Indirekter Einkauf
Indirekter Einkauf
Indirekter Einkauf umfasst alle Beschaffungen, deren Ergebnis nicht in das verkaufte Produkt eingeht, sondern den Betrieb des Unternehmens aufrechterh??lt. Von Büromaterial über IT-Lizenzen bis zu Reinigungsdienstleistungen — wer den Indirekten Einkauf professionalisiert, findet regelmäßig 5–15 % Sparpotenzial in einem Bereich, der oft wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Detaillierte Erklärung
Indirekter Einkauf, englisch Indirect Procurement, bezeichnet die Beschaffung von Waren und Dienstleistungen, die für den Geschäftsbetrieb notwendig sind, aber nicht unmittelbar in das Endprodukt einfließen. Die klassische Gliederung erfolgt nach den Kategorien MRO (Maintenance, Repair, Operations), IT, Professional Services, Facility Management, Marketing und HR-bezogene Leistungen.
Typische Kategorien des indirekten Einkaufs:
- MRO (Wartung, Instandhaltung, Betrieb): Ersatzteile für Produktionsanlagen, Schmier- und Reinigungsmittel, Arbeitsschutzausrüstung (PSA), Werkzeuge. Rechtlich relevant: Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV), TRBS.
- IT und Telekommunikation: Software-Lizenzen, Cloud-Services (SaaS, IaaS), Hardware, Mobilfunkverträge. Vertragsrechtlich oft AGB-lastig mit langen Laufzeiten.
- Professional Services: Unternehmensberatung, Rechtsanwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfer, Zeitarbeit. Hier ist die Abgrenzung Werkvertrag vs. Dienstvertrag (BGB §§ 611, 631) arbeitsrechtlich relevant — Scheinselbstständigkeit ist ein echtes Compliance-Risiko.
- Marketing und Kommunikation: Drucksachen, Messen, Werbeagenturen, Digitalmarketing. Häufig fachbereichsgesteuert mit wenig Einkaufsbeteiligung.
- Facility Management: Gebäudereinigung, Sicherheitsdienste, Catering, Energiebeschaffung.
- Reise und Mobilität: Geschäftsreisen, Fuhrpark, Bahnkarten, Hotelbuchungen.
Im Gegensatz zum direkten Einkauf ist der indirekte Einkauf oft dezentral organisiert: Fachabteilungen beschaffen eigenständig, es entstehen "Maverick Buying" (nicht-konformes Beschaffen außerhalb genehmigter Lieferanten und Rahmenverträge) und unkoordinierte Ausgaben. Laut Hackett Group 2024 betreibt nur etwa ein Drittel der mittelständischen Unternehmen eine vollständig zentralisierte Steuerung des indirekten Einkaufs.
Spend-Analyse ist das zentrale Instrument: Bevor Einsparungen erschlossen werden können, müssen alle Ausgaben nach Warengruppe, Lieferant und Kostenstelle klassifiziert werden. In einem Mittelständler mit 120 Mio. EUR Umsatz finden sich im indirekten Einkauf typischerweise 400–1.200 aktive Lieferanten, von denen ein Großteil auf den sogenannten "Long Tail" (Kleinstbestellungen <500 EUR, viele Einzellieferanten) entfällt.
Das Konsolidierungspotenzial ist erheblich: Durch Lieferantenbündelung im MRO-Bereich auf 2–3 Systemlieferanten (z. B. Würth, Hoffmann Group, Berner) lassen sich Einkaufspreise um 8–20 % senken und Bestell- und Verwaltungskosten drastisch reduzieren. Das Ziel-Preis-pro-Bestellung sinkt von oft 80–120 EUR auf 15–25 EUR Prozesskosten.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ausgangslage: Die Geiger Maschinenbau GmbH aus Rosenheim (290 Mitarbeitende, Umsatz 48 Mio. EUR, Sondermaschinenbau) erkennt im Rahmen einer Spend-Analyse im Januar 2025, dass der indirekte Einkauf über 387 aktive Lieferanten verteilt ist — darunter 214 Lieferanten mit einem Jahresumsatz unter 1.000 EUR. Gesamtausgaben indirekt: ca. 4,8 Mio. EUR p.a. (ca. 10 % des Umsatzes).
Aufgabe der Einkaufsleiterin: Anna Breitner, neu im Amt seit Oktober 2024, initiiert ein dreimonatiges Konsolidierungsprojekt.
Phase 1 — Spend-Analyse (Januar/Februar 2025):
Alle Buchungsbelege aus SAP FI/MM der letzten 24 Monate werden nach UNSPSC-Code klassifiziert. Ergebnis: 38 % der indirekten Ausgaben entfallen auf MRO (1,82 Mio. EUR), 22 % auf IT (1,06 Mio. EUR), 18 % auf Dienstleistungen (864.000 EUR), Rest auf Reise, Marketing, Sonstiges.
Phase 2 — Konsolidierung MRO (März 2025):
Bisher 62 MRO-Lieferanten. Breitner schreibt einen MRO-Systemlieferanten-Vertrag aus: Anfrage an Würth, Hoffmann Group und einen regionalen Fachhändler. Hauptkriterien: Sortimentsbreite >200.000 Artikel, VMI-Fähigkeit (Vendor Managed Inventory) für die Fertigungshallen, eProcurement-Anbindung an SAP. Ergebnis: Rahmenvertrag mit Würth, Rückvergütungsmodell 3 % ab 150.000 EUR p.a., Laufzeit 3 Jahre. Erwartete Einsparung: 220.000 EUR p.a. (Preise + Prozesskosten).
Phase 3 — IT-Lizenzen (April/Mai 2025):
Software-Audit ergibt 23 aktive SaaS-Abonnements, davon 7 mit Überlizenzierung. Kündigung nicht genutzter Seats, Konsolidierung auf Microsoft 365 Business Premium für alle Büroarbeitsplätze. Jährliche Einsparung: ca. 38.000 EUR.
Ergebnis nach 6 Monaten: Lieferantenanzahl indirekt von 387 auf 198 reduziert. Gesamteinsparung annualisiert: ca. 310.000 EUR (6,5 % des indirekten Spends). Maverick-Buying-Quote sinkt von 34 % auf 11 %.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
1. Kein Überblick über den Gesamtspend: Ohne Spend-Analyse fehlt die Grundlage für jede Maßnahme. Viele mittelständische Unternehmen kennen ihren direkten Materialeinkauf auf den Cent genau, aber beim indirekten Einkauf fehlt die konsolidierte Sicht. Erste Priorität: Alle ERP-Buchungsbelege klassifizieren.
2. Maverick Buying durch Fachabteilungen: Wenn Mitarbeitende IT-Software, Bürostühle oder Beraterleistungen eigenständig beauftragen und bestellen, entstehen unkontrollierte Ausgaben und Haftungsrisiken (fehlende Verträge, keine Datenschutzprüfung bei SaaS-Tools gemäß DSGVO Art. 28). Gegenmaßnahme: Freigabeprozesse, punch-out-Kataloge, klare Richtlinien.
3. Fehlendes Werkvertrags- vs. Dienstvertrags-Bewusstsein: Bei der Beauftragung externer Dienstleister — Berater, IT-Freelancer, Handwerker — ist die vertragliche Einordnung entscheidend. Scheinselbstständigkeit (§ 611a BGB) kann zu Nachzahlungen von Sozialversicherungsbeiträgen über Jahre führen. Der Einkauf muss bei Dienstleistungsverträgen mit HR und Recht zusammenarbeiten.
4. Zu wenig Verhandlungsmasse beim Long Tail: Kleinstlieferanten werden selten verhandelt, weil der Aufwand den Nutzen übersteigt. Die Lösung ist nicht Verhandlung, sondern Prozessautomation: eProcurement, Punchout-Kataloge, Kreditkarten-basierter Low-Value-Einkauf reduzieren Transaktionskosten um 60–80 %, ohne jeden Lieferanten einzeln verhandeln zu müssen.
5. Energiebeschaffung ohne Marktkenntnis: Strom- und Gasverträge laufen bei vielen Mittelständlern auf Standardtarifen ohne aktive Verhandlung. Bei einem Jahresverbrauch von 500.000 kWh Strom entspricht 1 ct/kWh Unterschied 5.000 EUR jährlich. Energie ist eine eigene Warengruppe, die professionelle Ausschreibung verdient.
Verwandte Begriffe
- [[direkter-einkauf]] — Beschaffung von Produktionsmaterial, das direkt ins Endprodukt eingeht; die Gegenkategorie mit anderen Prozessen und Risikoprofilen.
- [[category-management]] — Strukturierte Steuerung von Warengruppen — im indirekten Einkauf besonders wirksam zur Konsolidierung des Long-Tail-Spends.
- [[lieferantenmanagement]] — Bewertung und Steuerung des Lieferantenportfolios; Konsolidierung indirekter Lieferanten ist typisches erstes Projekt.
- [[outsourcing]] — Strategische Entscheidung, Betriebsfunktionen extern zu vergeben; entsteht oft aus dem indirekten Einkauf heraus.
- [[ausschreibung]] — Formalisiertes Angebotsverfahren, das auch im indirekten Einkauf für größere Dienstleistungsverträge eingesetzt wird.