PPM-Ziel Lieferant
PPM-Ziel Lieferant
Wer in der Automobilzulieferkette liefert, lebt mit einer einzigen Kennzahl, die über Verträge, Pönalen und Lieferantenfreigaben entscheiden kann — und das PPM-Ziel Lieferant ist diese Kennzahl: eine präzise Vorgabe für die maximal tolerierte Fehlerrate in jeder angelieferten Charge.
Detaillierte Erklärung
PPM steht für "Parts per Million" — die Anzahl fehlerhafter Teile pro eine Million gelieferter Teile. Das PPM-Ziel Lieferant ist der vertraglich oder normativ definierte Schwellenwert, den ein Lieferant im rollierenden Durchschnitt nicht überschreiten darf.
AIAG-Standardwerte nach Merkmalskritikalität:
Die AIAG (Automotive Industry Action Group) hat in Verbindung mit der IATF 16949 praxisübliche Zielwerte etabliert, die in vielen Q-Verträgen als Ausgangspunkt dienen:
| Merkmalskategorie | Typisches PPM-Ziel |
|---|---|
| Sicherheitsrelevante Merkmale (S-Merkmale) | ≤ 10 ppm |
| Funktionsrelevante Merkmale (Klasse A) | ≤ 50 ppm |
| Sonstige / unkritische Merkmale | ≤ 100 ppm |
Diese Werte sind Richtwerte. Premium-OEMs (BMW, Mercedes-Benz) fordern für sicherheitskritische Teile häufig ≤ 5 ppm oder sogar Null-Fehler-Anforderungen mit entsprechendem [[null-fehler-strategie]]-Nachweis.
Normative Grundlage: IATF 16949 §8.7.1.5 verpflichtet Hersteller, PPM-Raten je Kunde zu tracken und Trends auszuwerten. Die Norm schreibt keine absoluten PPM-Zielwerte vor, verlangt aber Zielvorgaben im Qualitätsmanagementplan und regelmäßige Trendanalyse.
Beispielrechnung:
Ein Lieferant liefert monatlich 100.000 Stück eines Getriebegehäuses. Im März werden 5 fehlerhafte Teile beim Kunden reklamiert.
PPM = (Fehlerteile / Gelieferte Teile) × 1.000.000
PPM = (5 / 100.000) × 1.000.000 = 50 ppm
Liegt das vereinbarte PPM-Ziel bei 50 ppm für funktionsrelevante Merkmale, bewegt sich der Lieferant exakt an der Grenze. In der rollierenden 6-Monats-Betrachtung könnte ein schlechterer Vormonat (z. B. 80 ppm) den Durchschnitt über das Ziel treiben.
Trend-PPM vs. Punkt-PPM:
- Punkt-PPM: Fehlerrate eines einzelnen Monats — stichprobenartig, stark schwankend.
- Trend-PPM (rollierend): Durchschnitt über 6 oder 12 Monate — glättet Ausreißer und bildet die echte Prozessstabilität ab.
Q-Verträge im Automobilbereich nutzen fast ausnahmslos rollierende 6-Monats-PPM als Vertragsgrundlage. Das verhindert, dass ein einzelner schlechter Monat sofort zu Pönalen führt, während dauerhaft schlechte Lieferanten nicht durch einen Ausreißer-Gutmonat entlastet werden.
Zählung der Fehlerteile:
PPM-Zähler sind nicht trivial. Zählen nur Teile, die beim Kunden in der Wareneingangsprüfung auffallen? Oder auch Teile, die erst in der Produktion des Kunden, beim Endkunden oder im Feld reklamiert werden (Field-PPM)? Unterschiedliche OEMs haben unterschiedliche Definitionen — diese muss der [[q-vertrag-automotive]] eindeutig festlegen.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Einkäufer bei einem süddeutschen Maschinenbauunternehmen (380 Mitarbeiter) verhandelt mit einem polnischen Lieferanten über Präzisionsdrehteile. Das interne Qualitätsteam setzt das PPM-Ziel auf 50 ppm für Maßtoleranzen und 10 ppm für Oberflächenfehler mit Funktionsrelevanz.
Q-Vertrags-Pönalenregelung:
Im Q-Vertrag wird vereinbart:
- 0-50 ppm (rollierend 6 Monate): kein Eingriff
- 51-150 ppm: Lieferant legt innerhalb von 10 Werktagen einen [[8d-report]] vor
- 151-300 ppm: Zusätzlich 100 %-Wareneingangsprüfung auf Lieferantenkosten (Sortierkosten: EUR 45/h, Stundennachweis durch Kunden)
- über 300 ppm: Qualitätsgespräch auf Geschäftsführungsebene, schriftlicher Maßnahmenplan, Aufnahme in "Restricted Supplier List" mit Vergabesperre für 12 Monate
Monat 1-3 nach Serienstart: Der Lieferant liefert 240.000 Stück, 14 Fehlerteile werden reklamiert — Punkt-PPM 58, 60, 47. Die rollierende PPM über 3 Monate liegt bei 55 ppm — knapp über dem Ziel. Einkäufer und Qualitätsleiter des Lieferanten besprechen die Abweichung; der Lieferant zeigt [[cpk-wert]]-Daten, die eine Prozessdrift an einer Drehmaschine identifizieren. Die Maschine wird neu justiert.
Monate 4-6: PPM 32, 28, 41. Rollierende 6-Monats-PPM: 44,3 — unter Ziel. Pönalentatbestand entfällt. Der Lieferant nutzt dieses Ergebnis in der nächsten Jahresgespräch, um eine Preisanpassung (+1,8 %) zu begründen: stabile Qualität als Verhandlungsargument.
Kostenschätzung Sortierkosten: In einem anderen Projekt mit 50.000 Stück/Monat und 180 ppm (9 Fehlerteile) entstehen Sortierkosten von EUR 400-600 pro Monat, zuzüglich internem Aufwand für Reklamationsbearbeitung. Über 12 Monate summiert sich das auf EUR 5.000-7.500 — ohne die indirekten Kosten (Stillstandrisiko, Nacharbeitsaufwand).
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Fehler 1 — Unklare PPM-Definition im Vertrag: Zählt ein Teil, das beim Kunden intern auffällt, genauso wie eines, das im Feld zurückkommt? Ohne klare Definition entstehen Streitigkeiten. Einkäufer müssen im Q-Vertrag den PPM-Zähler (Prüfmethode, Zählzeitpunkt, Meldepflichten) exakt definieren.
Fehler 2 — Punkt-PPM statt rollierender PPM: Ein Lieferant mit monatlich schwankender Qualität (20/180/30/200 ppm) sieht in einer Punkt-Betrachtung mal sehr gut, mal sehr schlecht aus. Rollierende Messung zeigt das wahre Bild: rollierende 4-Monats-PPM 107,5 — deutlich über Ziel.
Fehler 3 — PPM-Ziel ohne Eskalationspfad: Das PPM-Ziel steht im Vertrag, aber was passiert bei Überschreitung? Ohne definierten Eskalationspfad und Pönalen bleibt das Ziel zahnlos. Lieferanten, die wissen, dass Überschreitungen folgenlos bleiben, optimieren anderswo.
Fehler 4 — Fehlende Differenzierung nach Merkmalskritikalität: Ein einheitliches PPM-Ziel für alle Merkmale ist fachlich falsch. Sicherheitsrelevante und unkritische Merkmale haben unterschiedliche Toleranzgrenzen — die PPM-Zielstruktur muss das abbilden.
Verhandlungskontext: PPM-Ziele sind Verhandlungsmasse. Ein Lieferant mit nachweislich stabiler Prozessfähigkeit ([[cpk-wert]] ≥ 1,67 auf allen Schlüsselmerkmalen) kann argumentieren, dass Ziele unter 30 ppm ohne proportionale Preisanpassung nicht wirtschaftlich erreichbar sind. Einkäufer wiederum nutzen PPM-Überschreitungen als Grundlage für Preissenkungsforderungen — vertraglich abgesichert als "Qualitätsabzug" oder als Nachverhandlungsklausel bei dauerhafter Zielunterschreitung (z. B. "bei rollierender PPM < 20 über 12 Monate Anrecht auf Preisanpassungsgespräch").
Verwandte Begriffe
- [[ppm-defect-rate]]
- [[cpk-wert]]
- [[q-vertrag-automotive]]
- [[null-fehler-strategie]]
- [[reklamationsmanagement]]