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Procari Lexikon Lieferantenbewertungskriterien
Einkaufslexikon

Lieferantenbewertungskriterien

Lieferantenbewertungskriterien

Lieferantenbewertungskriterien sind die definierten Messgrößen und Gewichtungen, anhand derer ein Unternehmen seine Lieferanten systematisch bewertet — von Qualität und Liefertreue über Preisstabilität bis hin zu Compliance und Innovationsfähigkeit. Ohne klare Kriterien bleibt Lieferantenmanagement subjektiv und damit angreifbar.

Detaillierte Erklärung

Die Wahl der richtigen Bewertungskriterien entscheidet darüber, ob ein Lieferantenportfolio strategisch steuerbar ist oder bloß verwaltet wird. In der Praxis haben sich zwei Rahmenwerke durchgesetzt, die im DACH-Mittelstand besonders verbreitet sind.

Carter 10C-Modell

Das Carter-Modell strukturiert Lieferantenbewertung in zehn Dimensionen: Competency (technische Kompetenz), Capacity (Kapazität), Commitment (Zuverlässigkeit und Langfristorientierung), Control (Prozessbeherrschung), Cash (Finanzkraft), Cost (Preis und Gesamtkosten), Consistency (Gleichmäßigkeit der Leistung), Culture (Unternehmenskultur und -werte), Clean (Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards) sowie Communication (Transparenz und Informationsfluss). Der Vorteil liegt in der Vollständigkeit — insbesondere weiche Faktoren wie Kultur und Kommunikation werden explizit gemacht, was in der Praxis oft vernachlässigt wird.

Hackett Top-5-KPIs

Das Hackett Group Benchmarking identifiziert fünf KPIs als besonders trennscharf für Lieferantenqualität: On-Time Delivery (OTD), Parts per Million Defect Rate (PPM), Preisstabilität über Vertragsperioden, Innovationsbeitrag (messbar über Anzahl akzeptierter Verbesserungsvorschläge) sowie Compliance-Rate (Audit-Bestehensquote, Zertifizierungsstatus).

Gewichtete Scoring-Matrix

Die BME-Studie 2024 zeigt, dass DACH-Unternehmen überwiegend gewichtete Scoring-Matrizen einsetzen. Ein typisches Gewichtungsmodell für die Serienversorgung sieht aus wie folgt: Qualität 35 %, Liefertreue 25 %, Preis 20 %, Technologie und Innovation 10 %, Compliance und Nachhaltigkeit 10 %. Diese Gewichtung verschiebt sich je nach strategischer Bedeutung des Warenkorbs — bei sicherheitskritischen Teilen im Automotive-Umfeld kann Qualität auf 50 % steigen.

VDA 6.3 Audit-Score als Kriterium

Im Automotive-Umfeld wird der VDA 6.3-Prozessaudit-Score direkt als Lieferantenbewertungskriterium verwendet. Lieferanten mit einem Reifegrad unter B (Mindestpunktezahl 80 %) werden automatisch in den Lieferantenentwicklungs-Workflow eingesteuert. Der Score ist damit nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein Steuerungsinstrument.

Häufigkeiten und Quellen

Die Bewertung sollte mindestens quartalsweise für A-Lieferanten und halbjährlich für B-Lieferanten erfolgen. Datenquellen sind typischerweise: ERP-Wareneingangsdaten (OTD, PPM), Einkaufscontrolling (Preisentwicklung), Qualitätsmanagement (Reklamationsquote, 8D-Abschlussquote) sowie externe Quellen wie Zertifizierungsdatenbanken und Kreditauskünfte.

Strategische Bedeutung

Bewertungskriterien sind die Sprache, in der Einkauf mit Lieferanten verhandelt. Wer klare KPIs definiert, kann Verbesserungsziele verbindlich vereinbaren, Eskalationen objektiv begründen und Lieferantenentwicklungsmaßnahmen gezielt einsetzen. Die Verknüpfung von Kriterien mit Vergabeentscheidungen — etwa durch Preferred-Supplier-Status bei einem Gesamtscore über 80 % — schafft Anreize für kontinuierliche Verbesserung.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein mittelständischer Maschinenbauer in Baden-Württemberg mit 320 Mitarbeitern bezieht Hydraulikkomponenten von acht Lieferanten. Bisher wurden Lieferanten informell nach Bauchgefühl und Preis bewertet — was zu Konflikten zwischen Einkauf und Qualitätssicherung führte, wenn Reklamationen anfielen.

Der Einkaufsleiter entscheidet sich, eine strukturierte Bewertungsmatrix einzuführen. In einem Workshop mit Qualität, Logistik und Technik werden die Kriterien und ihre Gewichtungen festgelegt: Qualität (PPM, Reklamationsquote, 8D-Abschlussquote) 35 %, Liefertreue (OTD, Avisierungsqualität) 25 %, Preisstabilität (Abweichung vom Vertragspreisindex) 20 %, Technologie (Reaktionszeit auf Änderungsanforderungen, Entwicklungskompetenz) 10 %, Compliance (Zertifizierungsstatus ISO 9001/IATF, Nachhaltigkeitserklärung) 10 %.

Die Datenbasis wird direkt aus dem ERP gezogen: PPM aus Wareneingangsprüfungen, OTD aus Lieferavisvergleich, Preisentwicklung aus Bestellhistorie. Für Compliance werden Zertifikatslaufzeiten und das Vorhandensein einer aktuellen Lieferantenerklärung geprüft.

Nach der ersten Bewertungsrunde zeigt sich ein überraschendes Bild: Der günstigste Lieferant erreicht nur 61 von 100 Punkten, weil seine PPM-Rate dreimal so hoch ist wie der Portfoliodurchschnitt und seine OTD-Quote bei nur 81 % liegt. Ein anderer Lieferant, der preislich im oberen Drittel liegt, erzielt 88 Punkte und wird zum Preferred Supplier erklärt.

Der Einkaufsleiter nutzt die Bewertungsergebnisse als Grundlage für das nächste Jahresgespräch mit dem schwachen Lieferanten. Statt einer vagen Kritik legt er konkrete Verbesserungsziele fest: PPM unter 150 in 12 Monaten, OTD über 95 % in 6 Monaten. Der Lieferant erhält eine formelle Verbesserungsvereinbarung mit quartalsweiser Überprüfung. Wird das Ziel nicht erreicht, wird das Einkaufsvolumen schrittweise auf den Preferred Supplier verlagert.

Das Ergebnis nach 18 Monaten: Die durchschnittliche OTD im Hydraulik-Portfolio steigt von 87 % auf 93 %. Die Reklamationskosten sinken um 40 %. Und der Einkaufsleiter kann gegenüber der Geschäftsführung erstmals belegen, warum Lieferantenentscheidungen so getroffen wurden, wie sie getroffen wurden.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Kriterien ohne Datengrundlage

Der häufigste Fehler ist, Kriterien zu definieren, für die keine verlässliche Datenbasis existiert. "Innovationsfähigkeit" klingt strategisch, ist aber wertlos, wenn sie nur auf subjektiver Einschätzung basiert. Abhilfe: Kriterien nur aufnehmen, wenn sie messbar und regelmäßig verfügbar sind.

Statische Gewichtungen

Ein Unternehmen, das vor drei Jahren seine Matrix festgelegt hat, bewertet Compliance heute mit denselben 5 %, die vor dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sinnvoll waren. Gewichtungen müssen jährlich überprüft und an die strategische Agenda angepasst werden.

Einseitige Kommunikation

Lieferanten, die nicht wissen, nach welchen Kriterien sie bewertet werden, können sich nicht verbessern. Die Kriterien und Gewichtungen sollten dem Lieferanten bei Erstqualifizierung mitgeteilt und regelmäßig in Gesprächen besprochen werden.

Verhandlungskontext

Im Jahresgespräch entfalten Bewertungskriterien ihre größte Wirkung. Ein Einkäufer, der mit einem dokumentierten Score von 68 % in die Verhandlung geht, hat eine objektive Grundlage, um Preisnachlässe oder Verbesserungsmaßnahmen einzufordern. Umgekehrt kann ein Lieferant mit einem Score von 90 % eine Preferred-Supplier-Partnerschaft und damit Planungssicherheit einfordern. Die Kriterien schaffen eine gemeinsame Sprache — und nehmen der Verhandlung das Persönliche.

Fehler bei der Aggregation

Gewichtete Scores können Einzelprobleme verdecken. Ein Lieferant mit 78 % Gesamtscore kann in der Qualitätsdimension trotzdem nur 45 % erreichen — was bei sicherheitsrelevanten Teilen ein K.O.-Kriterium sein sollte. Empfehlung: Neben dem Gesamtscore Schwellenwerte pro Dimension definieren, unterhalb derer automatisch eine Eskalation ausgelöst wird.

Verwandte Begriffe

  • [[lieferantenbewertung]]
  • [[lieferanten-scorecard]]
  • [[vda-6-3]]
  • [[delivery-performance]]
  • [[lieferantenentwicklung]]

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