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Procari Lexikon Initial Sample Inspection Report
Einkaufslexikon

Initial Sample Inspection Report

Initial Sample Inspection Report

Bevor ein Lieferant in die Serie geht, verlangt jede ernst zu nehmende Qualitätsvereinbarung den Nachweis, dass Teile unter regulären Serienbedingungen gefertigt wurden und alle Anforderungen erfüllen — genau das dokumentiert der Initial Sample Inspection Report in einer einzigen, strukturierten Akte.

Detaillierte Erklärung

Der Initial Sample Inspection Report (ISIR) ist das englischsprachige Äquivalent zum deutschen Erstmusterprüfbericht (EMPB) nach VDA Band 2. Beide Dokumente beschreiben denselben Prozess: Der Lieferant fertigt unter Serienvoraussetzungen (Serienmaschinen, Serieneinrichter, Serienwerkzeug, Serienprüfmittel) einen definierten Erstmusterlos und weist anhand eines vollständigen Prüfprotokolls nach, dass das Teil die Zeichnungs- und Spezifikationsanforderungen erfüllt.

ISIR vs. PPAP vs. EMPB — die drei Welten:

Die nordamerikanische Automobilindustrie kennt das Production Part Approval Process (PPAP) der AIAG; das zentrale Freigabedokument darin ist der Part Submission Warrant (PSW). Der ISIR nach VDA Band 2 ist der europäische Gegenentwurf: inhaltlich weitgehend deckungsgleich, terminologisch aber eigenständig. OEMs wie BMW, VW oder Mercedes-Benz fordern den EMPB/ISIR, während Tier-1-Lieferanten mit US-Headquarter oft auf PPAP-Formulare bestehen. In internationalen Projekten müssen Lieferanten häufig beide Formate bedienen.

ISIR-Bestandteile im Überblick:

Ein vollständiger ISIR umfasst mindestens sieben Elemente:

  1. Design Record — Zeichnung oder CAD-Datensatz mit Revisionsstand, den der Lieferant bei Erstmuster zugrunde gelegt hat.
  2. Dimensional Results — Messprotokolle aller bemaßten Merkmale (100 % bei Erstmuster). Jedes Merkmal trägt Nennmaß, Toleranz und Istwert.
  3. Material Certifications — Werkstoffzeugnisse (Chargennachweis, chemische Analyse, mechanische Kennwerte) gemäß EN 10204 3.1 oder 3.2.
  4. Performance Test Results — Funktions- und Lebensdauerprüfungen nach Lasten- oder Prüfvorschrift (z. B. Salzsprühtest, Druckprüfung).
  5. Process Flow Diagram — Ablaufdiagramm aller Fertigungsschritte inklusive Prüfstationen.
  6. PFMEA-Referenz — Verknüpfung zur aktuellen Prozess-FMEA; kritische Merkmale müssen als SC/CC ausgewiesen sein.
  7. Control Plan — Serienüberwachungsplan mit Reaktionsplänen.

Zeitrahmen: Der ISIR muss dem Einkäufer typischerweise 12 Wochen vor SOP (Start of Production) vollständig vorliegen. Fehlen Unterlagen, kann die Erstmusterbemusterung nicht formal abgenommen werden — die Serienfreigabe verzögert sich.

Freigabestufen nach VDA Band 2: Stufe A (uneingeschränkte Freigabe), Stufe B (bedingte Freigabe mit Auflagen), Stufe C (abgelehnt). Nur Stufe A erlaubt den Serienstart ohne zusätzliche Absicherung.

Digitale ISIR-Handhabung: Große Tier-1-Lieferanten übermitteln ISIR-Daten über Portale wie Siemens Teamcenter Quality, BOSCH eSup oder BMW eRFQ/eSRM. Mittelständische Zulieferer arbeiten häufig noch mit Excel-Templates — ein Effizienzproblem, das Projektverzögerungen begünstigt.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein schwäbisches Maschinenbauunternehmen mit 420 Mitarbeitern vergibt einen neuen Auftrag für Präzisions-Aluminiumgehäuse an einen tschechischen Lieferanten. Der Jahresbedarf liegt bei 48.000 Stück, der SOP ist für Kalenderwoche 12 geplant. Der Einkäufer setzt im [[q-vertrag-automotive]] explizit fest: ISIR nach VDA Band 2 vollständig bis KW 49 des Vorjahres, also 13 Wochen vor SOP.

Der Lieferant fertigt einen Erstmusterlos von 30 Stück auf der Serienanlage. Das Koordinatenmessgerät protokolliert alle 87 bemaßten Merkmale; 3 Merkmale zeigen Istwerte nahe der Toleranzgrenze (Cpk 1,21-1,28). Der Lieferant meldet dies offen im ISIR-Deckblatt und schlägt vor, den Werkzeugkorrekturhub zu ändern — ein transparentes Vorgehen, das Vertrauen schafft.

Woche 49: Der ISIR trifft beim Einkäufer ein — jedoch ohne Materialzeugnis nach EN 10204 3.1 für die Chargennummer der zweiten Schmelze. Der Qualitätsingenieur des Kunden gibt sofort Feedback und setzt eine Nachreichfrist von 5 Werktagen. Der Lieferant liefert das Zeugnis fristgerecht nach.

Bewertungsgespräch KW 50: Einkäufer und Qualitätsleiter führen ein ISIR-Review durch. Die drei grenzwertigen Merkmale werden als beobachtungspflichtig klassifiziert; der [[kontrollplan]] für die Serie wird entsprechend verschärft (erhöhte Prüffrequenz in den ersten 4 Wochen). Die Freigabe erfolgt als Stufe A mit Auflagenvermerk.

In KW 1 startet die Serie. Dank des sorgfältigen ISIR-Prozesses gibt es keine Überraschungen an der Linie. Die PPM-Rate im ersten Quartal liegt bei 22 — deutlich unter dem vertraglich vereinbarten Ziel von 50 ppm.

Häufige Realität im Mittelstand: Kleinere Einkaufsabteilungen (2-5 Personen) prüfen ISIR-Unterlagen oft nicht vollständig, weil Zeit fehlt. Die Folge: Mängel tauchen erst in der Serie auf, Reklamationskosten übersteigen die Ersparnis durch den günstigeren Angebotspreis um ein Vielfaches.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — ISIR ohne Serienbedingungen: Lieferanten fertigen Erstmuster auf Sondermaschinen oder mit erhöhtem Handarbeitsanteil. Das ISIR sieht gut aus, die Serie läuft schlechter. Gegenmaßnahme: Im Q-Vertrag "ISIR unter Serienvoraussetzungen (100 % Serientakt, Serieneinrichter)" explizit fordern und beim [[pilot-run]] überprüfen.

Fehler 2 — Unvollständige Materialnachweise: Fehlende oder falsche Chargennummern, 3.2-Zeugnis gefordert aber 3.1 geliefert. Das klingt nach Bürokratie, hat aber haftungsrechtliche Relevanz (Produkthaftung, REACH-Dokumentationspflicht). Einkäufer sollten eine ISIR-Checkliste führen und den Eingang vollständiger Unterlagen als Zahlungsbedingung für die erste Serienrechnung verknüpfen.

Fehler 3 — Kein PFMEA-Abgleich: Das ISIR wird als reine Maßprüfung behandelt; Bezug zur PFMEA fehlt. Kritische Merkmale (SC/CC) werden nicht explizit ausgewiesen. Im Schadensfall kann der OEM nachweisen, dass keine systematische Risikobetrachtung stattfand — Regresshaftung droht.

Fehler 4 — Späte Einreichung: ISIR kommt 3 Wochen vor SOP statt 12 Wochen. Zeit für Nacharbeit, Werkzeugkorrektur und Re-Bemusterung fehlt. Einkäufer setzen daher Milestone-Tracking auf: ISIR-Eingang 12 Wochen vor SOP = kritischer Pfad.

Verhandlungskontext: Der ISIR ist ein Qualitätswerkzeug, aber auch ein Verhandlungshebel. Lieferanten, die einen vollständigen ISIR ohne Beanstandung liefern, bauen Vertrauen auf und können bei der nächsten Preisverhandlung auf diese Track-Record hinweisen. Umgekehrt rechtfertigt ein lückenhafter ISIR-Prozess Pönale-Klauseln, erhöhte Eingangskontrollen auf Kundenkosten (die dem Lieferanten in Rechnung gestellt werden) oder — im Wiederholungsfall — die [[abweichgenehmigung]]-Pflicht für jede weitere Liefercharge.

Verwandte Begriffe

  • [[erstmusterpruefbericht-empb]]
  • [[first-article-inspection]]
  • [[ppap-automotive-detail]]
  • [[kontrollplan]]
  • [[serienfreigabe]]

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