Konzessionsplanung
Konzessionsplanung
Konzessionsplanung ist die strukturierte Vorbereitung von Zugeständnissen vor einer Verhandlung — mit definierter Reihenfolge, Höhe, Begründung und Gegenforderung. Schranner Negotiation Institute, Camp ("Start with No") und Karass ("Effective Negotiating") betrachten Konzessionsplanung als Kerndisziplin professioneller Einkaufsverhandlungen im DACH-Mittelstand und als Pflichtbestandteil jeder Vorbereitung auf strategische Lieferantengespräche, Rahmenverträge oder Eskalationen.
Detaillierte Erklärung
Eine Konzession ohne Plan ist ein Geschenk. Erfahrene Einkäufer betreten keine substanzielle Verhandlung, ohne vorher drei Fragen für jede mögliche Konzession beantwortet zu haben: Was darf ich maximal nachgeben? In welcher Reihenfolge gebe ich nach? Was verlange ich als Gegenleistung?
Schranner formalisiert das in einem Konzessionsplan mit fünf Spalten: (1) Konzessionspaket (z. B. Preisnachlass, Zahlungsziel, Volumen-Zusage), (2) maximale Höhe, (3) abnehmende Schrittgrößen ("Konzessions-Treppe"), (4) Begründung (welche Story rechtfertigt die Konzession), (5) Gegenleistung. Die abnehmenden Schritte sind kein Stil — sie signalisieren der Gegenseite, dass das Limit näherrückt. Wer Konzessionen in gleichbleibender Höhe wiederholt, lädt zu weiteren Forderungen ein.
Camp ergänzt um den Aspekt der Zeit: Konzessionen am Verhandlungsende werden überproportional teuer, weil Zeitdruck und Sunk-Cost-Bias zu unstrukturierten Zugeständnissen führen. Wer den Konzessionsplan mit Zeitfenstern hinterlegt ("Konzession A frühestens nach 90 Minuten, B erst nach Klärung der technischen Anforderungen"), schützt sich vor Endphasen-Erosion.
Karass führt die Disziplin der "Equal Concession" ein: jede eigene Konzession wird im Verhältnis zur Gegenleistung dokumentiert. Eine Konzession ohne Gegenleistung ist eine Korrektur des eigenen Anfangsangebots — nicht eine echte Konzession. Diese Unterscheidung verändert die mentale Repräsentation: Einkäufer hören auf, sich für Korrekturen zu entschuldigen, und beginnen, echte Konzessionen als handelbare Währung zu sehen.
Im DACH-Kontext kommt eine kulturelle Komponente hinzu: deutsche Verhandlungskultur ist tendenziell positionsorientiert, weniger taktisch verspielt als angloamerikanische. Konzessionsplanung muss das berücksichtigen — überdramatisierte Schmerz-Inszenierungen ("das ist mein letztes Wort, und das tut richtig weh") wirken in Stuttgart oder Bielefeld unglaubwürdig. Bewährt: nüchterne Begründung, harte Zahlen, klare Gegenforderung.
Die Vorbereitung umfasst typischerweise: Anker-Position, Ziel-Position, Walk-Away-Punkt (Reservation Price), BATNA, Konzessionsplan über alle Verhandlungsdimensionen (Preis, Volumen, Zahlungsziel, Garantie, Service-Levels, Vertragslaufzeit), Eskalations-Pfad und Time-Boxing für jede Verhandlungsphase.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Industriegüter-Hersteller (450 Mitarbeiter, 130 Mio. Euro Umsatz) verhandelt einen Rahmenvertrag für Elektronik-Komponenten mit einem taiwanesischen Hersteller. Jahresvolumen 8,4 Mio. Euro, Vertragslaufzeit 24 Monate.
Anker-Position des Lieferanten: Preis +6,2 % gegenüber Vorjahr, Zahlungsziel von 60 auf 30 Tage gekürzt, Mindestabnahme 95 %. Eigene Ausgangsposition: Preis -1,5 %, Zahlungsziel 75 Tage, Mindestabnahme 80 %, zusätzlich 30 Tage Kündigungsklausel bei Qualitätsproblemen.
Konzessionsplan vor der Verhandlung erarbeitet:
Dimension Preis — Konzessions-Treppe: -1,5 % / -0,5 % / +0,5 % / +1,2 %. Walk-Away bei +1,5 %. Begründung der jeweiligen Schritte: Marktbenchmarks, Wechselkurseffekte, Volumenwachstumsperspektive. Jede Konzession an Volumen-Zusage gekoppelt.
Dimension Zahlungsziel — Treppe: 75 / 70 / 65 / 60 Tage. Walk-Away bei 45 Tagen. Begründung: interne Working-Capital-Vorgaben. Gegenleistung: Skonto-Verzicht akzeptabel ab 60 Tagen.
Dimension Mindestabnahme — Treppe: 80 % / 85 % / 88 % / 90 %. Walk-Away bei 92 %. Gegenleistung: Lieferanten-Verpflichtung auf Kapazitätsreservierung 110 %.
Dimension Kündigungsklausel — Treppe: 30 / 45 / 60 Tage Heilungsfrist. Walk-Away bei 90 Tagen. Diese Dimension ist nicht-monetäre Hauptforderung des Einkaufs.
Verhandlung Tag 1, drei Stunden: Einkauf hält an Anker-Position fest, gibt erste kleine Konzession nach 90 Minuten beim Zahlungsziel (75 → 70 Tage) im Tausch gegen Verzicht auf Mindestabnahme-Erhöhung über 88 %. Lieferant bewegt sich von +6,2 % auf +3,8 %.
Tag 2: Preis-Verhandlung. Einkauf gibt -1,5 % auf -0,5 %, im Tausch gegen Volumen-Zusage 8,4 Mio. Euro über 24 Monate fix. Lieferant geht auf +1,8 %. Einkauf zeigt BATNA: parallel laufende Qualifizierung eines koreanischen Anbieters mit konkurrenzfähiger Bemusterung. Lieferant geht auf +0,9 %.
Endergebnis nach 11 Stunden Verhandlung: Preis +0,9 %, Zahlungsziel 65 Tage, Mindestabnahme 85 %, Kündigungsklausel 45 Tage Heilungsfrist. Alle Werte innerhalb der geplanten Zone, mehrere Walk-Away-Schwellen ungenutzt.
Die Auswertung zeigt: drei der sieben tatsächlich gegebenen Konzessionen waren im Plan nicht enthalten — ein Marketing-Beitragsbudget, eine zusätzliche Qualitäts-Audit-Frequenz, eine Eskalations-Hotline. Diese drei wurden ad hoc verhandelt und sind im Nachgang das Lehrstück: für die nächste Verhandlung werden auch "weiche" Dimensionen vorab geplant.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler: Nur Preis planen. Multidimensionale Verhandlungen — und das sind alle Rahmenverträge — verlangen Konzessionspläne über alle Dimensionen. Wer nur den Preis durchplant, verschenkt in den Nebendimensionen oft mehr Wert, als beim Preis hart erkämpft.
Zweiter Fehler: Konzessionen ohne Gegenleistung. Karass nennt das "the unilateral concession trap". Jede Konzession ohne Gegenforderung trainiert die Gegenseite darauf, weiter zu fordern. Selbst bei kleinen Konzessionen sollte ein "im Tausch gegen…" formuliert werden — zur Not symbolisch.
Dritter Fehler: Konzessionen zu früh geben. Schranner: "Time is your friend." Konzessionen am Anfang signalisieren Verhandlungsspielraum und werden zum Ausgangspunkt für die nächste Forderung. Erste substanzielle Konzession frühestens nach 30 % der erwarteten Verhandlungsdauer.
Vierter Fehler: Konzessionen ohne Begründung. Eine Konzession braucht eine Story, sonst wirkt sie willkürlich und lädt zur Wiederholung der Forderung ein. "Wir können hier auf X gehen, weil [Marktdaten / interner Beschluss / Volumenargument]" — die Begründung schließt die Konzession ab.
Fünfter Fehler: Konzessionsplan in der Verhandlung sichtbar. Der Plan ist eine Vorbereitungs-Disziplin, kein Diskussionsgegenstand. Wer seinen Plan auf den Tisch legt, gibt den Walk-Away-Punkt preis und verliert taktischen Spielraum.
Sechster Fehler: Plan starr halten. Neue Informationen aus der Verhandlung müssen den Plan anpassen können. Ein Konzessionsplan ist eine Disziplin, kein Skript — Spätinformationen über Lieferanten-Engpässe, Marktverwerfungen oder strategische Veränderungen verlangen Anpassung in Verhandlungspausen.
Verwandte Begriffe
- [[lieferantenstrategie]]
- [[risikoanalyse-lieferkette]]
- [[lieferantenrisikomanagement]]
- [[klumpenrisiko-einkauf]]
- [[compliance-risikobewertung-einkauf]]