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Procari Lexikon Lagerlogistik
Einkaufslexikon

Lagerlogistik

Lagerlogistik

Lagerlogistik umfasst alle Prozesse rund um die physische Lagerung von Waren: Warenannahme, Einlagerung, Kommissionierung, Auslagerung und Versand. Für produzierende Unternehmen im Mittelstand ist sie das operative Rückgrat der Versorgungssicherheit — und gleichzeitig einer der größten Kostentreiber im indirekten Bereich.

Detaillierte Erklärung

Die Lagerlogistik gliedert sich in mehrere Teilbereiche, die eng miteinander verzahnt sind:

Wareneingang und Einlagerung: Beim [[wareneingang]] werden Lieferungen geprüft, erfasst und den richtigen Lagerplätzen zugewiesen. In modernen Lagern übernimmt dies ein Warehouse Management System (WMS) wie SAP EWM (Extended Warehouse Management) oder SAP WM (Warehouse Management). Das System schlägt automatisch Lagerplätze vor, berücksichtigt dabei Lagerklassen (z. B. Gefahrstoffe nach ADR), Umschlagshäufigkeit (ABC-Analyse) und Mindesthaltbarkeiten.

Kommissionierung: Der Prozess, bei dem Artikel für einen Auftrag aus dem Lager zusammengestellt werden, hat den größten Einfluss auf die Lagerleistung. Kommissionierstrategien reichen von der einfachen Mann-zur-Ware-Kommissionierung über Batch-Picking bis hin zu vollautomatisierten Systemen mit Fördertechnik oder Robotik. Im DACH-Mittelstand sind Pick-by-Voice und Pick-by-Light verbreitete Zwischenstufen.

Auslagerung und Versand: Die Auslagerung folgt definierten Strategien wie FIFO (First In, First Out) oder FEFO (First Expired, First Out). FIFO ist im Maschinenbau Standard; FEFO ist zwingend bei Lebensmitteln oder Chemikalien mit Verfallsdaten. Beide Verfahren werden in SAP EWM als Lagertyp-Strategien hinterlegt.

Lagerorganisation: Die physische Struktur des Lagers — Regale, Gassen, Zonen — beeinflusst direkt Wegzeiten und Fehlerquoten. Schnelldreher (A-Artikel) werden griffnah zum Versandbereich platziert, Langsamdreher (C-Artikel) in entfernteren Zonen. Diese Slotting-Optimierung ist ein klassisches Feld für jährliche Überprüfungen.

Rechtliche Rahmenbedingungen: Das Handelsgesetzbuch (HGB §§ 407 ff.) regelt den Lagervertrag und die Haftung des Lagerhalters. Bei der Lagerung gefährlicher Güter gelten zusätzlich ADR-Vorschriften (europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße) sowie TRGS-Merkblätter der BG RCI. Für Verpackungsabfälle aus dem Lager greift das Verpackungsgesetz (VerpackG 2019). Verstöße können nach BGB Schadensersatzansprüche auslösen.

Kennzahlen: Die wichtigsten KPIs der Lagerlogistik sind Lagerumschlaghäufigkeit, Lagerreichweite ([[lagerreichweite]]), Pickfehlerquote, Flächennutzungsgrad und Lagerkosten je Einheit. Eine Pickfehlerquote über 0,5 % ist im industriellen Umfeld ein Warnsignal.

Integration mit dem Einkauf: Die Lagerlogistik empfängt Bestellinformationen aus dem Beschaffungssystem und gibt Bestandsdaten zurück. Stammdatenfehler — falsche Mengeneinheiten, fehlende Lagerklassen, veraltete Mindestbestellmengen ([[mindestbestellmenge]]) — entstehen oft an dieser Schnittstelle und verursachen teure Korrekturbuchungen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Automobilzulieferer in Bayern mit 450 Mitarbeitern bezieht Hydraulikschläuche von drei Lieferanten. Das Lager hat 8.000 Stellplätze, davon 200 Gefahrstoffplätze. Nach einer ABC-Analyse stellt der Einkäufer fest, dass 20 % der Artikel (A-Teile) 80 % der Auslagerungsvorgänge ausmachen. Er beauftragt eine Slotting-Optimierung: A-Teile wandern in die ersten zwei Regalreihen neben dem Versandbereich. Die durchschnittliche Kommissionierzeit sinkt von 4,2 auf 2,8 Minuten je Auftrag — ohne Investition in neue Hardware. Parallel wird die Schnittstelle zwischen SAP EWM und dem Einkaufssystem bereinigt: 37 Artikel hatten falsche Mengeneinheiten (Stück statt Meter), was zu Fehlbestellungen geführt hatte.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler im Lagerbetrieb:

  • Überbestandsführung: Viele Mittelständler halten aus Unsicherheit zu hohe Bestände. Die Folge sind gebundenes Kapital, erhöhte Lagerkostenumlage und Risiko von Veralterung (Obsoleszenz). Richtwert: Lagerkosten betragen je nach Branche 15–30 % des Lagerwertes pro Jahr (Kapitalkosten, Raumkosten, Personalkosten, Schwund).
  • Fehlende Lagerklassenpflege: Gefahrstoffe ohne korrekte ADR-Klassifikation im WMS können bei Betriebsprüfungen zu Bußgeldern führen. Die Klassifikation muss in den Stammdaten des WMS hinterlegt sein.
  • Chaotische Lagerorganisation ohne WMS-Unterstützung: In kleinen Lagern ohne WMS entstehen Suchzeiten, die 20–40 % der Kommissionierzeit ausmachen können.
  • Vernachlässigung der FIFO/FEFO-Strategie: Ohne konsequente Auslagerungsstrategie entstehen veraltete Bestände, insbesondere bei saisonalen Artikeln.

Verhandlungskontext: Beim Abschluss von Lagerverträgen mit Logistikdienstleistern sind folgende Punkte verhandelbar: Haftungsgrenzen nach HGB § 431 (standardmäßig 8,33 SZR je kg, verhandelbar auf höhere Werte), Mindestlaufzeiten, Preisanpassungsklauseln bei Energiepreisänderungen und SLA-Boni/Malus für Pickfehlerquoten und [[lieferservice]]-Level.

Verwandte Begriffe

  • [[lagerhaltung]]
  • [[bestandsmanagement]]
  • [[wareneingang]]
  • [[lagerreichweite]]
  • [[verpackungslogistik]]
  • [[transport-management-system]]

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