eCl@ss
eCl@ss
eCl@ss ist der international verbreitete, ISO-zertifizierte Standard zur Klassifikation und eindeutigen Beschreibung von Produkten und Dienstleistungen in der Beschaffung. Mit seiner hierarchischen Struktur XX-XX-XX-XX ermöglicht eCl@ss es, Materialien lieferantenübergreifend und systemübergreifend vergleichbar zu machen — von [[normteile|Normteilen]] bis zu komplexen [[zulieferteile|Zulieferteilen]].
Detaillierte Erklärung
eCl@ss wurde in den 1990er-Jahren in Deutschland entwickelt und wird heute als eingetragener Verein (eCl@ss e.V.) mit Sitz in Köln gepflegt. Mitglieder sind OEMs, Lieferanten, Software-Anbieter und Branchenverbände aus dem gesamten DACH-Raum und darüber hinaus. Die aktuelle Hauptversion ist eCl@ss 11 (Stand 2025/2026), die gegenüber früheren Versionen erweiterte Merkmalsstrukturen und bessere Unterstützung für digitale Zwillinge bietet.
Aufbau der Klassifikationshierarchie
Die Struktur von eCl@ss besteht aus vier Ebenen, die durch zweistellige numerische Blöcke getrennt durch Bindestriche dargestellt werden:
Segment - Hauptgruppe - Gruppe - Commodity
XX - XX - XX - XX
Beispiele aus der Praxis:
| eCl@ss-Code | Bezeichnung |
|---|---|
| 23-11-01-01 | Hydraulikzylinder, einfachwirkend |
| 23-15-14-01 | Pneumatikzylinder, doppeltwirkend |
| 21-01-04-01 | Kugellager (einreihig) |
| 36-01-01-01 | Sechskantschraube, mit Schaft |
| 19-15-27-02 | Frequenzumrichter |
Auf Commodity-Ebene (4. Ebene) sind Merkmalslisten hinterlegt, die die relevanten technischen Eigenschaften der Produktklasse beschreiben — z. B. Bohrungsdurchmesser, Druckklasse, Werkstoff. Diese Merkmale sind die Grundlage für strukturierte Ausschreibungen und den elektronischen Datenaustausch.
eCl@ss vs. andere Klassifikationsstandards
In der internationalen Beschaffung konkurrieren mehrere Standards:
| Standard | Herkunft | Fokus | Verbreitung DACH |
|---|---|---|---|
| eCl@ss | Deutschland / Europa | Technische Güter, Industrie | sehr hoch |
| UNSPSC | USA (UN-Körperschaft) | Breites Spektrum, Dienstleistungen | mittel (v. a. US-Konzerne) |
| GPC (GS1) | International | Konsumgüter, Handel | niedrig (Nicht-FMCG) |
| ETIM | Europa | Elektrotechnik, Installation | hoch im Elektrohandel |
Für produzierende DACH-Unternehmen ist eCl@ss der De-facto-Standard. UNSPSC ist relevant, wenn US-amerikanische oder internationale Konzernmuttergesellschaften beteiligt sind.
Versionierung und Rückwärtskompatibilität
eCl@ss erscheint in Haupt- und Nebenversionen (z. B. 11.0, 11.1). Codes auf 4. Ebene können zwischen Hauptversionen umbenannt oder zusammengeführt werden. Unternehmen, die eCl@ss in SAP-Klassifizierungssystemen oder in Lieferantenstammdaten einsetzen, müssen Versionsübergänge sorgfältig planen — ein in eCl@ss 9 klassifizierter Lieferantenkatalog ist nicht automatisch mit eCl@ss 11-Feldern kompatibel.
Integration in SAP MM
In SAP werden eCl@ss-Codes typischerweise über das Klassifizierungssystem (Transaktion CL01/CL02) auf Materialnummern hinterlegt. Das Segment "Klasse" entspricht einem eCl@ss-Code, die Merkmale werden als Klassenmerkmale angelegt. Dies ermöglicht:
- Materialsuche über technische Merkmale (nicht nur Materialnummer oder Freitext)
- Spend-Analyse und [[warengruppe|Warengruppen]]-Reporting auf Basis von eCl@ss-Codes
- Konsolidierung von Lieferantenkatalogen (cXML, BMEcat) mit einheitlicher Kodierung
SAP-Materialgruppen und eCl@ss-Codes sind zwei parallele Klassifikationsebenen: Die SAP-Materialgruppe ist unternehmensintern definiert; der eCl@ss-Code ist extern standardisiert und ermöglicht unternehmensübergreifende Vergleichbarkeit.
eCl@ss und BMEcat
BMEcat ist das XML-basierte Katalogformat des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Es verwendet eCl@ss als Klassifikationsstandard für Produkte. Lieferanten, die elektronische Kataloge im BMEcat-Format liefern, müssen ihre Produkte mit validen eCl@ss-Codes versehen — das ist seit Ende der 2010er-Jahre in vielen Großunternehmen Pflicht für Kataloglieferanten.
eCl@ss und [[materialklassifikation|Materialklassifikation]] im DACH-Mittelstand
Viele mittelständische Unternehmen haben ihre internen [[materialklassifikation|Materialklassifikationen]] historisch ohne externe Standards aufgebaut — mit unternehmensinternen Codes, die nicht vergleichbar sind. Die Migration auf eCl@ss ist ein häufiges Projekt im Rahmen von ERP-Einführungen oder Beschaffungsoptimierungsinitiativen. Der Aufwand ist erheblich, der Nutzen aber messbar: [[warengruppe|Warengruppen]]-übergreifende Spend-Analyse, strukturierte Ausschreibungen und Lieferantentransparenz.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein mittelständischer Antriebstechnik-Hersteller in der Schweiz führt eine neue Beschaffungsplattform ein und möchte sein [[direktes-material|direktes Material]] eCl@ss-konform klassifizieren. Von 4.200 aktiven Materialnummern sind bisher nur 800 mit eCl@ss-Codes versehen (Altkatalog eines Lieferanten).
Das Projekt-Team priorisiert zunächst die A-Materialien (Top 10 % nach Jahresumsatz, rund 420 Materialien) und klassifiziert diese manuell auf 4. Ebene. Für die verbleibenden B/C-Materialien wird ein automatischer Klassifikations-Matching-Ansatz genutzt: Freitextbeschreibungen werden gegen eCl@ss 11-Merkmalslisten abgeglichen.
Ergebnis nach 6 Monaten: 2.800 von 4.200 Materialien klassifiziert. Erstmals kann der Einkauf eine Spend-Analyse auf eCl@ss-Commodity-Ebene durchführen und stellt fest, dass Hydraulikzylinder (23-11-01-xx) über 5 verschiedene Lieferanten und 3 Warengruppen verteilt eingekauft werden — Konsolidierungspotenzial von geschätzten 15 % Jahresvolumen.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Fehler 1: Falsche Ebene klassifizieren
Viele Unternehmen klassifizieren nur auf Gruppen-Ebene (3. Ebene, XX-XX-XX), nicht auf Commodity-Ebene (4. Ebene). Auf 3. Ebene sind Produktmerkmale noch nicht hinterlegt — strukturierte Ausschreibungen und Lieferantenvergleiche sind damit nicht möglich.
Fehler 2: Versionsinkonsistenz
Verschiedene Lieferanten klassifizieren mit unterschiedlichen eCl@ss-Versionen (9.0, 10.1, 11.0). Bei der Katalogintegration entstehen Mapping-Fehler. Einkäufer sollten im Lieferantenvertrag die Mindestversion festlegen.
Fehler 3: eCl@ss-Code ohne Merkmalsausprägungen
Ein eCl@ss-Code allein (z. B. "Hydraulikzylinder") reicht für eine strukturierte Ausschreibung nicht aus. Erst die ausgefüllten Merkmale (Hub, Bohrung, Druckklasse, Anschlussgewinde) machen den Code für den technischen Vergleich nutzbar.
Verhandlungskontext
eCl@ss ist kein Verhandlungsinstrument im direkten Sinne, aber ein Enabler für Spend-Transparenz: Wer seinen Einkauf eCl@ss-konform klassifiziert hat, kann Bedarfe konsolidieren, Lieferanten vergleichen und Ausschreibungen präziser formulieren. Das reduziert die Informationsasymmetrie gegenüber Lieferanten — ein struktureller Hebel, der dauerhaft wirkt.
Verwandte Begriffe
- [[materialklassifikation|Materialklassifikation]]
- [[warengruppe|Warengruppe]]
- [[warengruppenschluessel|Warengruppenschlüssel]]
- [[normteile|Normteile]]
- [[zulieferteile|Zulieferteile]]
- [[direktes-material|Direktes Material]]
- [[stueckliste|Stückliste]]