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Procari Lexikon CO2-Fussabdruck
Einkaufslexikon

CO2-Fussabdruck

CO2-Fussabdruck

Der CO2-Fussabdruck eines Unternehmens – englisch Corporate Carbon Footprint (CCF) – ist die Gesamtmenge aller Treibhausgasemissionen, die einem Unternehmen uber seine Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Aktivitaten zurechenbar sind, ausgedruckt in Tonnen CO2-Aquivalenten (CO2e). Er ist Ausgangspunkt jeder Klimastrategie und seit CSRD Pflichtbestandteil der nichtfinanziellen Berichterstattung.

Detaillierte Erklarung

"CO2-Fussabdruck" wird im Sprachgebrauch fur sehr unterschiedliche Ebenen verwendet: das Individuum, das Produkt (Product Carbon Footprint, PCF) und das Unternehmen (Corporate Carbon Footprint, CCF). Im Kontext des betrieblichen Einkaufs und der Unternehmensberichterstattung ist stets der Corporate Carbon Footprint gemeint, wenn nicht explizit ein Produktbezug besteht.

Methodische Grundlage: GHG Protocol

Der international dominante Standard ist das GHG Protocol Corporate Accounting and Reporting Standard (Version 2004, aktualisiert 2015), entwickelt vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD). Das GHG Protocol teilt Emissionen in drei Scopes auf:

  • Scope 1: Direkte Emissionen aus eigenen oder kontrollierten Quellen (eigene Verbrennung, Prozessemissionen, Fahrzeugflotte). Vgl. [[scope-1-emissionen]].
  • Scope 2: Indirekte Emissionen aus zugekaufter Energie (Strom, Fernwarme, Dampf). Vgl. [[scope-2-emissionen]].
  • Scope 3: Alle ubrigen indirekten Emissionen entlang der Wertschopfungskette (15 Kategorien, eingekaufte Waren, Transporte, Nutzungsphase der eigenen Produkte). Vgl. [[scope-3-emissionen]].

Alle Treibhausgase – CO2, CH4, N2O, HFC, PFC, SF6, NF3 – werden mit ihrem 100-Jahres-Global-Warming-Potential (GWP100) in CO2e umgerechnet (vgl. [[co2e]]). Basis: IPCC Sixth Assessment Report (AR6, 2021) fur aktuellste GWP-Werte.

Normative Rahmenbedingungen: ISO 14064 und CSRD/ESRS E1

Die internationale Normenreihe ISO 14064 spezifiziert Anforderungen an die Quantifizierung, Berichterstattung und Verifizierung von Treibhausgasinventaren. ISO 14064-1 definiert die Inventarisierung auf Organisationsebene (entspricht dem CCF), ISO 14064-3 die externe Prufung (Verification).

Unter CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) mussen kapitalmarktorientierte und grosse Unternehmen in der EU ab dem Geschaftsjahr 2024 (Erstbericht 2025) nach ESRS E1 (Klimawandel) uber ihren CO2-Fussabdruck berichten. ESRS E1-6 fordert die Angabe der absoluten Scope-1-, Scope-2- (location-based und market-based) und wesentlichen Scope-3-Emissionen sowie einen Vergleich zum Basisjahr. Die Daten werden im Rahmen einer Limited Assurance extern gepruft – ab 2028 soll eine Reasonable Assurance folgen.

Fur den Mittelstand, der nicht direkt CSRD-pflichtig ist, ergibt sich der Druck indirekt: Grosse Kunden (CSRD-pflichtig) brauchen Scope-3-Kategorie-1-Daten von Lieferanten, um ihren eigenen CO2-Fussabdruck ausfuhren zu konnen. Ab 2026 ist zu erwarten, dass Lieferqualifizierungsformulare den CCF des Lieferanten als Pflichtfeld verlangen.

Unterschied CCF und PCF

Der Corporate Carbon Footprint bilanziert die Gesamtemissionen einer Organisation uber alle Tatigkeiten. Der [[product-carbon-footprint]] (PCF) bilanziert die Emissionen, die spezifisch fur ein Produkt uber seinen gesamten Lebenszyklus entstehen (Cradle-to-Gate oder Cradle-to-Grave, gemas ISO 14067 oder GHG Protocol Product Standard). CCF und PCF sind verwandt, aber nicht identisch: Ein Unternehmen kann einen niedrigen CCF haben, wenn seine Verwaltungsemissionen gering sind, aber hohe PCFs fur einzelne Produkte, wenn diese materialintensiv sind.

Basisjahr und Reduktionspfad

Ein CCF ist erst aussagekraftig, wenn ein Basisjahr definiert ist. Unternehmen, die Science-Based Targets (SBTi) verfolgen, wahlen ihr Basisjahr so, dass es reprasentativ fur den normalen Geschaftsbetrieb ist (kein COVID-Extremjahr). Der Reduktionspfad (z. B. -42 Prozent bis 2030 vs. 2020) wird dann jedes Jahr gegen den aktuellen CCF gemessen. Wichtig: Unternehmensveranderungen (Zukaufe, Verkaufe, Outsourcing) erfordern eine Rebasierung des Basisjahrs nach GHG Protocol.

CO2-Preis und finanzielle Materiality

Der [[co2-preis]] im EU-ETS betrifft direkt Scope-1-Emissionen emissionshandelspflichtiger Anlagen (ca. 60-70 EUR/t CO2, 2025). Fur nicht ETS-pflichtige Unternehmen entsteht CO2-Kosten indirekt uber Energiepreise (Strom mit eingepreistem CO2) und uber den [[carbon-border-adjustment-mechanism]] (CBAM) bei importierten Waren. Der CCF quantifiziert damit auch die finanzielle Exposition gegenuber kunftigen Emissionspreissystemen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauer in Nordrhein-Westfalen (350 Mitarbeiter, Umsatz 85 Mio. EUR) erstellt seinen ersten CCF fur das Geschaftsjahr 2024, angestossen durch einen Grosskunden, der CSRD-pflichtig ist und Lieferanten-CCF-Daten fur seinen Scope-3-Bericht benotigt.

Scope 1: Erdgasverbrauch Fertigung + Fuhrpark = 780 t CO2e. Scope 2 (location-based): Strombezug 4,2 GWh x 0,380 kg CO2e/kWh = 1.596 t CO2e. Scope 2 (market-based): Grunostrom-Zertifikate decken 100 Prozent – 0 t CO2e.

Scope 3, Kategorie 1 (wesentlich): Stahl 620 t x 1,85 t CO2e/t = 1.147 t CO2e, Aluminium 90 t x 8,1 t CO2e/t = 729 t CO2e, sonstige Kaufteile via Spend-Methode = 340 t CO2e. Gesamtkategorie 1: ca. 2.216 t CO2e.

CCF gesamt (Scope 1 + market-based Scope 2 + wesentliche Scope 3): ca. 2.996 t CO2e. Der Grosskunde erhailt diese Zahl als Kategorie-1-Beitrag fur seinen eigenen ESRS E1-6-Bericht. Der Einkaufsleiter identifiziert Stahl als grosten Hebel und startet Lieferantengesprache uber Elektrolichtbogenofen-Stahl mit niedrigerem PCF.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1: Scope 3 weglassen. Manche Unternehmen berichten nur Scope 1 und Scope 2 und nennen das ihren CO2-Fussabdruck. Das ist formal unvollstandig und tragt zur Fehlinformation bei: 70-90 Prozent der Emissionen eines produzierenden Unternehmens liegen typischerweise in Scope 3. ESRS E1 verlangt die Offenlegung wesentlicher Scope-3-Kategorien.

Fehler 2: Basisjahr nicht festlegen. Ohne Basisjahr ist kein Reduktionsfortschritt messbar. Die Wahl des Basisjahrs ist strategisch: Ein emissionsreiches Basisjahr (z. B. 2019) macht spatere Reduktionen leichter erreichbar; ein atypisches Jahr (z. B. 2020 COVID) ist als Basisjahr ungeeignet.

Fehler 3: CCF und PCF verwechseln. Wenn ein Grosskunde nach dem CO2-Fussabdruck eines spezifischen Bauteils fragt, ist ein PCF nach ISO 14067 gemeint – nicht der CCF des Lieferanten. Beides einzufordern ist legitim, aber fur unterschiedliche Zwecke.

Fehler 4: Emissionsfaktoren nicht jahrlich aktualisieren. Der deutsche Strommix-Emissionsfaktor andert sich jahrlich mit dem Energiemix. Ein CCF-Bericht, der drei Jahre alte Faktoren verwendet, weicht moglicherweise um 10-20 Prozent ab.

Verhandlungskontext: Der CCF eines Lieferanten ist ein zunehmend relevanter Qualifikationsfaktor. Einkaufer, die CCF-Daten systematisch erfassen, konnen CO2-Intensitat pro EUR Einkaufsvolumen (Scope-3-Intensitat) als Lieferantenbewertungskennzahl einsetzen – und bei Jahresgesprächen als Argument fur Preisverhandlungen nutzen, wenn ein Lieferant mit hohem CCF durch einen emissionsarmeren ersetzt werden konnte.

Verwandte Begriffe

  • [[scope-1-emissionen]] – Direkte Emissionen als erster Bestandteil des CCF
  • [[scope-2-emissionen]] – Emissionen aus zugekaufter Energie
  • [[scope-3-emissionen]] – Wertschopfungskettenemissionen, oft grosster CCF-Anteil
  • [[co2e]] – CO2-Aquivalente als Berechnungsgrundlage
  • [[product-carbon-footprint]] – Produktbezogene Emissionsbilanz (PCF), Subset des CCF
  • [[nachhaltiger-einkauf]] – Strategischer Rahmen fur CCF-Reduktion durch Beschaffungsentscheidungen
  • [[carbon-border-adjustment-mechanism]] – EU-Grenzausgleich, der CCF-Daten von Importeuren verlangt
  • [[nachhaltigkeitsbericht]] – Berichterstattungsrahmen, in dem der CCF veroffentlicht wird

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