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Procari Lexikon Kostenstrukturanalyse
Einkaufslexikon

Kostenstrukturanalyse

Kostenstrukturanalyse

Die Kostenstrukturanalyse — im internationalen Einkauf auch als Cost Breakdown oder Cost Breakdown Analysis bezeichnet — ist eine strukturierte Methode zur Zerlegung eines Angebotspreises in seine Kostenbestandteile, um Preistransparenz herzustellen, Verhandlungspotenziale zu identifizieren und eine faktenbasierte Soll-Kosten-Bewertung durchzuführen.

Detaillierte Erklärung

Die Kostenstrukturanalyse basiert auf dem Prinzip, dass jeder Verkaufspreis eines Lieferanten einer nachvollziehbaren Kalkulation folgt — auch wenn diese dem Einkäufer nicht offen kommuniziert wird. Durch systematische Analyse der Kostenkomponenten kann ein erfahrener Einkäufer die plausible Kostenstruktur eines Teils oder einer Dienstleistung rekonstruieren und mit dem Angebotspreis vergleichen.

Die typische Gliederung eines Cost Breakdown folgt einer Herstellkostenhierarchie: Materialkosten bilden die Basis — also der Rohstoffanteil des zu beschaffenden Teils, bewertet zu aktuellen Marktpreisen (z. B. Stahlcoil nach Destatis-PPI, Aluminiumbarren nach LME-Preis). Darüber liegen die Fertigungseinzelkosten (direkte Arbeitszeit x Stundensatz) und die Fertigungsgemeinkosten (Maschinenkosten, Raumkosten, Energie). Die Summe ergibt die Herstellkosten. Dazu kommen Entwicklungs- und Werkzeugkosten (bei Sonderteilen), Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten sowie der Gewinnaufschlag — in der Regel zwischen 3 und 12 Prozent des Herstellpreises, je nach Marktsituation und Wettbewerbsintensität.

Der VDA-Leitfaden zur Kostenanalyse (eingesetzt insbesondere im Automotive-Umfeld) beschreibt einen strukturierten Prozess, bei dem Einkäufer und Kostenanalytiker gemeinsam eine Sollkostenkalkulation erstellen, bevor das erste Angebot eingeholt wird. Diese Soll-Herstellkosten-Methode (auch "Should-Cost-Analyse") stellt die Grundlage des [[target-costing]]-Ansatzes dar: Das Ziel-Einkaufsvolumen, die akzeptable Marge des Lieferanten und die Marktpreise für Rohstoffe und Lohnkosten werden kombiniert, um einen fairen Sollpreis zu berechnen, der in die Anfrage eingeht.

Das [[cost-engineering]] geht noch einen Schritt weiter: Hier werden Fertigungs- und Konstruktionsalternativen systematisch bewertet, um die Herstellkosten eines Teils durch Designänderungen zu senken. Ein Bauteil aus Aluminium-Druckguss kann in bestimmten Stückzahlen günstiger sein als das bislang verwendete Fräsbauteil — die Kostenstrukturanalyse macht solche Potenziale sichtbar.

Der Open-Book-Ansatz ist eine besondere Form der Kostenstrukturanalyse, bei der der Lieferant seine eigene Kalkulation vollständig offenlegt. Dies ist in langjährigen Partnerschaften oder bei strategischen Lieferanten möglich, erfordert aber gegenseitiges Vertrauen und ist in der Praxis auf Tier-1-Lieferantenbeziehungen beschränkt. Der Vorteil: Gemeinsame Optimierungspotenziale bei Material, Fertigungsverfahren oder Losgrößen werden direkt sichtbar, ohne aufwändige Rückwärtskalkulation durch den Einkäufer.

Für den Einsatz im DACH-Mittelstand empfiehlt der BME eine vereinfachte Kostenstrukturanalyse, die mit den Informationen aus öffentlichen Quellen arbeitet: Destatis-Erzeugerpreisindizes für Materialien, IAB-Lohnkostendaten nach Branche und Region, Tarifvertragsdaten für Fertigungslöhne sowie Benchmark-Datenbanken für Maschinenverrechnungssätze. Auch ohne Open-Book-Offenlegung lässt sich damit eine belastbare Plausibilitätsprüfung eines Angebotspreises erstellen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Produzent von Industriearmaturen mit 480 Mitarbeitern erhält für ein Gehäuseteil aus Edelstahl (Qualität 1.4404, Gewicht 2,3 kg, Drehen + Fräsen, Bestellmenge 1.200 Stück/Jahr) ein Angebot von 94 Euro netto je Teil. Der Einkäufer empfindet den Preis als zu hoch, kann dies aber ohne Analyse nicht begründen.

Er erstellt eine Sollkosten-Kalkulation: Der Edelstahl-Rohstoffpreis für 1.4404-Rundstäbe liegt laut aktueller Marktabfrage bei 6,80 Euro/kg — inklusive Schnittverlust und Einspannzugabe ergibt sich ein Materialeinsatz von 3,1 kg, also 21,08 Euro Materialkosten. Die Fertigungszeit für das Drehen und Fräsen schätzt der Einkäufer anhand ähnlicher Teile auf 38 Minuten. Bei einem branchenüblichen Maschinenverrechnungssatz für CNC-Drehfräszentren in Bayern von 68 Euro/Stunde ergibt das 43,07 Euro Fertigungskosten. Mit 20 Prozent Gemeinkosten-Aufschlag und 8 Prozent Gewinnmarge errechnet sich ein Sollpreis von rund 76 Euro je Teil.

Die Differenz zum Angebotspreis beträgt 18 Euro oder 19 Prozent — ein plausibler Spielraum für Verhandlung. Der Einkäufer konfrontiert den Lieferanten mit der Sollkostenkalkulation und bittet um Erläuterung der Differenz. Der Lieferant erklärt, dass die Rüstkosten bei kleineren Losgrößen höher kalkuliert wurden und die aktuelle Maschinenauslastung gering ist. Nach Anpassung der Losgröße von monatlich 100 auf vierteljährlich 300 Stück einigt man sich auf 79 Euro je Teil — eine Einsparung von 15 Euro je Teil oder 18.000 Euro im Jahr.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Ein häufiger Fehler bei der Kostenstrukturanalyse ist die Verwendung veralteter Rohstoffpreise. Erzeugerpreisindizes bewegen sich je nach Kategorie monatlich um zwei bis fünf Prozent. Wer mit einem sechs Monate alten Stahlpreis kalkuliert, kommt zu einer falschen Sollkostenbasis — und verliert Glaubwürdigkeit im Lieferantengespräch.

Ein weiterer Fehler ist die Vernachlässigung kategoriespezifischer Kostenstrukturmuster. Die Kostenstruktur einer Software-as-a-Service-Dienstleistung unterscheidet sich grundlegend von der eines spanenden Fertigungsteils. Eine pauschale Gemeinkosten-Quote von 20 Prozent ist für Dienstleister mit hohem Personalanteil oft nicht anwendbar. Hier sind branchenspezifische Benchmark-Datenbanken (z. B. BME-Einkaufs-Benchmark) unverzichtbar.

Im Verhandlungskontext ist die Kostenstrukturanalyse ein zweischneidiges Instrument: Sie stärkt die Verhandlungsposition erheblich, wenn sie präzise und nachvollziehbar präsentiert wird. Sie erzeugt jedoch Widerstand, wenn der Lieferant das Gefühl bekommt, dass seine Kalkulation von außen "auseinandergenommen" wird. Best Practice ist, die Analyse als gemeinsamen Optimierungsdialog zu rahmen — "Helfen Sie uns zu verstehen, wie wir gemeinsam die Herstellkosten senken können" — anstatt als Konfrontation. In Kombination mit [[gesamtbeschaffungskosten]] und dem Soll-Ist-Vergleich ergibt sich eine belastbare Basis für nachhaltige Preisvereinbarungen.

Verwandte Begriffe

  • [[target-costing]]
  • [[cost-engineering]]
  • [[gesamtbeschaffungskosten]]
  • [[preisabweichung-bestellung]]
  • [[total-cost-of-ownership]]

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