Lean Six Sigma
Lean Six Sigma
Lean Six Sigma (LSS) ist die methodische Verschmelzung des japanisch geprägten Lean-Ansatzes (Verschwendungsreduktion) mit dem statistisch fundierten Six-Sigma-Ansatz (Streuungsreduktion). Im Einkauf ist LSS der dominante Methodenrahmen für Operational-Excellence-Programme strategischer Lieferanten — wer im Tier-1-Bereich liefert und kein LSS-Programm vorweisen kann, fällt seit etwa 2010 systematisch aus den Top-Quartilen der Lieferantenscorings heraus.
Detaillierte Erklärung
Die Hybrid-Methodik wurde 2002 durch Michael L. George in seinem Buch "Lean Six Sigma: Combining Six Sigma Quality with Lean Speed" formalisiert. George war Gründer der George Group Consulting (heute Teil von Accenture) und kombinierte das Lean-Toolkit aus dem Toyota Production System mit dem statistischen Apparat von Six Sigma. Vorläufer-Integrationen gab es bereits in den 1990er Jahren, etwa bei Honeywell und General Electric, doch erst Georges Buch lieferte den verbindlichen Rahmen.
Lean steuert auf die 7 Verschwendungsarten (Muda) nach Taiichi Ohno: Überproduktion, Wartezeit, Transport, Überbearbeitung, Bestände, Bewegung, Fehler — später ergänzt um die 8. Verschwendung "ungenutztes Mitarbeiterpotential". Six Sigma steuert auf statistische Streuung mit dem Ziel 3,4 Fehler pro Million Möglichkeiten (DPMO). Lean Six Sigma adressiert beides parallel im DMAIC-Rahmen, wobei Lean-Werkzeuge wie Wertstromanalyse und 5S typisch in der Define- und Improve-Phase eingesetzt werden, statistische Werkzeuge wie SPC und DoE in Measure und Improve.
Die Belt-Hierarchie folgt der Six-Sigma-Tradition: White Belt (Sensibilisierung, 4 bis 8 Stunden), Yellow Belt (Projektmitarbeit, 2 bis 3 Tage), Green Belt (kleinere DMAIC-Projekte, 8 bis 12 Tage Schulung plus 1 Projekt), Black Belt (komplexe Projekte, 20 Tage plus 1 bis 2 Projekte) und Master Black Belt (Programm-Mentoring, oft 5 plus Jahre Erfahrung). Internationale Normierung erfolgt durch ISO 13053-1:2011 und ISO 13053-2:2011, herausgegeben durch die International Organization for Standardization in Genf. Die anbieterneutrale Zertifizierung International Association for Six Sigma Certification (IASSC) gewinnt seit 2012 an Verbreitung.
Empirische Wirkung zeigt LSS in zwei Dimensionen. Aberdeen-Group-Daten von 2019 dokumentieren bei reifen LSS-Programmen 5 bis 7 Prozent EBITDA-Verbesserung über 3 bis 5 Jahre Programmlaufzeit. Eine ASQ-Studie von 2023 weist eine durchschnittliche ROI-Quote von 1 zu 4 für LSS-Investitionen aus — pro 1 Euro investiert in Schulung und Programmstruktur folgen über 4 Jahre etwa 4 Euro dokumentierte Einsparung.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Hersteller landwirtschaftlicher Maschinen mit 1 200 Mitarbeitern in Niedersachsen verhandelt einen 4-jährigen Rahmenvertrag mit einem strategischen Lieferanten für Schweißbaugruppen. Jahresvolumen 5,8 Millionen Euro, Gesamtwert 23,2 Millionen Euro über die Laufzeit.
Im Lieferantenaudit weist der Lieferant ein Lean-Six-Sigma-Programm seit 2019 mit derzeit 2 Master Black Belts, 6 Black Belts und 24 Green Belts auf 380 Mitarbeiter aus. Die Projektdatenbank dokumentiert 47 abgeschlossene DMAIC-Projekte mit kumulierter Einsparung von 4,2 Millionen Euro über 4 Jahre. Wertstromanalysen liegen für alle 8 Hauptprozesse vor, durchgeführt 2023 und 2025.
Sie als strategischer Einkäufer nutzen drei Hebel im Vertrag. Erstens: jährliche Cost-Reduction-Klausel von 1,5 Prozent als Reflex der LSS-Wirkung beim Lieferanten. Zweitens: gemeinsames Joint-Verbesserungsprojekt im ersten Vertragsjahr mit 0,3 FTE Black-Belt-Beistellung des Lieferanten gegen 15 Prozent Anteil an dokumentierten Einsparungen für drei Jahre. Drittens: jährlicher LSS-Reife-Review mit Belt-Quote und Projektliste als Vertragsanlage. Die kalkulatorische Wirkung des Pakets liegt bei 380 000 bis 540 000 Euro Einsparung über die Vertragslaufzeit.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die isolierte Anwendung. Wer Lean ohne Six Sigma anwendet, optimiert Geschwindigkeit auf instabilen Prozessen — das Ergebnis ist beschleunigte Fehlerproduktion. Wer Six Sigma ohne Lean anwendet, perfektioniert verschwendungsbeladene Prozesse — das Ergebnis ist hohe Qualität bei mäßiger Profitabilität. Erst die Kombination liefert die in Aberdeen-Studien dokumentierten 5 bis 7 Prozent EBITDA-Effekt.
Der zweite Fehler ist das Programm ohne Sponsoring. Lean Six Sigma ohne Vorstandssponsoring auf der Geschäftsführerebene scheitert nach George-Daten in 70 Prozent der Fälle nach 18 bis 24 Monaten. Im Lieferantenaudit ist die Frage nach dem Programm-Sponsor immer eine harte Prüffrage — eine ausweichende Antwort ist Warnsignal.
Drittens unterschätzen Einkäufer die Geschwindigkeitsdimension. Lean Six Sigma reduziert Durchlaufzeiten typisch um 30 bis 50 Prozent. Bei einem Lieferanten mit nachweislichem LSS-Programm sind Lieferzeiten von 6 statt 10 Wochen verhandelbar — ein konkreter Hebel für reduzierte Sicherheitsbestände beim Einkäufer von 30 bis 40 Prozent, was bei 1,5 Millionen Euro Bestand etwa 70 000 Euro Working-Capital-Effekt entspricht.
Verwandte Begriffe
Hybride Synthese aus [[six-sigma]] und [[lean-procurement]], methodisch getragen vom [[dmaic-zyklus]] und personell durch [[six-sigma-black-belt]]. Operativ verzahnt mit [[wertstromanalyse]], [[5s-methode]], [[kaizen]] und [[spc-statistische-prozesskontrolle]]. In der Lieferantenarbeit Anwendung in [[lieferantenentwicklung]] und [[reifegradmodell-einkauf]].