Zum Inhalt springen
Procari Lexikon Materialdisposition
Einkaufslexikon

Materialdisposition

Materialdisposition

Materialdisposition ist die Planung der Beschaffungsmengen und -termine, die nötig sind, um den Bedarf an Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen sowie Halbfabrikaten zeitgerecht zu decken. Sie ist die operative Schnittstelle zwischen Produktionsplanung und Einkauf und steuert über Dispomerkmale täglich Millionenbeträge an gebundenem Kapital.

Detaillierte Erklärung

Konzeptionell wird zwischen plangesteuerter (deterministischer) und verbrauchsgesteuerter (stochastischer) Disposition unterschieden. Die plangesteuerte Variante leitet die Bedarfe aus Stücklistenauflösungen und Produktionsprogrammen ab und entspricht der MRP-Logik, die Joseph Orlicky 1975 in seinem Buch "Material Requirements Planning" als Standard begründete. 1983 erweiterte Oliver Wight diese Methodik zu MRP II und integrierte Kapazitätsplanung sowie Finanzfunktionen. Bis 1981 setzten rund 8.000 Unternehmen weltweit MRP-Systeme ein, gegenüber etwa 700 im Jahr 1975. In SAP MM wird die Verfahrensauswahl über Dispomerkmale gesteuert: PD steht für klassische Plandisposition mit Stücklistenauflösung, VB für die manuelle Bestellpunktdisposition, V1 und V2 für Bestellpunktverfahren mit oder ohne externe Bedarfe sowie R1 und R2 für rhythmische, zeitlich getaktete Verfahren. Diese Differenzierung erlaubt die ABC-XYZ-konforme Zuordnung über den [[abc-xyz-klassifizierungszyklus]]: A-Teile mit hohem Wertanteil werden meist mit PD disponiert, C-Teile mit geringer Wertdichte über VB. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) und die Bundesvereinigung Logistik (BVL) ordnen die Materialdisposition als Kernfunktion der operativen Beschaffung ein.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein mittelständischer Pumpenhersteller in Baden-Württemberg mit 280 Mitarbeitern und 47 Mio. Euro Jahresumsatz disponiert rund 4.200 aktive Materialnummern. Die A-Teile (Gussgehäuse, Wellen, Elektromotoren) laufen über Dispomerkmal PD und werden auftragsbezogen auf Basis der Wochenproduktionsplanung beschafft, mit Wiederbeschaffungszeiten zwischen 8 und 14 Wochen. Die rund 3.100 C-Teile (Dichtungen, Schrauben, Klemmen) liegen auf Dispomerkmal VB nach klassischem [[bestellpunktverfahren]] mit fest hinterlegten Meldebeständen, die zweimal jährlich durch eine Verbrauchsanalyse der letzten 12 Monate aktualisiert werden. Bei einem Wechsel von VB auf V1 für eine Charge von 180 lagerintensiven B-Teilen sank der durchschnittliche Bestand 2024 um 18 Prozent, während die Lieferbereitschaft konstant bei 98,5 Prozent blieb.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Ein häufiger Fehler ist die einmalige Festlegung von Dispomerkmalen ohne periodische Überprüfung. Materialien wandern über ihren Lebenszyklus von A zu C oder umgekehrt, sodass eine starre Zuordnung zu überhöhten Beständen oder Fehlmengen führt. In Lieferantenverhandlungen liefert die Disposition entscheidende Hebel: Konsignationsläger eignen sich für Materialien mit Dispomerkmal VB und stabilem Verbrauch, während für PD-disponierte A-Teile Rahmenverträge mit Abrufkontingenten und Korridorpreisen sinnvoller sind, wie sie auch im [[bestellrhythmusverfahren]] etabliert sind. Wer die Dispomerkmale im Verhandlungsvorbereitungsblatt nicht ausweist, verliert Argumentationsboden bei der Diskussion von Mindestabnahmemengen und kann den [[plan-ist-vergleich-bestand]] nicht als Hebel einsetzen.

Verwandte Begriffe

Die Materialdisposition baut auf [[disposition]] und [[abc-xyz-klassifizierungszyklus]] auf, nutzt [[bestellpunktverfahren]] und [[bestellrhythmusverfahren]] als operative Verfahren und liefert Eingangsdaten für [[nachfrageprognose]], [[demand-sensing]], [[demand-aggregation]] sowie [[slow-mover-analyse]] und [[plan-ist-vergleich-bestand]].

Alle 1.460+ Begriffe als PDF

Das komplette Procari Einkaufslexikon — kostenlos per Email.

PDF anfordern →