Lieferzeitstreuung
Lieferzeitstreuung
Die Lieferzeitstreuung misst die Standardabweichung tatsächlicher Lieferzeiten gegenüber dem Mittelwert pro Lieferant oder Materialgruppe. Im SCOR-Modell von ASCM ist sie eine Kern-Kennzahl der Reliabilität und treibt im DACH-Mittelstand direkt die Höhe des Sicherheitsbestandes — eine hohe Streuung bindet mehr Kapital als ein hoher Mittelwert.
Detaillierte Erklärung
Lieferzeitstreuung ist die statistische Schwester der mittleren Lieferzeit. Während der Mittelwert die Frage "wie lange dauert es typischerweise?" beantwortet, beantwortet die Streuung die viel wichtigere Frage "wie verlässlich ist diese Aussage?". Mathematisch ist sie definiert als Standardabweichung sigma der Lieferzeit-Stichprobe über einen rollierenden Zwölf-Monats-Zeitraum:
sigma = sqrt( (1/(n-1)) * Sigma (LT_i − LT_mittel)^2 )
mit LT_i als tatsächlicher Lieferzeit der i-ten Lieferung in Werktagen und n als Anzahl Lieferungen. Eine Stichprobe von mindestens 30 Lieferungen gilt als statistisch tragfähig; darunter wird die Streuung zwar berechnet, aber nicht zur Bewertung herangezogen.
Im SCOR-Modell ist die Lieferzeitstreuung Teil des Reliability-Clusters (RL) und korrespondiert direkt mit der "Perfect Order"-Definition (siehe [[perfect-order-rate]]). BME-Kennzahlenbenchmark verwendet die Streuung als Grundlage für die Lieferanten-Klassifizierung in den Stufen "stable", "variable" und "volatile" mit Schwellen von üblicherweise sigma <= 1,5 Tagen, sigma <= 4 Tagen und sigma > 4 Tagen.
Der konkrete Hebel auf den Einkauf: der Sicherheitsbestand ([[sicherheitsbestand]]) berechnet sich nach der gängigen Formel SB = Z * sigma_LT * D mit Z als Service-Level-Faktor (z. B. 1,65 bei 95 % Servicegrad) und D als durchschnittlicher Tagesbedarf. Eine Streuung von sigma = 4 Tagen bei D = 50 Stück und Z = 1,65 erfordert einen Sicherheitsbestand von 330 Stück — bei sigma = 1,5 Tagen nur 124 Stück. Die Reduktion der Lieferzeitstreuung ist damit der direkteste Hebel auf gebundenes Working Capital, weit wirksamer als reine Preisverhandlungen.
Abzugrenzen ist die Lieferzeitstreuung von [[lead-time-variance]] (englischer Begriff, leichte Definitionsdifferenz: LTV verwendet teilweise Varianz statt Standardabweichung) und von der reinen Termintreue-Quote ([[liefertreue]]). Liefertreue zählt nur, wie viele Lieferungen "rechtzeitig" eintrafen — Streuung sagt, wie weit die nicht-rechtzeitigen entfernt waren.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein westfälischer Hausgerätehersteller (1.200 Mitarbeiter) bezieht Edelstahlbleche von zwei alternativen Lieferanten. Lieferant A (Saarland) hat eine vereinbarte Lieferzeit von 14 Werktagen, Lieferant B (Slowenien) von 21 Werktagen. Der Einkäufer präferiert intuitiv A wegen der kürzeren Lieferzeit. Nach zwölf Monaten Datenanalyse zeigt sich:
- Lieferant A: Mittelwert 14,8 Werktage, sigma 5,2 Werktage (Range 8 bis 28 Tage, mehrere Stufe-2-Mahnungen)
- Lieferant B: Mittelwert 21,3 Werktage, sigma 1,1 Werktage (Range 20 bis 24 Tage)
Berechnung des Sicherheitsbestandes bei D = 800 Bleche/Tag und Z = 1,65 (95 % Servicegrad):
- Lieferant A: 1,65 * 5,2 * 800 = 6.864 Bleche Sicherheitsbestand
- Lieferant B: 1,65 * 1,1 * 800 = 1.452 Bleche Sicherheitsbestand
Differenz: 5.412 Bleche zusätzlicher Bestand bei Lieferant A. Materialwert pro Blech 4,80 Euro, Kapitalbindungskosten 8 % p.a.: 5.412 * 4,80 * 0,08 = 2.078 Euro pro Jahr. Hinzu kommen Lagerfläche (etwa 12 m^2 zusätzlich, kalkulatorisch 30 Euro/m^2/Monat = 4.320 Euro p.a.) sowie das Risiko von Express-Beschaffungen bei Streuungs-Ausreißern (im letzten Jahr sechs Express-Bestellungen mit Mehrkosten von 18.700 Euro).
Der zunächst "günstigere" Lieferant A kostet damit etwa 25.000 Euro p.a. mehr als das nominale Preisniveau suggeriert. Die Konsequenz im Jahresgespräch: entweder Lieferant A reduziert seine Streuung durch verbindliche Rahmenvertragstermine ([[liefervertrag]]), oder das Volumen wandert zu B. Beide Hebel sind nur über die statistische Datengrundlage argumentierbar — ohne sigma-Werte bleibt die Diskussion bei Bauchgefühl.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster und gravierendster Fehler: Mittelwert-Tunnelblick. Einkäufer berichten in Lenkungsausschüssen "die mittlere Lieferzeit liegt bei 14 Tagen" und übersehen, dass diese Aussage bei sigma = 6 Tagen praktisch wertlos ist — ein Drittel aller Lieferungen liegt ausserhalb des Bandes 8 bis 20 Tage. Reporting-Disziplin: jeder Lieferzeit-Mittelwert muss zwingend mit sigma kommuniziert werden, sonst ist er irreführend.
Zweiter Fehler: Stichproben-Mischung. Wenn Lieferant A sowohl Standardware als auch Sonderfertigungen liefert, ist eine pauschale Streuungsberechnung unsinnig — Sonderfertigungen haben naturgemäß höhere Streuung. Korrekt ist die Aufschlüsselung pro Materialgruppe oder pro Bestelltyp (Lager-, Vorrats-, Auftragsbestellung).
Dritter Fehler: Nichtbeachtung von Saisonalität. Streuung steigt typischerweise im Sommerquartal (Werksferien) und vor dem Jahreswechsel. Wer eine kalenderjährliche Pauschalbewertung vornimmt, verwäscht diese Effekte. Saubere Analyse rollierend über die letzten 12 Monate, idealerweise mit Saisonbereinigung.
Im Verhandlungskontext ist die Lieferzeitstreuung das mächtigste Instrument zur Forderung von Bonus-Malus-Klauseln. Wer einem Lieferanten einen sigma-Bonus anbietet (z. B. "wenn sigma_LT in den nächsten zwölf Monaten unter 2,5 Tagen bleibt, gibt es einen Sonderbonus von 1,5 % auf das Vorjahresvolumen"), schafft eine direkte finanzielle Kopplung an Liefer-Verlässlichkeit. Die VDA Logistik-Lieferantenbewertung sieht solche Klauseln explizit als Best Practice vor.
Verhandlungs-Achillesferse: ohne mindestens 30 Datenpunkte in den letzten zwölf Monaten ist sigma statistisch instabil. Bei kleinen Lieferanten oder seltenen Bestellungen ist daher der Median der absoluten Abweichung (MAD) das stabilere Maß — wird aber im DACH-Mittelstand selten kommuniziert. Die ehrliche Antwort an den Lieferanten "wir haben nur acht Bestellungen, die Streuungs-Aussage ist statistisch nicht belastbar" ist verhandlungstaktisch besser als ein scheinexaktes sigma.
Verwandte Begriffe
- [[lead-time-variance]]
- [[liefertreue]]
- [[sicherheitsbestand]]
- [[xyz-analyse]]
- [[perfect-order-rate]]