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Procari Lexikon Net Zero Target Setting
Einkaufslexikon

Net Zero Target Setting

Net Zero Target Setting

Net Zero Target Setting ist die strukturierte Festlegung wissenschaftsbasierter Klimaziele, die Unternehmen entlang eines 1,5-Grad-Pfades auf netto null Treibhausgasemissionen führen. Das international maßgebliche Rahmenwerk ist der SBTi Corporate Net-Zero Standard, veröffentlicht im Oktober 2021 von der Science Based Targets Initiative SBTi, einer Partnerschaft von CDP, World Resources Institute WRI, World Wide Fund for Nature WWF und UN Global Compact. Stand Q1 2026 haben weltweit über 7.000 Unternehmen SBTi-validierte Ziele, davon mehr als 4.500 Net-Zero-Commitments.

Detaillierte Erklärung

Der SBTi Corporate Net-Zero Standard verlangt zwei zwingend kombinierte Zielebenen. Erstens ein Near-Term-Target mit einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren, das mindestens 95 Prozent der Scope-1- und Scope-2-Emissionen sowie mindestens 67 Prozent der Scope-3-Emissionen abdeckt, sofern Scope 3 mehr als 40 Prozent der Gesamtbilanz ausmacht (was in der DACH-Industrie der Regelfall ist). Zweitens ein Long-Term-Target mit Zeithorizont spätestens 2050, das eine Reduktion aller drei Scopes um mindestens 90 Prozent gegenüber dem Basisjahr fordert. Die verbleibenden bis zu 10 Prozent der Restemissionen müssen durch hochwertige Carbon-Removals neutralisiert werden, nicht durch Offsets aus Vermeidungsprojekten.

Seit Juli 2022 akzeptiert SBTi nur noch 1,5-Grad-konforme Near-Term-Targets, das bedeutet eine jährliche absolute Reduktion von mindestens 4,2 Prozent für Scope 1 und 2. Der Validierungsprozess erfolgt in fünf Schritten: Commitment, Target Development, Submission, Validation durch SBTi-Experten und finale Veröffentlichung. Die Bearbeitungsdauer durch SBTi liegt 2026 bei sechs bis zwölf Monaten, die Gebühr für mittelgroße Unternehmen bei rund 14.500 USD. Die Version 1.3.1 des Net-Zero Standard vom April 2026 hat die Anforderungen an die Land-Sector-Methodik und an Scope-3-Engagement verschärft. Parallel existieren weitere Net-Zero-Rahmenwerke: die Race-to-Zero-Kriterien der UNFCCC, die ISO Net Zero Guidelines (ISO/IWA 42:2022) und die Glasgow Financial Alliance for Net Zero GFANZ-Vorgaben für Finanzinstitute. Für börsennotierte DACH-Konzerne sind SBTi-validierte Ziele faktischer Standard geworden, weil ESG-Ratings wie MSCI, ISS und Sustainalytics deren Vorhandensein scoring-relevant gewichten und CSRD-Audits explizit nach validierten Zielen fragen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller industrieller Antriebstechnik aus Bayern mit 2.400 Mitarbeitenden und 580 Mio EUR Umsatz beauftragt seinen Einkaufsleiter mit der Operationalisierung eines SBTi-validierten Near-Term-Targets bis 2030. Basisjahr 2023, Bilanz: Scope 1 mit 11.200 tCO2e, Scope 2 mit 3.800 tCO2e (market-based), Scope 3 mit 178.000 tCO2e, davon 122.000 tCO2e in Kategorie 3.1 Purchased Goods and Services. Das validierte Near-Term-Target lautet: minus 42 Prozent Scope 1 und 2 absolut bis 2030 und minus 25 Prozent Scope 3 absolut bis 2030. Die Scope-3-Reduktion erfordert massive Eingriffe im Einkauf: Erstens Substitution von Primäraluminium durch Sekundäraluminium mit etwa 95 Prozent niedrigerem Carbon Footprint bei drei Hauptlieferanten, geschätzte Reduktion 18.000 tCO2e jährlich. Zweitens Lieferantenpflicht zur Vorlage eines eigenen SBTi-validierten Near-Term-Targets bis Ende 2027 für alle Lieferanten mit Jahresvolumen über 2 Mio EUR; geplant für 47 Lieferanten mit kumuliert 312 Mio EUR Volumen. Drittens Stahlbeschaffung über grünen Stahl von H2-Green-Steel oder ArcelorMittal-Xcarb-Programm zu Aufschlägen von 80 bis 140 EUR pro Tonne, kalkuliert auf 8.400 Tonnen Stahljahresbedarf. Der Gesamtbusinesscase belastet den EBIT 2030 mit rund 2,1 Mio EUR jährlich und finanziert sich über Carbon-Cost-Avoidance bei steigenden EU-ETS- und CBAM-Preisen ab 2027.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die Festlegung relativer Intensitätsziele anstelle absoluter Reduktionen. SBTi akzeptiert ab 2022 nur in Ausnahmen Intensitätsziele (zum Beispiel im Sektor Energieerzeugung), für die meisten Industrien sind absolute Targets verpflichtend. Wer in der frühen Konzeptphase Intensitätsziele plant, läuft sechs Monate später durch die Validierung gegen die Wand und muss neu rechnen.

Der zweite Fehler ist das Ignorieren der Scope-3-Engagement-Komponente. Die Version 1.3 des SBTi-Net-Zero-Standard verlangt explizit, dass Unternehmen ihre Lieferanten zur eigenen Net-Zero-Zielsetzung anhalten. Eine reine absolute Scope-3-Reduktion ohne Lieferanten-Engagement-Programm wird im Audit beanstandet. Verankern Sie das Engagement im Lieferantencode und in der Vergabematrix.

Der dritte Verhandlungsfehler ist die Vermischung von Reduktion und Neutralisation. Net Zero bedeutet 90 Prozent Reduktion plus 10 Prozent Removals, nicht 50 Prozent Reduktion plus 50 Prozent Offsets. Wer in der Roadmap Offsets als Reduktionsbeitrag ansetzt, verstößt gegen den SBTi-Standard und riskiert die Aberkennung des Net-Zero-Labels. Trennen Sie in der Roadmap und im Reporting Reduktionsmaßnahmen sauber von Neutralisationsmaßnahmen.

Verwandte Begriffe

Net Zero Target Setting baut methodisch auf den [[science-based-targets]] auf, fordert eine vollständige [[scope-3-emissionen]]-Bilanz und ist 2026 fester Bestandteil jedes [[esg-kriterien-einkauf]]-Programms in der DACH-Industrie.

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