Cleansheet Methodology
Cleansheet Methodology
Die Cleansheet Methodology ist ein von McKinsey & Company entwickelter, über zwei Jahrzehnte ausgereifter methodischer Rahmen für die Bottom-up-Berechnung von Should-Cost-Werten. Erstmals 2012 in der Veröffentlichung Cleansheet Target Costing Part I formalisiert und 2015 mit dem Foundation-Paper The Cleansheet Cost Engineering Function um Infrastruktur, Tools und Daten erweitert, bezeichnet sie heute auch die gleichnamige SaaS-Plattform Cleansheet Solution mit über 50.000 kuratierten Datenpunkten zu Material, Lohn, Energie und Overheads.
Detaillierte Erklärung
Die Methode unterscheidet sich von einer einfachen Clean-Sheet-Kalkulation durch ihre Modellierungstiefe: parametrische Cost-Models, KI-gestützte Sensitivitätsanalysen und integrierte CO2-Bewertung sind Standard. Das Vorgehen gliedert sich in vier Phasen. Phase 1 ist die Werttreiberidentifikation, in der pro Bauteil 5 bis 15 physische Parameter (Gewicht, Volumen, Toleranzen nach DIN ISO 2768, Werkstoff, Stückzahl) mit der Kostenfunktion verknüpft werden. Phase 2 ist der parametrische Modellbau in einer Library-Struktur, sodass ähnliche Teile aus einer Vorlage abgeleitet werden können. Phase 3 ist der kollaborative Workshop mit Lieferanten, in dem Annahmen kalibriert werden, Phase 4 die Ableitung von Negotiation-Hebeln je Bauteil.
McKinsey berichtet in der Studie What Should It Cost (Dezember 2023), dass Anwender im Schnitt 8 bis 15 Prozent Materialkosteneinsparung realisieren, in Einzelfällen bis 30 Prozent. Konkurrierende Plattformen sind aPriori, Costar, Facton und Siemens Teamcenter Product Cost Management, die ebenfalls parametrische Should-Cost-Models bieten, aber unterschiedliche Datenbankschwerpunkte (aPriori stark in Nordamerika, Facton stark im DACH-Maschinenbau). Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) listet in seinem Tool-Radar 2024 sechs etablierte Should-Cost-Suites mit Lizenzkosten zwischen 50.000 und 250.000 EUR pro Jahr.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Automobilzulieferer aus Bayern mit 1.380 Mitarbeitenden und 380 Mio EUR Einkaufsvolumen entscheidet sich 2025 für die Lizenzierung der McKinsey-Cleansheet-Solution für 168.000 EUR pro Jahr plus 240.000 EUR Implementierungsbudget. In den ersten 6 Monaten werden 28 A-Teile mit kumuliertem Volumen 84 Mio EUR parametrisch modelliert. Beispielergebnis Aluminium-Druckgussgehäuse: Stückgewicht 1.420 g, Werkstoff AlSi9Cu3, parametrisches Cost-Model liefert 11,80 EUR Should-Cost gegenüber 14,90 EUR aktuellem Lieferantenpreis bei einem polnischen Werk. Sensitivitätsanalyse zeigt, dass eine Werkzeugteilung der Form (Reduktion Zykluszeit von 92 auf 78 Sekunden) den Stückpreis um weitere 0,90 EUR senken würde; Werkzeuginvestition 165.000 EUR amortisiert sich bei 240.000 Stück Jahresvolumen in 9,2 Monaten. Nach 12 Monaten liegt die kumulierte realisierte Einsparung bei 4,1 Mio EUR (4,9 Prozent vom betreuten Volumen), ROI auf die Lizenzkosten 10:1.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die Lizenzierung einer Plattform ohne ausreichendes A-Teile-Volumen. Unter 5 bis 10 Mio EUR adressierbares A-Teile-Volumen amortisiert sich keine kommerzielle Should-Cost-Suite. In dieser Größenordnung empfiehlt der BME die manuelle Clean-Sheet-Kalkulation in Excel mit eigener Cost-Library, oft aufgebaut von einem internen Cost-Engineering-Team oder Beratungen wie POLARIXPARTNER und h&z.
Der zweite Fehler ist die Vernachlässigung der Cost-Library-Pflege. Eine Cleansheet-Plattform liefert Genauigkeit nur bei aktuellen Material-, Lohn- und Energiedaten. Wer die Library nicht quartalsweise aktualisiert, arbeitet bei volatilen Märkten (Rohstoffpreise, Strompreis, Tariflohn) mit veralteten Annahmen. Pflegen Sie pro Hauptwarengruppe einen Quartalsupdate-Zyklus.
Der dritte Verhandlungsfehler ist die einseitige Nutzung der Plattform ohne Lieferantenkollaboration. Das Vier-Phasen-Modell sieht in Phase 3 explizit den kollaborativen Workshop mit dem Lieferanten vor; wer diese Phase überspringt und mit unkalibrierten Werten in die Verhandlung geht, riskiert Vertrauensverlust und unrealistische Forderungen.
Verwandte Begriffe
Die Cleansheet Methodology ist die SaaS-Plattform-Variante der manuellen [[clean-sheet-kalkulation]], integriert sich in den [[cost-engineering]]-Werkzeugkasten und liefert quantitative Ankerwerte für [[target-costing]].