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Procari Lexikon First-Pass-Yield Lieferanten
Einkaufslexikon

First-Pass-Yield Lieferanten

First-Pass-Yield Lieferanten

First-Pass-Yield Lieferanten ist die Kennzahl, die misst, welcher Anteil der von einem Zulieferer gelieferten Teile im Erstdurchlauf ohne Nacharbeit, Sortierung oder Reklamation alle Spezifikationen erfüllt. Sie wird in Prozent angegeben und ist ein Frühindikator für Prozessfähigkeit beim Lieferanten und für die Cost-of-Poor-Quality im eigenen Wareneingang.

Detaillierte Erklärung

Die Formel lautet: First-Pass-Yield = Gut-Teile im Erstdurchlauf / Gesamt-Teile im Erstdurchlauf × 100. Entscheidend ist das Wort "Erstdurchlauf": ein Teil, das nach Sortierung oder Nacharbeit verwendbar wird, zählt als Ausschuss im FPY-Sinn. Damit unterscheidet sich FPY scharf von der Final-Yield, die alle verwertbaren Teile nach Korrektur summiert.

Im Lieferantenkontext wird FPY auf Wareneingangsebene gemessen, üblicherweise in einem rollierenden Zeitfenster von 30, 90 oder 365 Tagen je Sachnummer und Lieferant. Manche Einkaufsorganisationen rechnen FPY nicht in Stück, sondern in Liefermengen: Anzahl der Wareneingangslieferungen ohne Beanstandung geteilt durch Gesamtzahl der Wareneingangslieferungen. Beide Varianten sind zulässig, müssen aber im Liefervertrag eindeutig definiert sein.

Die Kennzahl spielt eine zentrale Rolle in der Automobilzulieferung nach IATF 16949. Dort verlangt die Norm in Abschnitt 8.4.2.4, dass Kunden Lieferantenleistung nach Qualität und Lieferung bewerten. FPY ist neben PPM-Defect-Rate die wichtigste Kennzahl im Qualitätsteil dieser Bewertung. Auch die VDA 6.3 Prozessauditierung adressiert FPY indirekt über die Bewertung der Prozessfähigkeit (Cmk, Cpk) im Auditfragenkatalog P6.

In SAP-Systemen wird FPY meist aus den Q-Bewegungsarten 321 (frei verwendbar) und 322 (gesperrt) abgeleitet, in QM-Modulen über Prüflose und Verwendungsentscheide. Reine ERP-Auswertungen reichen jedoch oft nicht: Sortier- und Nacharbeitsaktionen passieren häufig auf Werkerebene und werden nicht als 322-Buchung sichtbar. Daher koppeln viele Einkaufsabteilungen FPY-Reports an MES- oder Q-Statistik-Systeme wie Babtec, CAQ AG Factory oder iqs Software.

Ein FPY von 99,5 Prozent klingt hoch, entspricht aber 5.000 PPM und liegt damit weit über dem in der Automobilindustrie üblichen Zielkorridor von 25 bis 50 PPM. In Pharma und Lebensmittel sind die Erwartungen wegen Chargenkontamination noch strenger, in der Maschinenbauzulieferung mit Einzelfertigung dagegen niedriger.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Tier-1-Automobilzulieferer aus Baden-Württemberg mit rund 850 Mitarbeitern und 240 Mio. EUR Umsatz produziert Sitzkomponenten für einen OEM in Bayern. Der Einkauf bezieht Stanzteile von vier Lieferanten in Deutschland, Tschechien und Polen. Im Q2 2025 fällt im monatlichen QM-Report auf, dass Lieferant C aus Plzen mit 96,8 Prozent FPY hinter den anderen drei (98,9 / 99,4 / 99,1) zurückbleibt. Die Liefermenge im Q2 betrug 412.000 Stück bei einem Stückpreis von 3,40 EUR, also 1,40 Mio. EUR Bestellvolumen.

Der Strategische Einkäufer rechnet die Cost-of-Poor-Quality: 3,2 Prozent FPY-Lücke entsprechen rund 13.200 Ausschuss-Teilen. Bei einem internen Sortier- und Nacharbeitsaufwand von 1,80 EUR pro Teil plus 0,40 EUR Logistikrückführung ergibt sich ein Mehrkostenblock von 29.040 EUR im Quartal, also 116.000 EUR auf das Jahr hochgerechnet.

Der Lieferantenentwickler des Einkaufs setzt am 15. Juli 2025 ein 8D-Verfahren auf und vereinbart einen VDA-6.3-Prozessaudit für den 3. September 2025. Im Audit zeigt sich, dass Lieferant C eine SPC-Regelkarte für die kritische Stanzhöhe zwar führt, aber Cpk-Werte unter 1,33 nicht aktiv eskaliert. Der OEM verlangt Cpk ≥ 1,67 für Sicherheitsmerkmale.

Im Maßnahmenplan werden bis 30. November 2025 drei Schritte vereinbart: neue Werkzeugaufnahme (Investition 38.000 EUR, vom Lieferanten zu tragen), wöchentlicher Cpk-Bericht an den Kunden, Wiederholaudit Februar 2026. Der Einkauf koppelt 70 Prozent des Volumens für Q4 2025 an die Lieferanten A und B um. Ergebnis: FPY für Lieferant C steigt im Januar 2026 auf 99,2 Prozent, der Einkauf führt das Volumen bis April 2026 auf 90 Prozent zurück, behält aber 10 Prozent dauerhaft als Zweitquelle.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die mangelnde Definitionsschärfe. Wenn Vertrag und QM-Handbuch nicht festlegen, ob FPY auf Stückzahlbasis oder Lieferungsbasis gerechnet wird, entstehen bei Eskalation Streitigkeiten. Empfehlung: Die Definition gehört in den Q-Vertrag-Automotive oder in das Quality Assurance Agreement (QAA), inklusive Stichprobenplan nach DIN ISO 2859-1 und Berechnungszeitraum.

Zweiter Fehler: FPY wird isoliert betrachtet. Ein Lieferant mit 99,5 Prozent FPY, aber 78 Prozent Liefertreue, ist insgesamt schlechter als einer mit 98,8 Prozent FPY und 96 Prozent Liefertreue. Die BME-Kennzahlensystematik empfiehlt eine gewichtete Lieferantenbewertung mit Qualität (40 Prozent), Liefertreue (30 Prozent), Preis (20 Prozent) und Service (10 Prozent).

Dritter Fehler: Sortierkosten werden nicht zurückbelastet. Der QAA-Mustertext der VDA enthält in §6.3 eine 8D-Belastungsklausel inklusive Pauschale pro Sortieraufwand (typisch 75-150 EUR pro Stunde plus Materialhandling). Wer diese Klausel nicht zieht, verschenkt jährlich fünf- bis sechsstellige Beträge.

Im Verhandlungskontext lohnt sich eine Staffelung: Bei FPY ≥ 99,5 Prozent gewährt der Lieferant einen Treuebonus von 0,5 Prozent auf den Jahresumsatz, bei FPY < 98,0 Prozent zieht der Einkauf einen Malus von 1,0 Prozent. Beidseitig vertraglich messbar, mit 12-Monats-Rolling-Window. Wichtig: Die Kennzahl muss aus einem unbeeinflussbaren System (ERP/QM) kommen, nicht aus Einkaufstabellen.

Verwandte Begriffe

  • [[reklamationsquote]] — komplementäre Kennzahl, misst formal eingereichte Reklamationen pro Liefereinheit; FPY erfasst auch nicht reklamierte Sortierfälle.
  • [[ppap-automotive-detail]] — Production Part Approval Process, der Erstmusterfreigabe-Mechanismus, der die FPY-Erwartung im Serienanlauf definiert.
  • [[vda-6-3]] — Prozessaudit-Norm der deutschen Automobilindustrie, deren Kapitel P6 Prozessfähigkeit und damit FPY direkt bewertet.
  • [[six-sigma]] — Methodik zur Reduktion von Prozessstreuung; FPY-Lücken werden klassisch mit DMAIC-Projekten geschlossen.
  • [[lieferantenbewertung]] — die Gesamtbewertung des Lieferanten, in die FPY als Qualitätskomponente einfließt.

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