Lieferantenselbstauskunft
Lieferantenselbstauskunft
Die Lieferantenselbstauskunft ist ein standardisierter Fragebogen, in dem ein potenzieller oder bestehender Lieferant strukturierte Angaben zu Unternehmensdaten, Bonität, Versicherungen, Compliance, Zertifikaten und Nachhaltigkeit macht. Sie ist im DACH-Einkauf der Onboarding-Standard und liefert die Datengrundlage für Bonitätsprüfung, Risikobewertung und Lieferantenklassifizierung.
Detaillierte Erklärung
Inhaltlich besteht die Lieferantenselbstauskunft aus sechs typischen Blöcken. Erstens Stammdaten (Firmierung, Rechtsform, USt-ID, Handelsregisternummer, Konzernzugehörigkeit, Standorte). Zweitens kommerzielle Angaben (Umsatz der letzten 3 Jahre, Mitarbeiterzahl, Bankverbindung, Zahlungsziel, Kundenkonzentration). Drittens Versicherungen und Bonität (Betriebshaftpflicht, Produkthaftpflicht mit Mindestdeckungssumme, oft 5 bis 10 Millionen Euro, sowie Bonitätsindex Creditreform oder Dun und Bradstreet). Viertens Qualität und Zertifikate (ISO 9001, IATF 16949, ISO 14001, ISO 45001, Branchenstandards). Fünftens Compliance (Sanktionslisten, UK Bribery Act, US FCPA, Geldwäschegesetz, LkSG-Erklärung). Sechstens Nachhaltigkeit (Energiemanagement, CO2-Bilanz, Konfliktmineralien, REACH, RoHS, EcoVadis-Status).
Im Automotive-Sektor ist seit 2014 der Self-Assessment Questionnaire (SAQ) der Branchen-Initiative Drive Sustainability faktischer Standard, getragen unter anderem von BMW, Daimler (Mercedes-Benz Group), Ford, Volkswagen, Volvo und Scania. Die aktuelle Version SAQ 5.0 wurde im November 2022 freigegeben und deckt fünf Themenfelder ab: Arbeitsbedingungen und Menschenrechte, Arbeitsschutz, Unternehmensethik, Umwelt sowie Lieferantenmanagement (Tier-2-Verantwortung). Verarbeitet wird der SAQ technisch über die NQC-Plattform "SupplierAssurance".
Im Querschnittsbereich nutzen viele DACH-Unternehmen die EcoVadis-Plattform als Nachhaltigkeitsergänzung der klassischen Selbstauskunft. EcoVadis bewertet die eingereichten Unterlagen in den Kategorien Umwelt, Arbeit und Menschenrechte, Ethik sowie nachhaltige Beschaffung. Seit der Methodikumstellung 2024 sind die EcoVadis-Medaillen perzentilbasiert: Platin (Top 1 Prozent), Gold (Top 5 Prozent), Silber (Top 15 Prozent), Bronze (Top 35 Prozent) der bewerteten Unternehmen der vorangegangenen 12 Monate.
Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) hat 2017 eine Mustervorlage für die Lieferantenselbstauskunft veröffentlicht, die mittelständische Einkaufsorganisationen frei nutzen können und die in vielen DACH-Unternehmen die Basis für unternehmensspezifische Anpassungen bildet. ISO 9001:2015 verlangt in Klausel 8.4.1 eine dokumentierte Lieferantenauswahl, die Selbstauskunft ist die typische Eingangsdokumentation dieses Prozesses.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Maschinenbauer aus Niedersachsen mit 480 Mitarbeitern und 138 Millionen Euro Umsatz qualifiziert 2025 acht neue Lieferanten für eine neue Produktbaureihe. Der Einkauf nutzt eine angepasste Version der BME-Mustervorlage mit 64 Pflichtfeldern in den sechs typischen Themenblöcken plus 18 zusätzliche Felder zur LkSG-Compliance.
Sechs der acht Lieferanten reichen die Selbstauskunft innerhalb der vereinbarten Frist von 21 Kalendertagen vollständig ein. Zwei reichen unvollständig ein, ein Lieferant fehlt im Block Versicherungen die geforderte 7,5 Millionen Euro Produkthaftpflicht (vorhanden 3 Millionen Euro), der zweite hat keine ISO 9001 vorzuweisen. Der erste wird mit Auflage zur Höherversicherung onboarded (Frist 90 Tage), der zweite wird abgewiesen, weil die Anschaffung der Zertifizierung nicht innerhalb des 12-Monats-Fensters bis Serienanlauf erfolgen kann.
Aufwand auf Einkaufsseite je vollständige Selbstauskunft rund 1,8 Personenstunden für Prüfung und Dokumentation, in Summe 14,4 Personenstunden für die 8 Lieferanten plus 0,5 Personenstunden je Bonitätsabfrage bei Creditreform. Bei einem Stundensatz von 78 Euro liegt der Onboarding-Aufwand bei rund 1.500 Euro für die Charge, was bei einem Auftragsvolumen von 4,2 Millionen Euro über 5 Jahre wirtschaftlich vertretbar ist.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist der überfrachtete Fragebogen. Eine Selbstauskunft mit 180 Pflichtfeldern signalisiert dem Lieferanten Bürokratie und führt regelmäßig zu Halbantworten oder Verweigerungen, vor allem im KMU-Segment unter 50 Mitarbeitern. 50 bis 80 Pflichtfelder mit klarer Themenstruktur sind eine sinnvolle Obergrenze. Ergänzende Detailblöcke gehören in optionale Anhänge.
Der zweite Fehler ist die fehlende Aktualisierungspflicht. Eine Selbstauskunft, die einmal beim Onboarding eingereicht und danach nie wieder erneuert wird, ist nach 24 Monaten praktisch wertlos. Branchenüblich sind jährliche Updates der kommerziellen Daten und alle 24 Monate eine vollständige Neueinreichung, idealerweise mit automatischer Erinnerung über das Lieferantenmanagementsystem.
Der dritte Fehler ist die fehlende Verifikation. Selbstauskunft ist Selbstaussage des Lieferanten und kein geprüftes Dokument. Kritische Angaben wie ISO-Zertifikate, Versicherungssummen und Bonität gehören gegen Originalbeleg geprüft, nicht nur als Häkchen im Fragebogen. Bei sicherheitsrelevanten Lieferanten ergänzt ein Lieferantenaudit nach VDA 6.3 oder ein 4-Pillar-SMETA-Audit die schriftliche Auskunft.
Verwandte Begriffe
Die Lieferantenselbstauskunft ist Eingangsstufe der [[lieferantenfreigabe]] und Datengrundlage für [[lieferantenbewertung]] sowie [[lieferantenklassifizierung]]. Inhaltlich verzahnt mit [[bonitaetspruefung]] und [[sanktionslistenpruefung]], normativ gestützt durch [[iso-9001]] und [[lieferkettensorgfaltspflichtengesetz]], nachhaltigkeitsseitig ergänzt durch [[ecovadis]] und [[sedex-smeta-audit]].