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Procari Lexikon Pilot Run
Einkaufslexikon

Pilot Run

Pilot Run

Ein Pilot Run ist die Pilotserie unter Serienbedingungen, mit der ein Lieferant vor dem Start of Production (SOP) nachweist, dass sein Werkzeug, sein Prozess und seine Logistikkette die geforderte Stückzahl, Taktzeit und Qualität liefern können. Der Pilot Run ist die letzte Stufe vor der Serienfreigabe und liefert die Datengrundlage für PPAP, EMPB und Run at Rate.

Detaillierte Erklärung

Der Pilot Run schließt die Lücke zwischen Erstmuster und Serie. Während die Erstmusterprüfung (EMPB) einzelne Bauteile aus dem Serienwerkzeug auf Maßhaltigkeit und Funktion bewertet, prüft der Pilot Run das gesamte Produktionssystem unter realen Bedingungen: Serienwerkzeug, Serienmaschine, Serienpersonal, Serienschicht, Serienverpackung, Serienlogistik. Üblicherweise umfasst er 50 bis 500 Teile, je nach Komplexität und Branche.

In der Automobilindustrie ist der Pilot Run zwingend Teil der APQP-Phase 4 (Product and Process Validation) und Voraussetzung für PPAP Level 3 nach AIAG PPAP 4th Edition. Im VDA-Umfeld läuft er unter dem Begriff "2-Tages-Produktion" oder "Significant Production Run" und ist Bestandteil der VDA 2 PPF-Vorgehensweise. IATF 16949 Klausel 8.3.4.4 verlangt explizit einen Produktentwicklungs-Validierungslauf, der die Serienprozessfähigkeit nachweist.

Bewertet werden im Pilot Run drei Dimensionen: Erstens die Prozessfähigkeit, ausgedrückt durch Cmk und Ppk (Zielwert üblicherweise Ppk ≥ 1,67 für kritische Merkmale). Zweitens die Ausbringung pro Stunde, die der späteren Serientaktung entsprechen muss — daher die Verbindung zum Run at Rate. Drittens die Stabilität von Sekundärparametern wie Zykluszeit, Ausschussquote, Rüstzeit, Verpackungsqualität und ESD-Schutz.

Der Einkauf hat im Pilot Run eine kontrollierende Funktion. Er definiert in der Bestellung, welche Stückzahl unter welcher Taktung gefahren wird, welche Messprotokolle der Lieferant liefert (typischerweise CMM-Vollvermessung der ersten und letzten zehn Teile, SPC-Karten für laufende Merkmale), und welche Konsequenzen ein Fehlschlag hat. Bei Werkzeugen, die im Eigentum des Auftraggebers stehen, ist der erfolgreiche Pilot Run außerdem die Voraussetzung für die Werkzeugfreigabe und damit für die Schlussrate des Werkzeuginvests.

Wichtig: Der Pilot Run wird verkauft. Die Teile gehen üblicherweise als verkaufsfähige Ware in die Erstausstattung oder werden eingelagert. Anders als beim reinen Prototyp trägt der Lieferant das volle Qualitätsrisiko, und der Einkäufer zahlt Serienpreise — nicht Mustertarife. Diese Unterscheidung ist vertragsrelevant und sollte im Beschaffungsvertrag eindeutig geregelt sein.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Die Zollner Elektronik AG (mittelständischer EMS-Tier-1, ca. 1.800 Mitarbeiter, Standort Zandt/Bayern) beschafft im März 2026 ein Spritzgusswerkzeug für ein neues Sensorgehäuse eines Premium-OEMs. Werkzeuginvest beim Lieferanten in Furtwangen: 185.000 EUR, finanziert in Raten 30/40/30 (Auftrag, T1-Muster, Pilot-Run-Freigabe). Modelllaufzeit: sieben Jahre, geplanter Jahresbedarf 420.000 Stück, Serienpreis 2,38 EUR pro Teil.

Nach erfolgreicher EMPB im Januar 2026 (40 Teile, Maße in Ordnung, Funktion bestätigt) plant der Strategische Einkäufer Markus W. den Pilot Run für die Kalenderwoche 12/2026. Vorgaben: 280 Teile in einer durchgehenden Produktionsschicht von acht Stunden, Taktzeit 38 Sekunden, Stillstand maximal 6 Prozent. Verpackung in Serienkartons inklusive Etikett mit Serien-EAN. SPC-Auswertung der vier kritischen Maße (Wandstärke, Lochbild, Snap-Hook-Geometrie, Dichtfläche) mit Ppk-Anforderung ≥ 1,67.

Der Pilot Run startet am Dienstag, 17. März 2026, um 06:00 Uhr. Bis 10:30 Uhr läuft die Anlage stabil, dann steigt die Ausschussquote auf 4,2 Prozent — verdächtig hoch. Ursache: Ein Auswerferstift verklemmt periodisch. Der Werkzeugbauer korrigiert in 90 Minuten, anschließend laufen 240 Teile in 3:50 Stunden bei 1,1 Prozent Ausschuss durch. Ppk: 1,71 für die Wandstärke, 1,82 für das Lochbild, 1,58 für die Snap-Hook-Geometrie (knapp unter Zielwert).

Markus W. eskaliert intern: Snap-Hook-Geometrie ist kritisch für die Montage beim OEM. Lieferant verpflichtet sich zu einem zweiten, verkürzten Pilot Run mit 100 Teilen nach Werkzeugkorrektur (Auswerferstift härten, Kavität nachpolieren). Termin: 24. März 2026. Kosten von 4.800 EUR für den Wiederholungslauf trägt der Lieferant gegen Bestätigung der Werkzeugfreigabe nach Erfolg. Der zweite Lauf erreicht Ppk 1,74, Werkzeugfreigabe und Schlussrate von 55.500 EUR werden am 27. März 2026 ausgelöst. SOP wie geplant am 13. April 2026.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Einkäuferfehler ist die Verwechslung von Pilot Run und Vorserie. Eine Vorserie kann mit Provisorien gefahren werden — Behelfswerkzeug, Hilfsvorrichtung, Handnachbearbeitung. Ein Pilot Run darf das nicht. Wer die Begriffe vermischt, akzeptiert implizit, dass der Lieferant Probleme in die Serie verschleppt. Im Vertrag muss daher exakt stehen: "Pilot Run unter Serienbedingungen, Serienwerkzeug, Serienmaschine, Serienpersonal, Serienverpackung."

Zweiter klassischer Fehler: kein Akzeptanzkriterium. Ohne harte Schwellwerte (Ppk-Zielwerte, Ausbringung pro Stunde, maximale Ausschussquote, maximale Stillstandszeit) gibt es kein objektives Bestehen oder Nichtbestehen. Lieferanten reklamieren dann "schwankende Anlaufphase" und schieben Probleme in die Serie. Best Practice: Akzeptanzkriterien werden im Lastenheft definiert, im Bestellschein referenziert und vom Lieferanten gegengezeichnet.

Dritter Fehler: keine Konsequenzen bei Fehlschlag. Wer den Pilot Run nicht mit Zahlungsmeilensteinen verknüpft, hat kein Druckmittel. Bewährt: 30 Prozent der letzten Werkzeugrate erst nach erfolgreichem Pilot Run, Kosten eines Wiederholungslaufs trägt der Lieferant, bei zweimaligem Fehlschlag Recht auf Rücktritt nach BGB §323 oder Minderung nach BGB §441 — bei Werkverträgen entsprechend §634.

Verhandlungskontext: Lieferanten lehnen den Pilot Run unter Serienbedingungen oft ab, weil Serienmaschinen knapp sind und das Risiko hoch erscheint. Sie schlagen Kompromisse vor — Probelauf auf einer baugleichen Maschine, reduzierte Stückzahl, Pilot Run "sobald die Serienmaschine frei ist". Diese Zugeständnisse sind teuer: Sie verschieben das Risiko in den Hochlauf. Der Einkäufer sollte hart bleiben und den Pilot Run früh terminieren — idealerweise zwölf Wochen vor SOP, damit ein Wiederholungslauf vor SOP möglich ist.

Verwandte Begriffe

  • [[run-at-rate]] — Quantitative Validierung der Serientaktung; oft im selben Lauf wie der Pilot Run gemessen.
  • [[erstmusterpruefung]] — Vorgelagerte Bauteilprüfung; EMPB-Teile entstehen bereits aus dem Serienwerkzeug.
  • [[ppap-automotive-detail]] — Automobil-Freigabeverfahren; der Pilot Run liefert die Daten für PPAP Level 3.
  • [[werkzeugfreigabe]] — Formaler Status nach erfolgreichem Pilot Run; löst die Schlussrate des Werkzeuginvests aus.
  • [[iatf-16949]] — Norm für Automobilqualitätssysteme; verlangt einen Produktvalidierungslauf in Klausel 8.3.4.4.

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