EDI (Electronic Data Interchange)
EDI (Electronic Data Interchange)
EDI ist der strukturierte, automatisierte Austausch von Geschäftsdokumenten zwischen IT-Systemen unterschiedlicher Unternehmen ohne menschliche Zwischenschritte. Bestellungen, Lieferavise, Rechnungen und Bestätigungen wandern in normierten Formaten direkt vom ERP des Käufers in das ERP des Lieferanten. Der internationale Standard EDIFACT wurde 1987 als ISO 9735 verabschiedet.
Detaillierte Erklärung
Technisch ist EDI eine Familie von Nachrichtenstandards, die festlegen, in welchen Segmenten, Datenelementen und Trennzeichen kaufmännische Belege strukturiert werden. Zwei Welten dominieren: EDIFACT (UN/EDIFACT) wird von der UNECE in Genf gepflegt und ist in Europa und Asien Marktstandard, ANSI X12 wird vom Accredited Standards Committee X12 in den USA gepflegt und dominiert Nordamerika. EDIFACT-Nachrichtentypen heißen ORDERS für Bestellungen, ORDRSP für Bestellbestätigungen, DESADV für Lieferavise und INVOIC für Rechnungen. ANSI X12 nutzt nummerische Transaction Sets wie 850 für Purchase Order, 855 für Order Acknowledgement und 810 für Invoice.
Übertragungswege haben sich gewandelt: Klassisches Value Added Network (VAN) wurde weitgehend abgelöst durch AS2-Direktverbindungen, OFTP2 in der Automotive-Branche und seit 2014 zunehmend durch das PEPPOL-Netzwerk auf Basis des AS4-Protokolls. PEPPOL (Pan-European Public Procurement Online) wird von OpenPeppol AISBL aus Brüssel betrieben und bildet die Grundlage der EU-Norm EN-16931 für strukturierte E-Rechnungen. In Deutschland setzt die XRechnung diese EU-Norm um und ist seit Januar 2025 für Empfänger im B2B-Geschäft verpflichtend zu verarbeiten, mit Übergangsfristen bis 2028 für den Versand. Die EU-Initiative ViDA (VAT in the Digital Age) macht PEPPOL-konforme E-Rechnungen für innereuropäische B2B-Transaktionen bis Juli 2030 verpflichtend.
Für Mittelständler relevant: EDIFACT-Anbindung kostet typisch 8.000 bis 25.000 Euro pro Lieferant einmalig plus laufende Mappinggebühren beim Provider. PEPPOL-Onboarding über zertifizierte Access Points wie Seeburger, Comarch oder b4value liegt bei 2.500 bis 6.000 Euro Erstausstattung und ist deutlich günstiger, weil das Netzwerk standardisiert ist.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Lebensmittelhersteller mit 1.400 Mitarbeitenden bestellt monatlich 8.200 Belege bei 340 Lieferanten. Vor EDI-Einführung kostet jede manuelle Bestellung 64 Euro Prozessaufwand, jede manuelle Rechnungserfassung 14 Euro. Mit Einführung von EDIFACT D.96A für die Top-80-Lieferanten (entspricht 73 Prozent des Belegvolumens) und PEPPOL für die nächsten 110 Lieferanten sinken die Prozesskosten auf 8 Euro je Bestellung und 2,40 Euro je Rechnung. Jährliche Ersparnis: 5,1 Millionen Euro bei Investitionskosten von 480.000 Euro im ersten Jahr. Die Skontoquote steigt von 52 auf 94 Prozent, weil Rechnungen statt nach 8 Tagen jetzt am Tag des Eingangs gebucht werden. Die EDI-Quote im gesamten Bestellvolumen wächst innerhalb von 14 Monaten von 0 auf 87 Prozent, die verbleibenden 13 Prozent decken Spotbedarfe und sehr kleine Lieferanten ab.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler ist die Vernachlässigung der Stammdatenqualität: Wenn Materialnummern, Preise und Einheiten zwischen den Partnern nicht synchron sind, produziert EDI fehlerhafte Bestellungen mit hohem Klärungsaufwand statt Effizienz. Zweiter Fehler ist die Ein-Sterne-Anbindung: Wer nur ORDERS überträgt, aber Rechnungen weiter per PDF erhält, verschenkt zwei Drittel des Hebels. Dritter Fehler ist die unklare Verantwortung für Mapping-Änderungen — wenn der Lieferant ein neues Datenfeld einführt und das nicht meldet, brechen Schnittstellen still. Vertraglich gehören EDI-Anbindungen in eine eigene Vereinbarung mit Service Levels für Verfügbarkeit, Reaktionszeiten bei Fehlern und Kostenverteilung bei Mapping-Änderungen.
Verwandte Begriffe
EDI ist die technische Realisierung vieler [[rahmenvertrag]]-Beziehungen im operativen Betrieb, bildet die Grundlage der Bestellabwicklung im [[supply-chain-management]] und sollte vertraglich über ein dediziertes [[service-level-agreement]] mit Verfügbarkeits- und Fehlertoleranzregeln abgesichert werden.