China-Plus-One-Strategie
China-Plus-One-Strategie
Die China-Plus-One-Strategie, oft als C+1 abgekürzt, beschreibt den bewussten Aufbau einer zweiten Beschaffungs- oder Produktionsbasis außerhalb Chinas, ohne den China-Standort vollständig aufzugeben. Sie reduzieren damit die Konzentration auf einen Länder-Cluster, ohne die etablierten Lieferantenbeziehungen abrupt abzubrechen.
Detaillierte Erklärung
Der Begriff entstand Mitte der 2000er Jahre in der japanischen Sourcing-Praxis und wurde nach den COVID-Lockdowns ab 2020 sowie der Eskalation der US-China-Handelskonflikte ab 2018 zur breiten Mittelstandsdebatte. Treiber sind drei Faktoren, die geopolitische Volatilität rund um Taiwan und das Südchinesische Meer, gestiegene Lohnkosten in chinesischen Küstenprovinzen sowie regulatorische Schübe wie die EU-Verordnung gegen Produkte aus Zwangsarbeit von 2024 und der US-amerikanische Uyghur Forced Labor Prevention Act von 2022. Beratungshäuser wie A.T. Kearney im jährlichen Reshoring Index, Bain & Company und die Boston Consulting Group dokumentieren seit 2021 einen klaren Trend, in der A.T.-Kearney-Erhebung 2023 gaben 96 Prozent der befragten US-CEOs an, Teile ihrer Produktion zu reshoren, nearshoren oder eine C+1-Bewegung gestartet zu haben.
Typische Zielländer sind Vietnam, Indien, Mexiko, Thailand, Malaysia und für arbeitsintensive Tätigkeiten zunehmend auch Bangladesch. Vietnam steht regelmäßig an erster Stelle, weil das Land einen relativ einfachen Marktzutritt, niedrige Lohnkosten und Freihandelsabkommen mit der EU und mit ASEAN-Partnern bietet. Apple verlagert nach Analysen von JPMorgan und der American Enterprise Institute Studie zur Apple-Lieferkette von 2024 schrittweise Produktion zu Auftragsfertigern wie Foxconn, Pegatron und Luxshare, Ziel ist eine Senkung des chinesischen Produktionsanteils von rund 95 Prozent vor 2020 auf etwa 75 Prozent bis 2025. Im August 2023 pachtete Foxconn weitere 50,5 Hektar im Industriepark Saigon-Bac Giang in Vietnam für eine neue Anlage. Die Mehrkosten der Diversifizierung liegen laut Bain und Roland Berger bei 15 bis 35 Prozent gegenüber dem reinen China-Setup, abhängig von Stückzahl, Komplexität und benötigter Zulieferertiefe.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein deutscher Hersteller elektronischer Baugruppen mit 95 Millionen Euro Einkaufsvolumen aus China beschließt 2025 eine C+1-Strategie. Bis Ende 2027 sollen 30 Prozent des Volumens, also rund 28,5 Millionen Euro, aus Vietnam und Malaysia kommen. Die Qualifizierung umfasst 22 Materialnummern, geplantes Investment 2,4 Millionen Euro für Erstmuster, Werkzeugkopien und Audits. Erste Kalkulation, die Stückkosten in Vietnam liegen für die ausgewählten Komponenten 28 Prozent über dem chinesischen Niveau, durch Zollvorteile aus dem EU-Vietnam-Freihandelsabkommen reduziert sich der Effekt auf 19 Prozent Mehrkosten beim Landed-Cost. Logistisch werden 240 Container pro Jahr neu gebucht, Lieferzeiten von 38 auf 44 Tage verlängert. Im Gegenzug sinkt das in einer Sensitivitätsrechnung mit fünfprozentiger Eintrittswahrscheinlichkeit pro Jahr bewertete Geopolitik-Risiko um geschätzte 6,2 Millionen Euro pro Jahr.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Häufigster Fehler ist die rein rechnerische Verlagerung ohne Cluster-Analyse, ein vermeintlich neuer vietnamesischer Lieferant bezieht oft seine Vorprodukte weiterhin aus China und das Klumpenrisiko bleibt unverändert. Ein zweiter Fehler ist die Unterschätzung der Qualifizierungsdauer, sechs bis 18 Monate sind realistisch, je nach Branche und Auditpflichten. Im Verhandlungskontext ist es klug, die Diversifizierung nicht offen als Drohung gegen den China-Lieferanten zu kommunizieren, sondern als Resilienz-Strategie für gemeinsame Endkunden zu rahmen, das erhält Kooperationsbereitschaft auf beiden Seiten.
Verwandte Begriffe
Die China-Plus-One-Strategie ist eine konkrete Antwort auf [[klumpenrisiko-einkauf]] und ein Anwendungsfall von [[supply-chain-resilience]]. Sie nutzt Methoden aus [[dual-sourcing]], [[nearshoring]] und [[reshoring]] und ist eng verknüpft mit [[strategic-sourcing]] sowie mit dem [[lieferantenrisikomanagement]].