Durchlaufzeit
Durchlaufzeit
Die Durchlaufzeit beschreibt die Gesamtdauer, die ein Auftrag, ein Werkstück oder eine Bestellung von der Aufgabe bis zur Fertigstellung bzw. Auslieferung benötigt. Sie gilt als einer der entscheidenden Leistungsindikatoren in Beschaffung und Fertigung: Wer Durchlaufzeiten kennt und steuert, gewinnt Lieferfähigkeit und reduziert gebundenes Kapital.
Detaillierte Erklärung
Die Durchlaufzeit setzt sich aus mehreren Teilzeiten zusammen, die in der Produktionswirtschaft und Logistik klar unterschieden werden:
1. Bearbeitungszeit (Rüst- und Ausführungszeit)
Sie umfasst die reine wertschöpfende Zeit: Maschinen laufen, Mitarbeiter fertigen, Qualitätsprüfungen finden statt. In der Praxis macht dieser Anteil häufig nur 10–30 % der gesamten Durchlaufzeit aus.
2. Transportzeit
Die Zeit für den internen Weitertransport zwischen Arbeitsstationen, Lagern und Verladerampen. Besonders in veralteten Hallenkonzepten oder bei mehreren Standorten unterschätzt.
3. Liegezeit (Wartezeit)
Material oder Aufträge warten auf die nächste Bearbeitungsstufe. Liegezeiten entstehen durch Losgrößen-Ineffizienzen, Maschinenüberlastung oder fehlende Kapazitätssteuerung. Sie machen in vielen KMU 60–80 % der Durchlaufzeit aus.
4. Prüf- und Kontrollzeit
Eingangs- und Zwischenprüfungen, dokumentarische Abnahmen oder behördliche Freigaben (z. B. bei CE-Kennzeichnung oder REACH-konformen Materialien) verlängern die Durchlaufzeit erheblich, wenn sie nicht vorausgeplant sind.
Formel nach VDI 3423:
Durchlaufzeit = Rüstzeit + Bearbeitungszeit + Transportzeit + Liegezeit + Kontrollzeit
Im Einkauf ist die Unterscheidung zwischen interner Durchlaufzeit (eigene Fertigung) und Lieferanten-Durchlaufzeit (externe Beschaffung) essenziell. Letztere fließt in die [[vorlaufzeit]] ein und bestimmt maßgeblich, wann der früheste Liefertermin realistisch ist.
Rechtlicher Rahmen
HGB § 407 regelt den Frachtvertrag und setzt den Rahmen für Transportzeiten bei Binnentransporten. Für Lieferverträge im B2B-Bereich gilt grundsätzlich § 271 BGB zur Fälligkeit — eine vereinbarte Durchlaufzeit ohne Pufferklausel kann als verbindliche Lieferzusage gewertet werden.
Durchlaufzeit und Lagerkosten
Längere Durchlaufzeiten binden Kapital in halbfertigen Erzeugnissen (Work in Progress, WIP). Nach der Formel von Little’s Law gilt: WIP = Durchsatz × Durchlaufzeit. Eine Halbierung der Durchlaufzeit halbiert bei gleichem Durchsatz den WIP-Bestand — direkter Liquiditätseffekt ohne Investition.
Messung und Benchmark
Im DACH-Mittelstand (80–2.000 Mitarbeiter) liegen typische Fertigungs-Durchlaufzeiten bei Lohnfertigung zwischen 3 und 15 Werktagen. Serienproduktion in der Metallverarbeitung erreicht Spitzenwerte unter 24 Stunden. Wer keine eigene Messung hat, orientiert sich am OEE-Referenzwert (Overall Equipment Effectiveness): Anlagen unter 65 % OEE erzeugen überproportional hohe Liegezeiten.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein mittelständischer Maschinenbauer in Bayern (ca. 350 Mitarbeiter) stellt fest, dass Lieferungen an seinen Großkunden regelmäßig 2–3 Tage zu spät eintreffen, obwohl die interne Produktionsplanung eingehalten wird. Eine Durchlaufzeit-Analyse deckt auf:
- Bearbeitungszeit Drehen + Fräsen: 4 Stunden
- Transport zwischen zwei Hallen: 0,5 Stunden
- Liegezeit Qualitätsprüfung (Wartezeit auf Prüfer): 2,5 Werktage
- Versand-Vorlauf: 1 Werktag
Die gesamte Durchlaufzeit beträgt damit 3,5 Werktage, obwohl die reine Bearbeitungszeit unter einem halben Werktag liegt. Der Einkauf passt den Bestellrhythmus nicht an die tatsächliche Durchlaufzeit an, sondern an die Bearbeitungszeit — ein klassischer Planungsfehler.
Nach der Analyse: Der Qualitätsprüfer wird mit einem zweiten Gerät ausgestattet, Prüfaufträge werden nach Dringlichkeit priorisiert. Die Liegezeit sinkt auf 4 Stunden. Die Gesamt-Durchlaufzeit halbiert sich auf 1,5 Werktage. Der Einkäufer verhandelt mit dem Kunden neue Lieferkonditionen auf Basis der belegten Verkürzung.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Fehler 1: Durchlaufzeit mit Lieferzeit verwechseln
Die Durchlaufzeit ist eine interne Größe. Die Lieferzeit umfasst zusätzlich Bestellabwicklung, externe Transportzeit und eventuelle Zollabfertigung. Wer in Verhandlungen nur Lieferzeiten vergleicht, übersieht Puffer, die auf eigene Durchlaufzeiten zurückgehen.
Fehler 2: Keine Pufferzeit einkalkulieren
Viele Einkäufer vereinbaren Liefertermine ohne Puffer auf die gemittelte Durchlaufzeit. Schwankungen (Maschinenausfall, Krankenstand) werden nicht abgebildet. Ergebnis: systematische Lieferverspätungen trotz realistischer Planung. Ein Puffer von 15–20 % auf die gemessene Durchlaufzeit ist industriell üblich.
Fehler 3: Liegezeiten als unabänderlich akzeptieren
Liegezeiten entstehen durch Systemfehler (fehlende Puffer-Kapazität, mangelnde Priorisierung), nicht durch physikalische Gegebenheiten. Sie lassen sich durch Kaizen-Workshops, Engpassanalysen nach TOC (Theory of Constraints) oder einfache Kapazitätsplanung reduzieren.
Verhandlungskontext
Lieferanten, die ihre Durchlaufzeiten transparent ausweisen und belegen können (z. B. durch Fertigungsberichte oder Track-and-Trace-Systeme), erzielen im Mittelstand-Einkauf Vertrauensvorteile. Einkäufer sollten bei Erstbeauftragungen explizit nach der "maximalen Durchlaufzeit unter Vollauslastung" fragen — diese Zahl offenbart den realen Puffer, den der Lieferant hat, viel besser als die kommunizierte Standard-Lieferzeit.
Hebel für Einkäufer:
- Rahmenabruf-Verträge reduzieren administrative Bearbeitungszeiten beim Lieferanten
- Konsignationslager beim Lieferanten verschieben die Durchlaufzeit zeitlich hinter den Bestellpunkt
- EDI-Anbindung eliminiert manuelle Auftragserfassung (typisch 0,5–1 Werktag Einsparung)
Verwandte Begriffe
- [[vorlaufzeit]] — externe Beschaffungsdauer, baut auf der Lieferanten-Durchlaufzeit auf
- [[lieferzeit]] — vertraglich vereinbarte Frist von Bestellung bis Warenannahme
- [[liefertreue]] — Kennzahl, die misst, wie oft die vereinbarte Durchlaufzeit eingehalten wird
- [[just-in-time]] — Produktionsprinzip, das minimale Durchlaufzeiten voraussetzt
- [[sicherheitsbestand]] — Pufferlager, das Schwankungen in der Durchlaufzeit abfängt
- [[lagerhaltung]] — beeinflusst durch WIP-Aufbau bei langen Durchlaufzeiten
- [[transport-management-system]] — Werkzeug zur Messung und Steuerung von Transportanteilen der Durchlaufzeit