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Procari Lexikon Marktanalyse
Einkaufslexikon

Marktanalyse

Marktanalyse

Eine fundierte Marktanalyse ist die Voraussetzung jeder ernsthaften Verhandlung: Wer nicht weiß, wie viele Anbieter existieren, wie konzentriert der Markt ist und welche Preisentwicklungen sich abzeichnen, verhandelt blind. Im Beschaffungskontext liefert die Marktanalyse die Fakten, auf denen [[einkaufshebel]], [[portfolioanalyse]] und Lieferantenauswahl aufbauen.

Detaillierte Erklärung

Im Einkauf bezeichnet Marktanalyse die systematische Erhebung und Auswertung von Informationen über Beschaffungsmärkte. Sie beantwortet vier Kernfragen: Wer liefert was? Zu welchen Konditionen? Wie stabil ist der Markt? Und wie verändert er sich?

Strukturanalyse des Lieferantenmarkts

Ausgangspunkt ist die Marktstruktur. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) misst Marktkonzentration: Bei einem HHI unter 1.500 gilt ein Markt als kompetitiv; über 2.500 als hochkonzentriert, was Einkaufsmacht systematisch einschränkt. Für den Einkauf relevant sind:

  • Anzahl und geografische Verteilung der Lieferanten (global, DACH, regional)
  • Marktzutrittsbarrieren (Patente, Zertifizierungen nach ISO 9001/14001, Mindestlosgrößen)
  • Substituierbarkeit: Können alternative Werkstoffe oder Verfahren die Abhängigkeit reduzieren?
  • Vertikale Integration: Produzieren Lieferanten ihre Vorprodukte selbst oder hängen sie von wenigen Rohstofflieferanten ab?

Preisstruktur und Kostenanalyse

Die Marktanalyse geht über Listenpreise hinaus. Preisindizes wie der Erzeugerpreisindex des Statistischen Bundesamts (Destatis), PLATTS-Notierungen für Rohstoffe oder Branchenverbandsdaten des BME liefern Anhaltspunkte für Kostenstrukturen. Eine Soll-Kostenanalyse (Should-Cost-Modell) schätzt, was ein Produkt unter Wettbewerbsbedingungen kosten müsste — und macht Preisforderungen von Lieferanten prüfbar.

Dynamische Komponente: Trendanalyse

Statische Marktanalyse reicht nicht. Relevant sind:

  • Kapazitätsauslastungen in der Lieferantenindustrie (hohe Auslastung = geringere Verhandlungsmacht des Einkäufers)
  • Rohstoffpreisentwicklungen und Energiekosten (relevant in Deutschland seit 2022 besonders für energieintensive Güter)
  • Regulatorische Veränderungen (EU-Lieferkettengesetz, CBAM, LkSG ab 2024 für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeiter)
  • Technologiewandel (z. B. Verschiebung von konventionellem Maschinenbau zu additiver Fertigung in bestimmten Warengruppen)

Quellen im DACH-Kontext

Für den Mittelstand zugängliche Quellen: Statista, Destatis (Erzeuger- und Importpreisindizes), BME-Einkaufsbarometer (quartalsweise), Creditreform-Bonitätsdaten, Handelsregister, EDGAR-SEC-Filings für börsennotierte Lieferanten, Branchenverbände (VDMA, VDA, ZVEI). Für globale Beschaffung: UN Comtrade, ITC Trade Map.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Automobilzulieferer in Baden-Württemberg mit 650 Mitarbeitern bezieht hochfeste Aluminium-Strangpressprofile von einem einzigen deutschen Lieferanten. Der Jahresvertrag soll verlängert werden; der Lieferant fordert 9 % Preiserhöhung mit Verweis auf gestiegene Energiekosten.

Die Marktanalyse ergibt: Der europäische Markt für Aluminium-Strangpressprofile besteht aus 14 relevanten Anbietern (DACH: 5, übrige EU: 9). Der Energiekostenanteil im Strangpressverfahren liegt typischerweise bei 18 bis 22 % der Herstellkosten. Der europäische Energiepreisindex für Industrie (Eurostat) stieg im relevanten Zeitraum um 11 %. Rechnerisch rechtfertigt das eine Preiserhöhung von 2,0 bis 2,4 % — nicht 9 %.

Der Einkäufer legt die Should-Cost-Berechnung vor, holt gleichzeitig Angebote von zwei tschechischen Anbietern ein (Qualifizierungszeitraum 6 Monate) und einigt sich auf 3,5 % Erhöhung mit einer Preisgleitklausel auf Energiepreisbasis. Das [[beschaffungsmarketing]] für die neuen Anbieter läuft parallel als Absicherung.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Einmalige statt kontinuierliche Analyse. Märkte verändern sich. Eine Marktanalyse, die vor der Verhandlung schnell zusammengestellt wird, übersieht strukturelle Verschiebungen. Best Practice ist ein rollierender Analysezyklus, bei dem A-Warengruppen mindestens jährlich, B-Warengruppen alle zwei Jahre aktualisiert werden.

Qualität der Quellen nicht hinterfragen. Lieferanteneigene Berichte über Kostenentwicklungen sind Verhandlungsdokumente, keine neutralen Analysen. Die Marktanalyse des Einkäufers muss auf unabhängigen Quellen basieren.

Keine Segmentierung nach Beschaffungsmarkt. "Der Markt" existiert nicht. Beschaffungsmärkte sind nach Geografie, Qualitätssegment und Losgrößenanforderungen unterschiedlich. Eine globale Lieferantensuche für eine Warengruppe, die technisch anspruchsvolle Toleranzen erfordert, liefert andere Ergebnisse als die für Standardware.

Marktanalyse ohne Verknüpfung zur [[portfolioanalyse]]. Die Erkenntnisse der Marktanalyse entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie in die Warengruppen-Positionierung (Hebel-, Engpass-, Routine-, strategisches Material) einfließen. Ohne diese Verknüpfung bleibt die Analyse ein Dokument ohne Handlungsableitung.

Verwandte Begriffe

  • [[beschaffungsmarkt]]
  • [[beschaffungsmarketing]]
  • [[portfolioanalyse]]
  • [[einkaufshebel]]
  • [[standardisierung]]

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