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Procari Lexikon Backorder Rate
Einkaufslexikon

Backorder Rate

Backorder Rate

Die Backorder Rate misst, wie viele Auftragspositionen zum bestätigten Liefertermin nicht ausgeliefert werden konnten und in den Rückstand laufen. Sie berechnet sich aus den nicht ausgelieferten Bestellzeilen geteilt durch die Gesamtbestellzeilen, multipliziert mit 100. Im DACH-Mittelstand ist sie eine zentrale Service-Kennzahl, die Engpässe in Beschaffung, Disposition und Lagerlogistik sichtbar macht.

Detaillierte Erklärung

Formal definiert die ASCM die Backorder-Quote als Quotient aus offenen Auftragspositionen am Stichtag und allen Auftragspositionen mit Liefertermin am Stichtag. APICS Dictionary 17th unterscheidet zwischen Backorder (Position mit überschrittenem Termin, aber weiterhin gewollt) und Cancellation (Position vom Kunden zurückgezogen). Eine Backorder ist somit ein offener, weiterhin verbindlicher Auftrag — kein Verlust, sondern eine Verzögerung.

Die Berechnung läuft je nach System unterschiedlich. Variante A: Anzahl Positionen mit Lieferrückstand geteilt durch Gesamtanzahl bestätigter Positionen im Zeitraum. Variante B: Mengenbasiert — rückständige Stück geteilt durch bestellte Stück. Variante C: Wertbasiert — Wert offener Positionen geteilt durch Gesamtbestellwert. Im Reporting des deutschen Mittelstands dominiert Variante A, da sie unabhängig von Mengen- und Wertschwankungen Trends abbildet. Wer Service-Level-Agreements verhandelt, sollte explizit klären, welche Variante gilt.

Die Backorder Rate steht in direktem Zusammenhang mit zwei weiteren KPIs: Fill Rate (sofortige Verfügbarkeit aus Lager, siehe [[fill-rate-einkauf]]) und On-Time-Delivery (Termintreue, siehe [[otd-on-time-delivery]]). Eine niedrige Fill Rate führt zwangsläufig zu hoher Backorder Rate, sobald der Sicherheitsbestand erschöpft ist. Hohe Backorder Rate bei gleichzeitig guter OTD deutet auf strukturelle Forecast-Fehler hin: Es wird das Falsche zur richtigen Zeit produziert. Diese Konstellation zeigt sich oft in Branchen mit langen Vorlaufzeiten — Sondermaschinenbau, Stahlbau, kundenspezifische Elektronik.

In SAP-Systemen wird Backorder Processing (BOP) meist nachts oder mehrmals täglich gefahren. Der BOP-Lauf rebalanced offene Aufträge gegen die aktuelle Verfügbarkeit nach Priorität (Kundenklasse, Auftragsart, Termin). Eine hohe Backorder Rate kann durch BOP-Tuning kurzfristig reduziert werden, ohne dass sich an der zugrundeliegenden Bestandssituation etwas ändert — daher ist die Rohzahl ohne Trendbetrachtung wenig aussagekräftig. Empfehlenswert ist ein gleitender 8-Wochen-Durchschnitt plus Spitzenanalyse.

Die BME-Bestandsstudie 2024 berichtet für den DACH-Mittelstand Median-Werte zwischen 2,1 Prozent (Lebensmittelproduktion) und 8,4 Prozent (Maschinenbau-Ersatzteile). Werte über 12 Prozent gelten in der Studie als Frühwarnsignal für Bestandsstrategie-Probleme — siehe [[bevorratungsstrategie]]. Wer in dieser Zone landet, sollte Lagerstrategie, Forecast-Genauigkeit und Lieferantenmix überprüfen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Pharma-Großhändler aus Nordrhein-Westfalen mit 540 Mitarbeitern beliefert 1.800 Apotheken im Tagesrhythmus. Im April beobachtet die Geschäftsleitung einen Anstieg der Backorder Rate von 3,1 Prozent (Februar) auf 7,8 Prozent (März/April). Die Ursachenanalyse durch das Einkaufscontrolling zeigt: 62 Prozent der Rückstände entfallen auf 23 Materialnummern aus zwei Wirkstoffgruppen — Antibiotika (Amoxicillin-Suspensionen) und Glucocorticoide.

Die Disponentin zieht die Daten aus dem ERP für das letzte Quartal. Die Auftragspositionen liegen bei rund 142.000 pro Monat. März-Rückstand: 11.076 Positionen, was 7,8 Prozent entspricht. Die Auswertung nach Kundengruppe zeigt: A-Apotheken (8 Prozent der Kunden, 41 Prozent des Umsatzes) zeigen eine Backorder Rate von nur 4,2 Prozent, weil die Allokation zu deren Gunsten priorisiert. C-Apotheken laufen auf 11,3 Prozent — Beschwerden häufen sich, drei Kunden drohen mit Wechsel zu einem Wettbewerber.

Die Wurzelursache identifiziert das Team als Lieferengpass des Hauptlieferanten in Slowenien: zwei Wirkstoffchargen mussten wegen Endotoxin-Werten freigegeben werden, der Lieferant verlängerte die QS-Freigabe von 5 auf 18 Werktage. Der Sicherheitsbestand reichte zwei Wochen, dann brach die Verfügbarkeit ein. Die Disponentin ruft kurzfristig zwei Sekundärquellen ab: eine Apothekergenossenschaft in Stuttgart liefert 60 Prozent der Fehlmenge zu 11 Prozent höheren Stückkosten, ein indischer Hersteller liefert nach Notvalidierung weitere 25 Prozent.

Innerhalb von drei Wochen sinkt die Backorder Rate auf 4,9 Prozent. Parallel hebt das Einkaufscontrolling für die 23 betroffenen Materialnummern den Sicherheitsbestand um 30 Prozent an. Die Bestandsreichweite steigt von 21 auf 27 Tage, die Working-Capital-Bindung um 480.000 Euro — siehe [[working-capital-effekt-einkauf]]. Eine bewusste Entscheidung, weil eine 5-Prozent-Pönale-Klausel im Liefervertrag mit der größten Apothekenkette einen Backorder-Anstieg über 6 Prozent finanziell bestraft.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Erster Fehler: Backorder Rate isoliert betrachten. Eine Backorder Rate von 3 Prozent klingt gut, kann aber 90 Prozent A-Kunden-Aufträge enthalten und damit den Umsatz massiv gefährden. Die Kennzahl muss mindestens nach Kundenklasse, Materialklasse und Region segmentiert werden. ABC-XYZ-Klassifizierung hilft beim Schnitt, siehe [[abc-xyz-klassifizierungszyklus]].

Zweiter Fehler: Backorder als reines Logistikproblem behandeln. In Wahrheit liegen die Ursachen meist im Forecast-Prozess oder in der Bestandsstrategie. Wer den Sicherheitsbestand zu niedrig parametriert, weil das Working-Capital-Ziel dominiert, erntet Backorders. Wer den Forecast nicht im Konsensprozess mit Vertrieb und Marketing erstellt, plant am Markt vorbei — siehe [[consensus-forecast]]. Die Steuerung erfolgt im S&OP-Zyklus, nicht im täglichen Disponentenmeeting.

Dritter Fehler: Pönale-Klauseln in Kundenverträgen ohne Backorder-Reporting akzeptieren. Wenn ein Kundenvertrag eine Pönale ab 5 Prozent Rückstandsquote vorsieht, muss der Innendienst eine tagesaktuelle Auswertung haben. Andernfalls wird die Pönale erst im Rechnungslauf des Folgemonats sichtbar — zu spät, um zu reagieren.

In Lieferantenverhandlungen ist die eigene Backorder Rate ein Hebel: wer dem Lieferanten zeigt, dass dessen Lieferengpass eine messbare Backorder-Eskalation auslöst, verhandelt entweder Vertragsstrafen, Pufferbestände beim Lieferanten oder zweite Bezugsquellen. Empfehlung: monatliches Backorder-Reporting an die Top-10-Lieferanten als festen Bestandteil der Quarterly Business Reviews. Das verhindert Diskussionen über Verantwortlichkeit, weil die Datenbasis gemeinsam verstanden wird.

Verwandte Begriffe

  • [[fill-rate-einkauf]]
  • [[otd-on-time-delivery]]
  • [[lieferservicegrad]]
  • [[fehlteilmanagement]]
  • [[sicherheitsbestand]]

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