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Procari Lexikon Kommissionierung
Einkaufslexikon

Kommissionierung

Kommissionierung

Kommissionierung bezeichnet das Zusammenstellen bestimmter Teilmengen aus einem bereitgestellten Sortiment auf Basis konkreter Auftragsinformationen — kurz: das Pick-and-Pack-Verfahren, mit dem aus einem Lagerbestand der einzelne Kundenauftrag oder Produktionsabruf physisch befüllt wird. Sie ist die personalintensivste und damit kostenkritischste Operation in der Lagerlogistik und macht in DACH-Distributionszentren typischerweise 50 bis 65 Prozent der gesamten operativen Lagerkosten aus.

Detaillierte Erklärung

Die normative Definition liefert die VDI-Richtlinie 3590 Blatt 1 des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI, Düsseldorf), die Kommissionierung in fünf Zeitkomponenten zerlegt: Basiszeit, Wegzeit, Greifzeit, Totzeit und Verteilzeit, wobei die Wegzeit mit 30 bis 50 Prozent regelmäßig der größte Einzelposten ist. Methodisch werden statische (Mann-zur-Ware, Goods-to-Person umgekehrt) und dynamische Verfahren (Ware-zum-Mann mit AKL/Shuttle-Systemen) unterschieden sowie ein- und zweistufige Kommissionierung (auftragsweise vs. artikelweise mit Sortierung). Die heute marktbestimmenden Pickleitsysteme sind: Pick-by-Paper als klassische Picklisten-Methode mit typischen Leistungen von 60 bis 100 Picks pro Stunde und Fehlerquoten um 0,5 bis 1 Prozent; Pick-by-Light mit physischen LED-Anzeigen am Regalfach, das ab etwa 300 bis 600 Pickpositionen pro Stunde und Kommissionierer wirtschaftlich wird und in Hochleistungsanwendungen bis zu 1.000 Picks pro Stunde bei Fehlerquoten im Promillebereich erreicht; Pick-by-Voice, bei dem ein Headset Anweisungen erteilt und der Mitarbeiter per Sprachbestätigung quittiert, mit dokumentierten Steigerungen von beispielsweise 120 auf 143 Picks pro Stunde und beidseitig freien Händen; Pick-by-Vision mit Datenbrillen wie Vuzix M400 oder Microsoft HoloLens für visuelle Wegführung; sowie Pick-by-Scan mit MDE-Geräten und Barcode-Bestätigung als pragmatischer Mittelweg. In der Praxis dominieren Kombinationen — etwa Pick-by-Voice für Schnelldreher und Pick-by-Light für Renner-Zonen. Anbieter wie SSI Schäfer (Neunkirchen), Dematic (Heusenstamm/KION-Tochter), TGW Logistics Group (Wels/Österreich), Knapp AG (Hart bei Graz) und Vanderlande dominieren den DACH-Markt für integrierte Kommissioniersysteme. Die Auswahl folgt dem Pareto-Prinzip: in einem typischen MRO-Lager mit 12.000 SKU verursachen 1.500 Schnelldreher-Artikel etwa 80 Prozent der Pickbewegungen — diese Zone bekommt Pick-by-Light, der Long Tail bleibt bei Pick-by-Voice oder Pick-by-Scan. Wirtschaftlich relevant ist der Pick-Mix: Stückgut, Kartons und Paletten lassen sich in einer Tour selten effizient kombinieren, weshalb moderne WMS wie SAP EWM oder Manhattan Active getrennte Wellen-Strategien fahren. Qualitätssicherung erfolgt über Pack-Stationen mit Gewichtsprüfung, Stichprobenkontrolle nach DIN ISO 2859-1 (AQL-Stichprobensystem) sowie zunehmend Computer-Vision-basiertes Bilderkennen am Pack-Tisch.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein technischer Großhändler im Rheinland mit 24.000 SKU und 8.400 Auftragspositionen pro Tag betrieb sein Distributionszentrum in Köln über zwei Jahre mit Pick-by-Paper. Die Leistung lag bei durchschnittlich 84 Picks pro Stunde und Mitarbeiter, die Pickfehler-Quote bei 0,8 Prozent, was 67 Reklamationen pro Tag und einen Folgekostensatz von etwa 18 EUR pro Fehlpick bedeutete. Nach einer Investitionsausschreibung über 1,4 Mio. EUR mit drei Anbietern wurde ein hybrides System eingeführt: Pick-by-Light für die A-Zone mit 2.800 Schnelldreher-Artikeln, Pick-by-Voice für B- und C-Zone, einheitliches WMS-Backend. Resultat nach 11 Monaten: durchschnittlich 198 Picks pro Stunde in der A-Zone, 142 Picks in der B-Zone, Fehlerquote auf 0,11 Prozent gesenkt, Reklamationen auf 9 pro Tag. Der Einkauf hatte vertraglich Performance-Garantien mit Bonus-Malus-Klausel ab dem 6. Monat verankert sowie ein Recht auf Vertragsstrafe bei Unterschreitung der zugesicherten Pickleistung um mehr als 8 Prozent.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die Auswahl der Picktechnik ohne Datenanalyse. Wer Pick-by-Light flächendeckend ausrollt, ohne zu prüfen, ob die Pickdichte das wirtschaftlich rechtfertigt, verbrennt sechsstellige Investitionsbeträge. Die Auswahl muss aus einer ABC-XYZ-Analyse des Pickaufkommens je Lagerzone abgeleitet werden, nicht aus Anbieter-Demos.

Zweitens wird die Wegzeit ignoriert. Selbst die beste Picktechnik beschleunigt nur die Greif- und Totzeit; die mit 30 bis 50 Prozent größte Komponente bleibt unverändert, wenn die Lagerlayout- und Slotting-Strategie nicht parallel überarbeitet wird. Ein Slotting-Projekt mit Heatmap-basierter Artikelplatzierung bringt oft mehr Produktivität als ein neues Pickleitsystem.

Drittens fehlt die Akzeptanz beim Personal. Pick-by-Voice scheitert an unklaren Sprachprofilen, schlechter Headset-Ergonomie oder fehlender Ruhepausen-Logik; Pick-by-Light an überdimensionierten Anzeigen, die Mitarbeiter blenden. Die Pilotierung mit dem Betriebsrat nach BetrVG §87 Abs. 1 Nr. 6 (technische Überwachungseinrichtungen) ist nicht optional, sondern Erfolgsvoraussetzung.

Verwandte Begriffe

Kommissionierung ist die zentrale Operation in der [[lagerhaltung]] und steuert direkt den [[lagerbestand]]-Umschlag, ist der Flaschenhals zwischen Wareneingang und Versand in [[outbound-logistics]] sowie in der [[distributionslogistik]], während sie in [[inbound-logistics]] und [[beschaffungslogistik]]-Kontexten als Set-Bildung für Produktionsversorgung relevant wird; sie steht in enger Verbindung zu [[milkrun]]-Versorgungstouren, wirkt auf [[frachtkosten]] über die Pack-Effizienz und ist mit [[kanban]] sowie [[just-in-time]]-Konzepten in der [[transportlogistik]] und [[containerlogistik]] verzahnt.

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