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Procari Lexikon Lieferantenakquise
Einkaufslexikon

Lieferantenakquise

Lieferantenakquise

Lieferantenakquise bezeichnet den systematischen Prozess der Identifikation, Ansprache und Erstbewertung potenzieller neuer Lieferanten — mit dem Ziel, die Lieferantenbasis zu erweitern, Abhängigkeiten zu reduzieren oder neue Beschaffungsquellen für veränderte Bedarfe zu erschließen.

Detaillierte Erklärung

Lieferantenakquise ist der Einstiegspunkt des Lieferantenlebenszyklus: Bevor ein Lieferant qualifiziert, bewertet oder entwickelt werden kann, muss er gefunden werden. Im DACH-Mittelstand (250-1.500 Mitarbeiter) ist dieser Schritt häufig weniger strukturiert als in Großkonzernen — viele Einkaufsabteilungen verlassen sich auf gewachsene Netzwerke und reagieren auf eingehende Lieferantenangebote, statt aktiv Beschaffungsmarktforschung zu betreiben.

Der BME-Marktforschungs-Leitfaden unterscheidet zwei Kategorien von Quellen:

Primärquellen (direkte Marktansprache):

  • Direktanfragen: Gezielte Anfragen an bekannte Marktteilnehmer in einem Segment, identifiziert über Branchenregister oder Referenzen. Aufwändiger, aber qualitativ hochwertiger als Sekundärquellen.
  • Fachmessen: Hannover Messe (Industrietechnik, April), METAV (Metallbearbeitung, Düsseldorf), Automatica (Robotik, München), Formnext (additive Fertigung, Frankfurt) sind die wichtigsten DACH-Akquiseplattformen. Direktkontakt mit Technikern und Vertrieb ermöglicht eine erste Lieferantenbewertung in Echtzeit.
  • Branchennetzwerke und Verbände: BME-Einkäufertage, VDA-Veranstaltungen, IHK-Netzwerke. Geeignet für qualitative Empfehlungen und persönliche Referenzen.
  • Lieferantentage (eigene): Ausgeschriebene Veranstaltungen, zu denen potenzielle neue Lieferanten eingeladen werden, sich vorzustellen. Effizient bei gezieltem Bedarf (z. B. "Wir suchen Gussteil-Lieferanten im Raum Osteuropa").

Sekundärquellen (Datenbanken und Verzeichnisse):

  • Wer-liefert-was (wlw.de): Größtes B2B-Einkäufer-Verzeichnis im deutschsprachigen Raum. Branchenspezifische Suche über 500.000 Lieferantenprofile.
  • IndustryStock: Technischer Fokus, Maschinenbau und Fertigungsindustrie.
  • EUROPAGES: Pan-europäisches B2B-Verzeichnis, geeignet für die Erschließung von Lieferanten in CEE-Ländern (Polen, Tschechien, Slowakei).
  • Kompass DACH: Unternehmensverzeichnis mit Finanzdaten und Branchenklassifikation, geeignet für die Erstbewertung von Lieferantengrößen und -strukturen.
  • LinkedIn Sales Navigator: Für die Identifikation von Ansprechpartnern in Technologie- und Spezialanbieter-Segmenten. Limitiert für anonyme Erstrecherche.

eClass-Klassifikation:

Die eClass-Klassifikation (ISO 13584-42-kompatibel) ermöglicht die präzise Beschreibung von Beschaffungsbedarfen über standardisierte Produktmerkmale. Wenn ein Einkäufer in einer Datenbank nach "Flanschgetriebe nach eClass 23-03-04-01" sucht, erhält er eine präzisere Lieferantenliste als bei einer Freitextsuche. Die eClass-Nutzung ist im deutschen Maschinenbau und der Elektrotechnik weitgehend etabliert — in kleineren Betrieben und im Handwerk noch selten.

D-U-N-S-Number-Verifizierung:

Die D-U-N-S-Number (Data Universal Numbering System) von Dun & Bradstreet ist der internationale Standard für die eindeutige Unternehmensidentifikation. Bei der Lieferantenakquise aus dem CEE-Raum, Asien oder den USA ist die D-U-N-S-Verifizierung der erste Schritt zur Bonitäts- und Unternehmensverifikation: Existiert das Unternehmen wirklich? Stimmen Rechtsform, Eigentümerstruktur und Unternehmensgröße mit den Angebotsdaten überein?

Akquiseprozess in vier Phasen:

  1. Longlist-Erstellung: Breite Marktrecherche über Sekundärquellen, Ziel 20-50 potenzielle Lieferanten je Warengruppe.
  2. Shortlist-Filterung: Erstbewertung nach Kriterien wie Unternehmensgröße, Zertifizierungen (ISO 9001, IATF 16949), Standort, Produktportfolio. Ziel: 5-10 Kandidaten.
  3. Erstansprache und Kapazitätscheck: Direktkontakt, Erstgespräch, Anforderungsübermittlung. Prüfung: Kann der Lieferant den Bedarf im erforderlichen Volumen bedienen?
  4. Onboarding-Vorbereitung: D-U-N-S-Verifizierung, Stammdatenerfassung, Übergabe an Lieferantenqualifizierung und -freigabe.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller von Sondermaschinen für die Lebensmittelindustrie (380 Mitarbeiter, Niedersachsen) möchte seine Abhängigkeit von einem einzigen Laserschneidlieferanten in Deutschland reduzieren. Der aktuelle Lieferant hat die Kapazitätsgrenze erreicht, Lieferzeiten verlängern sich systematisch.

Der Einkäufer startet eine strukturierte Lieferantenakquise:

Schritt 1 — Bedarfspräzisierung mit eClass: Das benötigte Profil wird nach eClass 23-31-09-01 (Laserschneidteile, Edelstahl) klassifiziert, ergänzt um die Anforderungen: EN 10088-2 (Edelstahlbleche lebensmitteltauglich), ISO 9001 Zertifizierung, maximale Teilegröße 2.000 x 4.000 mm, Jahresmenge 800-1.200 Teile.

Schritt 2 — Sekundärrecherche: Über Wer-liefert-was und EUROPAGES werden 34 potenzielle Lieferanten identifiziert — 18 in Deutschland, 11 in Polen und Tschechien, 5 in Österreich und der Schweiz.

Schritt 3 — Longlist-Filterung: Kriterien: ISO 9001 zwingend, Bilanzsumme > 1 Mio. Euro (Creditreform-Check), Referenzen im Lebensmittelbereich (Eigenauskunft). 12 Unternehmen erfüllen alle Kriterien.

Schritt 4 — D-U-N-S-Verifizierung: Für die 4 CEE-Kandidaten wird die D-U-N-S-Number abgefragt. Einer der polnischen Lieferanten hat keinen DUNS-Eintrag und gibt eine abweichende Firmenadresse an — wird aus der Shortlist gestrichen.

Schritt 5 — Erstansprache: 8 Lieferanten erhalten eine standardisierte Erstanfrage mit Zeichnungsmuster, Mengengerüst und Anforderungsliste. 5 antworten innerhalb von 5 Arbeitstagen, 3 davon mit vollständigen Angeboten. Diese 3 gehen in die Lieferantenqualifizierung.

Der Gesamtaufwand für die Akquise: 18 Arbeitsstunden über drei Wochen. Ergebnis: Zwei qualifizierte neue Alternativlieferanten, ein CEE-Lieferant mit 22 Prozent Preisunterschied bei vergleichbarer Qualität.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Reaktive statt aktive Akquise: Der häufigste Fehler im Mittelstand: Lieferantenakquise findet nur statt, wenn ein konkreter Engpass besteht. Dann ist der Zeitdruck zu hoch für eine strukturierte Auswahl. Akquise sollte regelmäßig und warengruppenbezogen stattfinden — auch ohne aktuellen Bedarf.

Fehler 2 — Nur Sekundärquellen genutzt: Datenbanken liefern Quantität, aber keine Qualität. Lieferanten, die in Datenbanken gut sichtbar sind, sind nicht automatisch die besten. Messebesuche und Direktanfragen liefern differenziertere Erkenntnisse.

Fehler 3 — Keine eClass-Nutzung: Ohne präzise Warengruppen-Klassifikation sind Datenbanksuchen unscharf und erzeugen irrelevante Treffer. eClass ist kostenfrei einsehbar und erheblich präziser als Freitextsuche.

Fehler 4 — Fehlende D-U-N-S-Verifizierung bei unbekannten Lieferanten: Insbesondere bei CEE- und außereuropäischen Lieferanten fehlt die Grundlagenprüfung. Unternehmen ohne D-U-N-S-Eintrag oder mit widersprüchlichen Stammdaten sind ein erhöhtes Risiko.

Fehler 5 — Akquise endet nach Erstangebot: Lieferantenakquise ist abgeschlossen, wenn der Lieferant in den Lieferantenqualifizierungsprozess übergeben wurde — nicht beim ersten Kontakt. Ohne strukturierten Übergabe-Prozess gehen Akquiseergebnisse verloren.

Verhandlungskontext: Ein Lieferant in der Akquisephase ist verhandlungsstrategisch in einer schwächeren Position als ein etablierter Lieferant: Er möchte den Auftrag gewinnen, hat noch keine Vertrauensbasis aufgebaut und ist bereit, Konditionen zu bieten. Das ist der optimale Zeitpunkt für Verhandlungen über Erstbestellkonditionen, Werkzeugkostenübernahme, Zertifizierungsanforderungen und Preistransparenz (Kostenstrukturanalyse). Konditionenmuster aus der Akquisephase prägen oft den gesamten späteren Lieferantenvertrag.

Verwandte Begriffe

  • [[approved-vendor-list]]
  • [[lieferantenqualifizierung]]
  • [[lieferantenfreigabe]]
  • [[d-u-n-s-number]]
  • [[dual-sourcing]]

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