Lagerreichweite
Lagerreichweite
Die Lagerreichweite gibt an, wie viele Tage oder Wochen der aktuelle Lagerbestand bei gegebenem Verbrauch ausreicht, bevor Nachschub benötigt wird. Sie ist eine der zentralen Steuerungskennzahlen im [[bestandsmanagement]] — zu niedrig bedeutet Produktionsstillstand, zu hoch bedeutet gebundenes Kapital.
Detaillierte Erklärung
Definition und Formel:
Die Lagerreichweite (auch: Reichweite des Bestands, Bestandsreichweite) berechnet sich als:
Lagerreichweite (Tage) = Aktueller Lagerbestand / Durchschnittlicher Tagesverbrauch
Alternativ in Wochen:
Lagerreichweite (Wochen) = Aktueller Lagerbestand / Durchschnittlicher Wochenverbrauch
Beispiel: Ein Lagerbestand von 500 Einheiten bei einem Tagesverbrauch von 25 Einheiten ergibt eine Lagerreichweite von 20 Tagen.
Einflussgrößen:
Der Tagesverbrauch sollte als gleitender Durchschnitt berechnet werden, typischerweise über 30, 60 oder 90 Tage. Saisonale Schwankungen können die Kennzahl verzerren — ein Weihnachtsgeschäft-Bestand im Januar sieht rechnerisch üppig aus, ist aber für den Hochlauf im November zu niedrig. Für Produktionsunternehmen im DACH-Mittelstand empfiehlt sich eine rollierende 90-Tage-Betrachtung mit manueller Anpassung bei bekannten Saisonspitzen.
Zielkorridore nach Beschaffungsart:
- Lagerteile (C-Teile, Normteile): 30–60 Tage sind typisch; kurze Lieferzeiten erlauben niedrigere Reichweiten
- Systemteile mit langen Lieferzeiten: Reichweite entspricht Wiederbeschaffungszeit + [[sicherheitsbestand]] in Tagen
- [[just-in-time]]-Teile: Reichweite bewusst unter 2 Tagen; Puffer im Prozess, nicht im Lager
Abgrenzung zur Lagerumschlaghäufigkeit:
Die Lagerumschlaghäufigkeit (Jahresverbrauch / Durchschnittsbestand) ist die Kehrseite der Lagerreichweite und zeigt, wie oft der Bestand im Jahr "umgeschlagen" wird. Eine Lagerreichweite von 30 Tagen entspricht einer Umschlaghäufigkeit von ca. 12 im Jahr. Beide Kennzahlen sind komplementär.
SAP-Integration:
In SAP EWM und SAP WM wird die Lagerreichweite nicht als Standardkennzahl im Systemcockpit ausgegeben — sie muss über Reports oder BEx-Queries aus Bestandsdaten und Verbrauchswerten (MB52/MB51) berechnet werden. Einige Mittelständler nutzen SAP Analytics Cloud (SAC) oder Power BI-Dashboards für automatisierte Reichweitenberichte. Die Berechnung erfordert saubere Verbrauchsbuchungen; fehlerhafte Umbuchungen (z. B. ungebuchte Ausschussmengen) verzerren den Tagesverbrauch systematisch.
Rechtlicher Kontext:
Bei der Lagerbewertung nach HGB § 240 ff. (Inventur) sind die Reichweitenreserven ein wichtiger Indikator für Abwertungsbedarf. Artikel mit einer Lagerreichweite über 365 Tage (Langsamdreher) sind nach HGB-Vorsichtsprinzip auf Wertminderung zu prüfen. Im Rahmen von Jahresabschluss-Prüfungen verlangen Wirtschaftsprüfer oft eine Nachweisliste für Bestände mit überlanger Reichweite.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Maschinenbauunternehmen in Baden-Württemberg mit 320 Mitarbeitern analysiert im Rahmen einer Bestandsreview seine Top-200-Artikel. Dabei zeigen sich 18 Artikel mit einer Lagerreichweite über 180 Tage bei gleichzeitig niedrigem Jahresverbrauch — klassische Langsamdreher, teils auf Kundenspezifikation bestellt. Der Einkäufer verhandelt mit dem Lieferanten eine Rücknahme von 30 % des Überbestands gegen eine Wiedereinlagerungsgebühr von 8 % des Warenwertes. Parallel werden Mindestbestellmengen für diese Artikel von 100 auf 25 Stück reduziert ([[mindestbestellmenge]]). Die Kapitalbindung sinkt um EUR 47.000 — ohne Produktionsunterbrechung.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Häufige Fehler:
- Statische statt rollierender Berechnung: Wer die Lagerreichweite auf Basis eines fixen Stichtags berechnet, übersieht saisonale Verbrauchsschwankungen. Monatliche Neuberechnung ist Mindeststandard.
- Verwechslung mit der Wiederbeschaffungszeit: Die Lagerreichweite sagt, wie lange der Bestand reicht. Die Wiederbeschaffungszeit sagt, wie lange Nachschub dauert. Erst der Vergleich beider Größen zeigt, ob Handlungsbedarf besteht.
- Aggregation über alle Artikel: Eine durchschnittliche Lagerreichweite von 45 Tagen klingt gut, kann aber 5 kritische Artikel mit 3 Tagen Reichweite verdecken. Reichweitenanalysen müssen auf Einzelartikel-Ebene geführt werden.
- Fehlende Verknüpfung mit Lieferzeiten: Artikel mit einer Lieferzeit von 60 Tagen und einer Reichweite von 20 Tagen sind kritisch — das WMS muss diese Kombination als Alarm ausgeben.
Verhandlungskontext: Eine fundierte Reichweitenanalyse stärkt die Einkaufsposition: Bei Lieferanten-Verhandlungen lassen sich Preisnachlässe für erhöhte Abnahmemengen sachlich abwiegen gegen die zusätzlichen Lagerkosten. Wer zeigen kann, dass eine Reichweitenverlängerung von 30 auf 60 Tagen EUR X an Lagerkosten verursacht, führt die Diskussion auf sachlicher Basis. Bei [[konsignationslager]]-Verhandlungen ist die aktuelle Lagerreichweite das zentrale Argument für die Bestandshöhe im Konsignationslager.
Verwandte Begriffe
- [[bestandsmanagement]]
- [[sicherheitsbestand]]
- [[lagerhaltung]]
- [[just-in-time]]
- [[mindestbestellmenge]]
- [[konsignationslager]]
- [[lagerlogistik]]