Greenhouse Gas Protocol (GHG)
Greenhouse Gas Protocol (GHG)
Greenhouse Gas Protocol, kurz GHG Protocol, ist das international meistgenutzte Regelwerk zur Bilanzierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen auf Unternehmensebene. Es wurde 2001 vom World Resources Institute WRI und dem World Business Council for Sustainable Development WBCSD erstmals veröffentlicht und 2004 grundlegend überarbeitet. 97 Prozent der Fortune-500-Unternehmen, die 2023 an das CDP berichteten, nutzen das GHG Protocol direkt oder indirekt als methodische Grundlage.
Detaillierte Erklärung
Das GHG Protocol entstand 1998 als Multistakeholder-Initiative von WRI, WBCSD, Regierungen, NGOs und etwa 350 Unternehmen mit dem Ziel, eine einheitliche Bilanzierungsmethodik für Treibhausgase zu schaffen. Die zentrale Publikation, der Corporate Accounting and Reporting Standard, kurz Corporate Standard, erschien 2001 und etablierte die Aufteilung der Emissionen in drei Geltungsbereiche, die heute jeder DACH-Einkäufer kennt: Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus eigenen Anlagen und Fahrzeugen, Scope 2 die indirekten Emissionen aus eingekaufter Energie und Scope 3 alle übrigen indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette in 15 definierten Kategorien. Ergänzt wird der Corporate Standard durch die 2011 veröffentlichte Scope 3 Standard, die Scope 2 Guidance von 2015 mit der Trennung in Location-Based und Market-Based Method sowie den Product Standard für Lebenszyklusbilanzen einzelner Produkte.
Die methodische Tiefe und Verbreitung machen das GHG Protocol zur faktischen Pflicht: 92 Prozent der berichtenden Fortune-500-Unternehmen nutzten es laut CDP 2016, 2023 stieg dieser Anteil auf 97 Prozent der berichtenden S&P-500-Firmen. Die ESRS-Berichterstattung im Rahmen der CSRD verweist im ESRS E1 explizit auf die GHG-Protocol-Methodik, ebenso die ISO 14064-1 Norm und die Science Based Targets Initiative SBTi. Für den DACH-Einkauf ist insbesondere die Kategorie 3.1 Purchased Goods and Services kritisch, weil sie typischerweise 60 bis 80 Prozent der gesamten Scope-3-Bilanz ausmacht. Das GHG Protocol Land Sector and Removals Guidance (Stand 2024) und die laufende Revision des Corporate Standard mit erwarteter Finalisierung 2027 (Standard Development Plan, GHG Protocol, Dezember 2024) zeigen, dass die Methodik weiter geschärft wird, vor allem für Land-Use-Change-Emissionen und Carbon-Removals.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Automobilzulieferer aus Niedersachsen mit 1.850 Mitarbeitenden und 410 Mio EUR Einkaufsvolumen erstellt seine erste GHG-Protocol-konforme Bilanz vor der CSRD-Pflicht ab Geschäftsjahr 2025. Scope 1 (Werks-Erdgas und Werksverkehr) liegt bei 8.400 tCO2e, Scope 2 (Strom marktbasiert mit Herkunftsnachweisen) bei 2.100 tCO2e. Scope 3 dominiert mit 142.000 tCO2e, davon entfallen 109.000 tCO2e auf Kategorie 3.1 Purchased Goods and Services. Der Einkauf identifiziert drei Hauptverursacher: Aluminium-Druckguss aus China (38.000 tCO2e), Stahl aus der Türkei (24.500 tCO2e) und Elektronikkomponenten aus Vietnam (18.200 tCO2e). Eine spend-gewichtete Lieferantenbefragung liefert primärdaten-basierte Emissionswerte für die Top-30-Lieferanten, die zusammen 71 Prozent des Einkaufsvolumens abdecken. Im ersten Bilanzjahr werden die fehlenden 29 Prozent über Sekundärdaten der GHG-Protocol-Datenbank approximiert. Die Reduktion der Sekundärdatenanteils auf unter 15 Prozent wird im SBTi-Validierungsprozess als Voraussetzung für die Anerkennung des Near-Term-Targets gefordert.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die Verwechslung von Location-Based und Market-Based Method in Scope 2. Die Location-Based-Methode nutzt den nationalen Strommix-Emissionsfaktor (Deutschland 2024: rund 354 g CO2 pro kWh laut Umweltbundesamt), die Market-Based-Methode rechnet vertraglich beschaffte Herkunftsnachweise und Grünstrom an. Die GHG-Protocol-Scope-2-Guidance verlangt seit 2015 die Berichterstattung beider Werte. Wer nur die niedrigere Market-Based-Zahl kommuniziert, verstößt gegen die Methodik und riskiert Greenwashing-Vorwürfe.
Der zweite Fehler ist die organisatorische Abgrenzung. Das GHG Protocol kennt drei Konsolidierungsansätze: Equity Share, Financial Control und Operational Control. Konzerne mit Joint Ventures und Minderheitsbeteiligungen erhalten je nach Ansatz dramatisch unterschiedliche Bilanzen. Die einmal gewählte Methode muss konsistent über Jahre angewendet werden; ein Wechsel löst Restatement-Pflichten für die Vorjahre aus.
Der dritte Verhandlungsfehler ist das Akzeptieren von Cradle-to-Gate-Werten ohne klar definierte Systemgrenze. Lieferanten liefern oft Carbon Footprints mit unterschiedlichen Annahmen zu Stromherkunft, Land-Use-Change und biogenen Emissionen. Verlangen Sie eine ISO-14067- oder Product-Standard-konforme Berechnung mit explizit dokumentierter Systemgrenze, sonst sind die Werte zwischen Lieferanten nicht vergleichbar.
Verwandte Begriffe
Das GHG Protocol bildet die methodische Grundlage für die [[scope-3-emissionen]]-Bilanzierung im Einkauf, ist Pflichtreferenz im [[cdp-carbon-disclosure-project]] und liefert die Datenbasis für jede [[science-based-targets]]-Validierung.