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Procari Lexikon Innovation Funnel
Einkaufslexikon

Innovation Funnel

Innovation Funnel

Innovation Funnel ist das mehrstufige Steuerungsmodell, das eingehende Innovationsideen — überwiegend von Lieferanten, ergänzt durch interne und Open-Innovation-Quellen — schrittweise nach klaren Toren filtert, bewertet, finanziert und bis zur Serienreife begleitet. Er ist Rückgrat jedes professionellen Lieferanten-Innovationsprogramms und liefert die Datenbasis, mit der Einkauf gegenüber Geschäftsleitung Wertbeiträge nachweist.

Detaillierte Erklärung

Henry Chesbroughs Open-Innovation-Modell beschreibt Innovation als Strom, der von Hunderten Eingangsideen bis zu wenigen Markteinführungen kanalisiert wird. Der Funnel ist die operative Umsetzung dieses Bildes. Klassische Industrieumgebungen arbeiten mit fünf Stufen: Idea Capture, Screening, Concept, Develop, Launch. Die VDA-Innovation-Track-Methodik der Automobilindustrie hat das auf sieben Stufen verfeinert (mit getrennten Toren für Konzept-, B-, C-Muster und PPAP), ZVEI/VDMA empfehlen für Maschinenbau ein vereinfachtes Fünf-Tore-Modell.

Jede Stufe hat drei Komponenten. Erstens ein Eintrittstor mit definierten Kriterien — was muss erfüllt sein, damit eine Idee in diese Stufe rückt. Zweitens eine Arbeitsphase mit klar benanntem Owner, Zeitbudget und Investment. Drittens ein Austrittstor, das den Übergang in die nächste Stufe oder den Abbruch entscheidet, dokumentiert und kommuniziert. Die Tore werden von einem Cross-functional Gremium besetzt, üblich mit Einkauf, Engineering, Quality, Finance und einem Markt-Vertreter.

Quantitativ folgt der Funnel typischen Konversionsraten. Bain & Company nennt in der Studie "Innovation through Suppliers" für DACH-Industrieunternehmen Median-Werte: 100 eingereichte Ideen, 35 nach Screening, 14 nach Concept, 6 nach Develop, 3 erreichen Launch. Diese Trichterform ist nicht Schwäche, sondern Notwendigkeit — wer den Trichter weniger eng filtert, finanziert Mittelmaß, wer ihn enger filtert, verliert echte Chancen. Die Kunst liegt in der Kalibrierung der Tore.

KPIs für die Funnel-Steuerung sind die Eingangsrate (Ideen pro Quartal), die Konversionsrate pro Stufe, die Cycle Time pro Stufe (Median in Wochen), das in jeder Stufe gebundene Investment, der erwartete und realisierte Wertbeitrag pro launched Idee, sowie die Abbruchgründe als Verteilung. Reife Organisationen führen einen Innovation-Funnel-Cockpit mit Trend-Daten über mindestens 24 Monate.

Eric von Hippels Forschung zeigt einen kritischen Punkt: Die Eingangsrate hängt nicht vom Marketing des Innovationsportals ab, sondern von der wahrgenommenen Fairness des Funnels. Lieferanten, deren Ideen wiederholt ohne nachvollziehbare Begründung im Screening sterben, hören auf, einzureichen. Transparenz der Kill-Kriterien und Reaktionszeiten sind der wichtigste Hebel zur Steigerung der Eingangsrate.

Beim BME-Innovationspreis prämierte Programme zeigen einen wiederkehrenden Aufbau: Stufe 1 (Idea Capture) ist niedrigschwellig — eine A4-Seite, Online-Form, Quick-Kontakt zum Lead Buyer. Stufe 2 (Screening) ist schnell — maximal vier Wochen Reaktionszeit. Stufe 3 (Concept) ist tief — sechs bis zwölf Wochen, kleines Konzeptbudget für den Lieferanten. Stufe 4 (Develop) ist vertraglich abgesichert — Joint Development Agreement mit IP-Klausel und Anreizmechanik. Stufe 5 (Launch) folgt dem regulären Sourcing-Prozess, weil ab Volumenvergabe Wettbewerbs- und Compliance-Anforderungen greifen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein deutscher Antriebstechnikhersteller, 1.450 Mitarbeiter, 320 Mio. EUR Einkaufsvolumen, betreibt seit drei Jahren einen Innovation Funnel nach ZVEI-Vorbild. Im Stichjahr fließen 196 Ideen in Stufe 1 ein, davon 138 von 42 strategischen Lieferanten, 41 von Bestandslieferanten ohne strategischen Status, 17 aus internen Workshops in Werken und Vertrieb.

Stufe 2 (Screening) tötet binnen 21 Tagen 117 Ideen — Hauptgründe: keine strategische Passung (49), zu hohe regulatorische Hürde (28), bereits in Bearbeitung (22), unklare Hintergrund-IP (18). Die verbleibenden 79 Ideen erhalten ein Concept-Briefing.

Stufe 3 (Concept) verteilt für 79 Ideen je 3.000 bis 18.000 EUR Konzeptbudget an die einreichenden Lieferanten, gegen ein zweiseitiges Konzeptpapier. Nach durchschnittlich 9 Wochen liegen 71 Konzepte vor (8 Lieferanten haben zurückgezogen). Die [[ideenbewertung]] erfolgt im Cross-functional Team gegen die definierte Bewertungsmatrix. 28 Konzepte qualifizieren für Stufe 4.

Stufe 4 (Develop) startet für die 28 priorisierten Ideen mit Joint Development Agreements und Investment zwischen 80.000 EUR und 1,4 Mio. EUR pro Projekt. Die Projekte laufen 8 bis 22 Monate, parallel über drei Stage-Gates intern. 9 Projekte werden während Develop abgebrochen — technische Hürden (4), Lieferantenausfall (2), Marktveränderung (3). 19 Projekte erreichen Stufe 5.

Stufe 5 (Launch) durchläuft den regulären Sourcing-Prozess: bei Volumen über 2 Mio. EUR Lebenszeitwert mit RFQ-Wettbewerb, bei kleineren Volumen über Direktvergabe nach Einkaufsrichtlinie. Im Stichjahr erreichen 14 der 19 Projekte Serienfreigabe, kumulierter Drei-Jahres-Wertbeitrag (harte Einsparung + Umsatzwirkung): 6,8 Mio. EUR. Die übrigen 5 verschieben sich um durchschnittlich 11 Monate, ohne abgebrochen zu werden.

Die Funnel-Konversion (196 → 14) entspricht 7,1 Prozent — leicht über dem Bain-Benchmark. Der entscheidende Wert ist die Cycle Time von Idea Capture bis Serienfreigabe: Median 17,3 Monate, Top-Quartil unter 12 Monaten. Die Geschäftsleitung sieht den Funnel quartalsweise als Cockpit, der Innovationsbeitrag des Einkaufs ist intern messbar geworden.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist der "Ideen-Sammelfunnel ohne Tore". Organisationen, die jede eingereichte Idee dokumentieren, aber keine harten Kill-Entscheidungen treffen, akkumulieren nach zwei Jahren 600 bis 1.200 "in Bearbeitung"-Status-Ideen, die niemand mehr versteht. Reife Funnel haben jedes Quartal eine "Aufräum-Runde", in der Stufe 2- und Stufe 3-Backlogs zwangsweise entweder zurückgewiesen oder priorisiert werden.

Zweiter Fehler: Funnel ohne Lieferantenfeedback. Wenn der Lieferant nach Einreichung erst beim Konzeptbriefing wieder etwas hört, fehlt die Bindung. Das BMW i-Series-Modell mit Continental hat ein einfaches Prinzip etabliert: jede Idee bekommt nach 14 Tagen einen Lead Buyer als Pate, der bis zur finalen Entscheidung Ansprechpartner bleibt. Persönliche Kontaktkontinuität schlägt Tool-Funktionalität.

Dritter Fehler: zu früh kommerziell. Wer in Stufe 1 oder 2 schon nach Preisen fragt, signalisiert dem Lieferanten, dass es um Cost-Down geht, nicht um Co-Creation. Top-Lieferanten ziehen sich zurück, weil sie ihre besten Ideen lieber an Wettbewerber geben, die zahlen. Die kommerzielle Verhandlung gehört in Stufe 4 oder 5 — vorher geht es um technische und strategische Klärung.

Verhandlungstaktisch ist der Funnel ein machtbalancierendes Instrument. Wer dem Lieferanten in Stufe 1 schreibt "wir prüfen wohlwollend, melden uns binnen 4 Wochen, hier sind unsere Bewertungskriterien", erzeugt Vertrauen und Transparenz. Die Schranner-Methode nennt das die "regelbasierte Asymmetrie zugunsten des Käufers" — wer die Spielregeln definiert und transparent macht, gewinnt strukturell.

Kritisch ist die Schnittstelle zum normalen Sourcing-Prozess am Ende des Funnels. Wenn Stufe 5 nicht mit dem Category Manager und der Vergaberichtlinie abgestimmt ist, entstehen Compliance-Lücken: Eine Idee aus dem Funnel landet ohne RFQ-Wettbewerb beim einreichenden Lieferanten, das Vergaberecht bei öffentlich finanzierten Projekten oder die interne Compliance bei privaten Industrien wird verletzt. Saubere Funnel haben in Stufe 5 einen formalen Übergabe-Punkt, an dem [[lead-buyer]] und Category Manager die kommerzielle Vergabe steuern, mit einer dokumentierten Begründung, warum der einreichende Lieferant gegenüber Wettbewerbern bevorzugt wurde — typischerweise IP-Beteiligung, Time-to-Market oder exklusive Capability.

Verwandte Begriffe

  • [[ideenbewertung]]
  • [[innovationsmanagement-einkauf]]
  • [[massnahmenpipeline]]
  • [[open-innovation]]
  • [[innovationsroadmap-lieferanten]]

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