Kanban
Kanban
Kanban ist ein visuelles Steuerungsverfahren, das Materialfluss strikt nach tatsächlichem Verbrauch auslöst. Das japanische Wort bedeutet Schild oder Karte; jede Karte autorisiert die Produktion oder den Transport einer definierten Menge. Kanban ist das operative Herz jedes echten Pull-Systems.
Detaillierte Erklärung
Entwickelt wurde Kanban Ende der 1940er-Jahre bei der Toyota Motor Corporation in Toyota City durch den Industrieingenieur Taiichi Ohno (1912 bis 1990). Ohno orientierte sich an der Regalauffüllung US-amerikanischer Supermärkte, die er 1956 bei einer Reise in die Vereinigten Staaten studierte: Ein leeres Fach signalisiert den Bedarf zur Wiederbefüllung. Bis 1963 hatte Toyota das Verfahren in allen Werken eingeführt; es wurde Bestandteil des Toyota Production System (TPS) und damit Vorläufer der weltweiten Lean-Bewegung. Kanban realisiert ein Toyota Pull-System: Der nachgelagerte Prozess zieht das Material vom vorgelagerten ab, statt dass nach Forecast geschoben wird. Klassisch unterscheidet man Produktions-Kanban (Fertigungsauftrag im eigenen Werk) und Transport-Kanban (Nachschub vom Lieferanten oder zwischen Werken). Der Verband der Automobilindustrie (VDA, Berlin) hat dafür standardisierte Kleinladungsträger nach DIN SPEC 91094 (KLT-Normung) und die Empfehlung 4901 zum Datenaustausch in der Lieferkette publiziert (Stand 2019), auf denen das heutige e-Kanban aufsetzt. e-Kanban ersetzt physische Karten durch digitale Signale — meist über EDI-Nachrichten oder Webservices — und erlaubt sub-tägliche Replenishment-Zyklen über mehrere Tier-Stufen hinweg. Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME, Frankfurt am Main, gegründet 1954) verzeichnet in seinen jährlichen Trendstudien Kanban als eine der am häufigsten eingesetzten Pull-Methoden im deutschen Mittelstand. Eine sinnvolle Kanban-Auslegung verlangt stabile, wiederkehrende Bedarfe; bei Schwankungen über 30 Prozent stößt das Verfahren an Grenzen und muss mit Sicherheitskanbans oder einer Heijunka-Nivellierung kombiniert werden. Voraussetzung jeder Einführung ist ein belastbarer [[rahmenvertrag]] mit dem Lieferanten, der Abrufmodalitäten, Behälter und Reaktionszeiten regelt.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Tier-2-Zulieferer der Nutzfahrzeugbranche mit 220 Beschäftigten bezieht Befestigungselemente — 142 C-Teile-Sachnummern in 8 Behältergrößen nach VDA-Spezifikation — von einem Hersteller in Sauerland. Vor Kanban-Einführung lag der Sicherheitsbestand bei 21 Tagen, der Bestellaufwand bei rund 380 Bestellungen pro Quartal, die Inventurdifferenz bei 1,4 Prozent. Mit einem Zwei-Behälter-System (jeweils 6 Wochen Reichweite kalkuliert auf rollierende 12-Wochen-Bedarfe) und e-Kanban-Anbindung über die OEM-Plattform sank der Bestand auf 9 Tage, der Bestellaufwand fiel auf 47 Sammelabrufe pro Quartal, die Inventurdifferenz auf 0,3 Prozent. Der Einkäufer verhandelte einen Logistikkostenzuschlag von 1,8 Prozent gegen einen Verzicht auf Mindestabnahmemengen — der Kapitalbindungseffekt überstieg die Mehrkosten um etwa Faktor sechs.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der häufigste Fehler ist die Anwendung auf falsche Materialien. Kanban verlangt regelmäßigen, vorhersehbaren Verbrauch. A-Teile mit kundenspezifischen Stücklisten oder Sonderbestellungen gehören nicht in Kanban-Regelkreise — die [[abc-analyse]] gibt hier eine erste Orientierung.
Zweitens werden Behälter- und Kartenmengen oft einmal kalkuliert und nie nachgepflegt. Wenn sich Stückzahlen über zwölf Monate halbieren, wachsen Bestände und Kanban verliert seine Steuerungswirkung. Eine quartalsweise Überprüfung ist Pflicht.
Drittens wird in Verhandlungen häufig vergessen, dass Kanban dem Lieferanten Planungssicherheit nimmt. Wer Bedarfsprognosen einseitig zurückzieht, riskiert Aufschläge oder Lieferengpässe; vertraglich festgehaltene Forecast-Bänder mit Toleranzkorridoren sind die belastbarere Lösung.
Verwandte Begriffe
Kanban ist eines der zentralen Werkzeuge im [[just-in-time]]-Umfeld und ergänzt sich mit [[vendor-managed-inventory]], dem [[konsignationslager]] sowie einem belastbaren [[rahmenvertrag]] zur Absicherung der Abrufmodalitäten.