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Procari Lexikon Design-to-Value
Einkaufslexikon

Design-to-Value

Design-to-Value

Design-to-Value ist eine strukturierte Methodik, bei der Produkte und Komponenten von Beginn der Entwicklung an konsequent auf ihren Kundenwert hin gestaltet werden — mit dem Ziel, jeden Euro Herstellkosten einem tatsaechlich zahlungsbereit honorierten Nutzen zuzuordnen und funktionslose Kosten systematisch zu eliminieren, bevor sie in der Serienfertigung eingefroren sind.

Detaillierte Erklärung

Design-to-Value (DtV) geht konzeptionell auf Lawrence Miles zurueck, der in den 1940er Jahren bei General Electric die Wertanalyse (Value Analysis) entwickelte und 1961 in seinem Standardwerk "Techniques of Value Analysis and Engineering" beschrieb. Waehrend [[design-to-cost]] primaer einen Kostenzielwert als harte Schranke behandelt, fragt Design-to-Value zunaechst: Welche Funktion schafft fuer welches Kundensegment welchen messbaren Nutzen — und was ist dieser Nutzen wert? Erst in einem zweiten Schritt wird geprueft, wie teuer die Realisierung dieser Funktion im aktuellen Entwurf ist, und ob die Kostendifferenz durch echte Kundenpraeferenzen gerechtfertigt wird.

In der DACH-Automobilindustrie hat das Konzept mit der Verbreitung von Target-Costing-Prozessen nach dem Toyota-Vorbild (Genka Kikaku) ab den 1990er Jahren Einzug gehalten. Die VDA-Empfehlung 4905 "Wertanalyse im Fahrzeugbau" und der DIN EN 12973 (Value Management) bilden den normativen Rahmen. McKinsey beschreibt Design-to-Value seit seinem 2012 erschienenen Beitrag "The new math of value management" als zentrale Hebelgroesse fuer OEM-Margenverbesserungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich des Umsatzes.

Der typische Ablauf umfasst vier Stufen. Erstens die Funktionsdekonstruktion: Das Produkt oder Modul wird in Primaer-, Sekundaer- und ungewollte Funktionen zerlegt (FAST-Diagramm, Function Analysis System Technique). Zweitens die Kundenwertbewertung: Welche Funktionen zahlt das Zielsegment tatsaechlich — gemessen ueber Conjoint-Analysen, Willingness-to-Pay-Studien oder interne Vertriebsdaten zu Optionsbuchungen? Drittens die Kostenzuordnung: Welche Herstellkosten (Material, Fertigungsschritte, Investitionsumlagen) sind welcher Funktion zuzuordnen? Dies geschieht ueber [[prozesskostenrechnung]] oder aktivitaetsbasierte Kostentraegerrechnung. Viertens die Value-Gap-Bewertung: Wo uebersteigen Kosten den zugeordneten Kundenwert deutlich, und welche Konstruktionsalternativen schliessen diesen Gap?

In der Praxis wird Design-to-Value oft in Stage-Gate-Prozessen institutionalisiert: Vor dem Uebergang von der Konzeptphase in die Serienentwicklung (typischerweise Gate 2 oder 3) muss ein Value-Gap-Bericht vorliegen. Der Einkauf ist dabei kein passiver Empfaenger von Stuecklisten, sondern aktiver Teilnehmer in Cross-functional-Value-Engineering-Teams (CVET), in denen Lieferanten fruehzeitig eingebunden werden koennen. Die sogenannte "80:20-Regel des eingefrierens" besagt, dass nach Serienanlauf rund 80 Prozent der Herstellkosten konstruktiv fixiert sind und nachtraegliche Einkaufsverhandlungen nur noch an den verbleibenden 20 Prozent arbeiten koennen. Design-to-Value verschiebt den Hebel in die Phase, in der noch 100 Prozent der Kostenstruktur gestaltbar sind.

Der Unterschied zu reiner [[should-cost-analyse]] besteht darin, dass DtV nicht von einem gegebenen Produktdesign ausgeht, sondern die Frage stellt, ob das Design selbst veraendert werden sollte — oder ob Teile einer Baugruppe weggelassen werden koennen, weil der Kunde den entsprechenden Nutzen nicht bewertet.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauer in Nordbayern (520 Mitarbeiter, 130 Mio. Euro Umsatz) entwickelt 2025 eine neue Generation pneumatischer Greifer fuer die Automobilfertigung. Im Stage-Gate-Review stellt das CVET fest, dass eine spezifische Kappenfunktion zur Feuchtigkeitsabdichtung Herstellkosten von 4,80 Euro pro Einheit verursacht, die Vertriebsdaten aber zeigen, dass 74 Prozent der Zielkunden ihre Anlagen in trockenen Hallenumgebungen betreiben und dieses Feature in keiner Kaufentscheidung explizit bewertet wird. Die Willingness-to-Pay-Analyse ergibt eine Zahlungsbereitschaft von hoechstens 1,20 Euro. Der Value-Gap betraegt 3,60 Euro pro Einheit, multipliziert mit der Jahresmenge von 18.000 Einheiten ergibt das einen strukturellen Kostenueberhang von 64.800 Euro jaehrlich allein fuer diese Funktion. Das CVET entscheidet, das Feature fuer die Standardvariante zu eliminieren und als kostenpflichtiges Upgrade beizubehalten. Der Einkauf kann anschliessend mit dem Spritzgusslieferanten auf Basis der neuen Stueckliste eine ueberarbeitete [[should-cost-analyse]] erstellen und die Einsparung sauber vom konstruktiven Entscheid trennen.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Ein haeufiger Fehler ist die Verwechslung von Design-to-Value mit Cost-Cutting: Wenn das Managementziel "Kosten senken" lautet und Teams beginnen, Funktionen zu streichen, ohne Kundenwertdaten zu beruecksichtigen, entstehen Qualitaetsprobleme, Ruecklaeuferprojekte oder Marktanteilsverluste. Design-to-Value ist keine Sparmassnahme, sondern eine Wertalignierungsaufgabe.

Ein zweiter Fehler ist die spaete Einbindung des Einkaufs: Wenn Konstruktion und Produktmanagement die Funktionsdekonstruktion abschliessen, bevor der Einkauf Marktpreise fuer Alternativen beigesteuert hat, fehlen entscheidungsrelevante Kostendaten. Der Einkauf sollte speatestens ab der Konzeptphase mit aktuellen Lieferantenangeboten und [[preisstrukturanalyse]]-Ergebnissen am Tisch sitzen.

Im Verhandlungskontext ist Design-to-Value ein starkes Argument gegenueber Lieferanten, wenn der Einkauf nachweisen kann, dass eine Bauteilaenderung auf eine Kundenwerteinsicht basiert — nicht auf einseitigem Kostendruck. Lieferanten, die in das CVET eingebunden werden, entwickeln hoehere Investitionsbereitschaft in Prozessoptimierungen und alternative Werkstoffe, weil sie die strategische Richtung frueher kennen.

Verwandte Begriffe

Design-to-Value steht in engem Zusammenhang mit [[design-to-cost]], [[should-cost-analyse]], [[preisstrukturanalyse]], [[total-cost-of-ownership]], [[make-or-buy-analyse]] und [[portfolioanalyse]]. Die Wertanalysemethodik nach DIN EN 12973 ist der normative Referenzrahmen.

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