory-Modelle und reduziert eigenen Sicherheitsbestand — siehe [[sicherheitsbestand]]. Im Gegenzug verlangen Lieferanten Forecast-Verbindlichkeit über 8 bis 12 Wochen. Die BME-Bestandsstudie 2024 zeigt: VMI-Modelle senken die Bestandsreichweite im DACH-Mittelstand im Median um 18 Prozent gegenüber klassischen Reorder-Modellen.

Verwandte Begriffe

  • [[capable-to-promise-ctp]]
  • [[lagerbestand]]
  • [[bestandsfuehrung]]
  • [[sicherheitsbestand]]
  • [[lieferservicegrad]]

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