Cost Breakdown Erweitert
Cost Breakdown Erweitert
Eine erweiterte Cost Breakdown Analyse zerlegt den Angebotspreis eines Lieferanten in seine kalkulatorischen Bestandteile und macht damit transparent, wie sich der Gesamtpreis aus Einzelkostenarten zusammensetzt. Anders als die einfache Drei-Block-Sicht (Material, Lohn, Gewinn) arbeitet die erweiterte Variante mit fünf Hierarchieebenen: Rohmaterial und Halbzeuge, Direktlohn inklusive Maschinenstundensatz, Material- und Fertigungsgemeinkosten, SG&A (Selling, General and Administrative) sowie Gewinnmarge.
Detaillierte Erklärung
Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) weist in der Studie Kostenmanagement im Einkauf 2024 darauf hin, dass diese Tiefe nötig ist, weil in der Industrie zwischen 45 und 65 Prozent der Herstellkosten auf Material entfallen, weitere 15 bis 25 Prozent auf Fertigung und der Rest auf Gemeinkosten plus Marge. Auf Ebene 1 stehen die Rohmaterialien mit Mengen, Werkstoffgüte (etwa nach DIN EN 10025 für Baustähle) und Indexpreis (LME, Argus, MEPS). Ebene 2 erfasst den Direktlohn über Stückzeit, Maschinenstundensatz und Personalstundensatz, der laut BME-Benchmark in Deutschland 2024 zwischen 65 und 110 EUR pro Stunde für Zerspanung und 35 und 70 EUR pro Stunde für Montage liegt.
Ebene 3 umfasst die Materialgemeinkosten (typisch 5 bis 12 Prozent Zuschlag auf Materialeinzelkosten) und Fertigungsgemeinkosten (typisch 80 bis 250 Prozent auf Fertigungseinzelkosten), Ebene 4 die Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten (SG&A) mit 8 bis 18 Prozent Aufschlag. Ebene 5 weist die Gewinnmarge separat aus, im DACH-Maschinenbau üblicherweise 4 bis 9 Prozent EBIT. ABB, Bosch und Siemens nutzen seit 2018 standardisierte Cost-Breakdown-Templates, die genau diese fünf Ebenen abfragen, um Lieferantenangebote belastbar zu vergleichen. Der BME bietet über seine Akademie eine Vorlage an, die diese Struktur in Excel abbildet. Verwandte Konzepte sind das Should-Cost-Modell und die Open-Book-Kalkulation.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Hersteller von Hydraulikkomponenten aus Hessen mit 580 Mitarbeitenden fordert für ein neues Hochdruckventil mit 28.000 Stück Jahresvolumen ein Cost-Breakdown-Sheet von drei eingeladenen Lieferanten an. Lieferant A bietet 47,80 EUR pro Stück, Lieferant B 52,40 EUR, Lieferant C 49,10 EUR. Die fünfstufige Aufgliederung zeigt: Lieferant A weist nur 38 Prozent Materialanteil aus (Rohstahl 1.4404 zu 5,80 EUR pro kg, Volumen 3,1 kg), während Lieferant B 51 Prozent angibt; bei gleichem Materialindex deutet das auf eine Materialwertkalkulation mit Mehrverbrauchsannahme hin. Auf Lohnseite kalkuliert C mit 89 EUR Maschinenstundensatz versus 102 EUR bei A, was bei 24 Minuten Bearbeitungszeit pro Stück 5,20 EUR Differenz ausmacht. Die SG&A-Quote bei B liegt mit 21 Prozent über dem Branchenbenchmark; in der Verhandlung erzielt der Einkäufer eine Reduktion auf 14 Prozent und damit 3,80 EUR Stückpreissenkung. Effekt aufs Jahr: rund 106.400 EUR.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die Akzeptanz pauschaler Aufschlagsätze ohne Hinterfragung. Ein Fertigungsgemeinkostenzuschlag von 220 Prozent klingt branchenüblich, kann aber bei einem hochautomatisierten Werk mit Anlageninvestitionen von 25 Mio EUR anders aussehen als bei einer manuellen Werkstatt. Verlangen Sie pro Aufschlagsposition eine Kurzbegründung mit Anlageninvestitionsvolumen und Auslastungsgrad.
Der zweite Fehler ist das fehlende Abprüfen des Materialindex. Lieferanten setzen oft den Listenpreis ihres Stahlhändlers an, nicht den Marktindex. Bei Stahl 1.4404 liegt der MEPS-Index Q1 2026 bei 3.450 EUR pro Tonne; eine Listenpreisangabe von 4.200 EUR pro Tonne enthält 21 Prozent Aufschlag durch den Zwischenhändler, den Sie als Verhandlungshebel nutzen können.
Der dritte Verhandlungsfehler ist die Nutzung der Cost Breakdown als Audit-Instrument statt als Dialoggrundlage. Ein zu detaillierter Audit-Style-Approach erzeugt Defensivverhalten beim Lieferanten und führt zu unrealistischen Beschönigungen. Strukturieren Sie das Cost-Breakdown-Gespräch als gemeinsame Optimierungsdiskussion mit klaren Win-Win-Hebeln pro Aststufe.
Verwandte Begriffe
Die erweiterte Cost Breakdown ergänzt den [[total-cost-tree]] durch Ebenenlogik, liefert die Datenbasis für [[clean-sheet-kalkulation]] und steht in direkter Wechselwirkung mit der [[open-book-kalkulation]] eines strategischen Lieferanten.