Reorder Point
Reorder Point
Der Reorder Point – im Deutschen Meldebestand oder Bestellpunkt – ist die Lagerbestandsmenge, bei deren Unterschreitung automatisch ein Bestellvorschlag ausgelöst wird. Nach APICS-Standard gilt die Formel ROP = (Ø-Tagesbedarf × Wiederbeschaffungszeit) + Sicherheitsbestand. Er ist das Kernstück der verbrauchsgesteuerten Disposition und in jeder ernsthaften ERP-Umgebung pro Materialnummer gepflegt.
Detaillierte Erklärung
Der Reorder Point ist die operative Schaltstelle zwischen Bedarfsplanung und Beschaffungsauslösung. Er wird im SAP-Materialstammsatz MRP1-View über das Feld "Meldebestand" gepflegt und vom Dispositionsmerkmal VB (Verbrauchsgesteuerte Disposition) oder VM (Maschinelle Meldebestandsplanung) ausgewertet. Sinkt der disponierte Lagerbestand unter den Reorder Point, generiert die MRP einen Bestellvorschlag mit der hinterlegten Optimalen Bestellmenge.
Die APICS-Formel ROP = (Ø-Bedarf × LT) + SS hat drei Komponenten. Der Ø-Tagesbedarf wird aus der Verbrauchshistorie der letzten 6 bis 24 Monate berechnet, üblicherweise als gleitender Durchschnitt oder via exponentielle Glättung. Die Wiederbeschaffungszeit LT ist die Zeit vom Bestellvorschlag bis zur Verfügbarkeit im Lager und umfasst Anfragezeit, Bestellbearbeitung, Lieferzeit, Wareneingangsprüfung und Einlagerung. Der [[sicherheitsbestand]] (SS) absorbiert Schwankungen in beiden vorherigen Größen.
Konzeptionell konkurriert der Reorder Point mit der periodischen Bestellpunktrechnung (s,Q-Modell vs. s,S-Modell) und mit der bedarfsgesteuerten MRP-Logik. Im DACH-Mittelstand ist die Aufteilung typisch: A-Teile nach [[abc-analyse]] werden bedarfsgesteuert über MRP geplant, B- und C-Teile verbrauchsgesteuert über Reorder Point. Slim4, ToolsGroup SO99+ und Oracle Demantra erlauben hybride Modelle mit dynamischen Reorder Points, die sich an saisonalen Mustern anpassen.
Wichtig ist die Abgrenzung: Der Reorder Point ist nicht der [[mindestbestand]] (administrativer Untergrenzwert) und nicht der [[sicherheitsbestand]] (statistische Reserve). Er ist die Auslöseschwelle, unter der Sicherheits- und Mindestbestand mathematisch implizit sind. Eine Hackett-Group-Studie 2024 zeigt, dass 28 Prozent der DACH-Mittelstandsunternehmen ihre Reorder Points seit mehr als zwei Jahren nicht aktualisiert haben – mit der Folge, dass entweder zu früh (Überbestand) oder zu spät (Fehlteile) bestellt wird. Die Pflege gehört in den Zuständigkeitsbereich der Disposition mit zyklischer Plausibilisierung durch die [[dispositionparameterpflege]].
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Hersteller von Schaltschränken in Hessen, 240 Mitarbeiter, 28 Mio EUR Materialeinsatz, beschafft Standard-Klemmen Phoenix Contact ST 2,5 für die Elektroverteilung. Klassifikation B/X laut [[abc-xyz-klassifizierungszyklus]]: mittlerer Wertanteil, stabiler Verbrauch. Dispositionsmerkmal VB (verbrauchsgesteuert).
Ausgangsdaten: Verbrauch der letzten zwölf Monate 86.400 Stück, Ø-Tagesbedarf bei 240 Werktagen = 360 Stück/Tag. Lieferant Phoenix Contact bietet Standard-Lieferzeit von 5 Werktagen, plus 2 Tage Wareneingangs- und Einlagerungspuffer = LT 7 Werktage. Streuung der tatsächlichen Lieferzeit σLT = 1,4 Tage (aus 24-Monats-Auswertung), gewünschter [[lieferservicegrad]] 97 Prozent, Sicherheitsfaktor z = 1,88.
Berechnung Sicherheitsbestand: SS = z × σLT × Ø-Verbrauch = 1,88 × 1,4 × 360 = 947 Stück. Berechnung Reorder Point: ROP = (360 × 7) + 947 = 2.520 + 947 = 3.467 Stück. Gepflegt im SAP-Materialstamm wird der Wert 3.500 (auf Hunderter gerundet).
Wirkungsweise im Tagesgeschäft: Lagerbestand sinkt durch tägliche Entnahme. Erreicht der disponierte Bestand 3.500 Stück, generiert der nächtliche MRP-Lauf einen Bestellvorschlag über die hinterlegte Optimale Bestellmenge von 8.640 Stück (Reichweite 24 Tage). Bei Eingang nach 7 Tagen liegt der Bestand idealerweise bei 947 Stück (= Sicherheitsbestand), die Wiederbeschaffung erfolgt punktgenau.
Im Geschäftsjahr 2025 trat einmal eine verlängerte Lieferzeit von 11 Tagen auf (Streik beim Transporteur). Der Sicherheitsbestand absorbierte die Verzögerung: Tagesbedarf 360 × Mehrtage 4 = 1.440 Stück zusätzlich, vom Sicherheitsbestand abgedeckt. Kein Fehlteil, kein [[fehlteilmanagement]]-Vorgang. Nach Lieferung wurde der Bestand auf 947 + 8.640 = 9.587 Stück aufgefüllt. Die Materialnummer erreichte 100 Prozent [[fill-rate-einkauf]] im Berichtszeitraum bei einer Durchschnittsreichweite von 14,7 Tagen – ein präziser Tuning-Erfolg der ROP-Logik.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler: Reorder Point wird mit alten Verbrauchsdaten gepflegt. Wenn ein Produkt vom Vertrieb gepusht wird und der Verbrauch steigt von 360 auf 520 Stück/Tag, der ROP aber bei 3.500 (= 7 Tage Lieferzeit × 360) stehen bleibt, reicht der Bestand bei der nächsten Bestellung nur 6,7 Tage – Fehlteile sind programmiert. Lösung: Auto-Berechnung des ROP über monatlich aktualisierte Verbrauchsdaten via SAP-Fiori "Manage Material Replenishment" oder Slim4.
Zweiter Fehler: Reorder Point ohne Berücksichtigung der [[lead-time-variance]]. Wenn σLT in Wirklichkeit nicht 1,4 sondern 4,8 Tage beträgt (typisch bei asiatischen Lieferanten), ist der Sicherheitsbestand massiv unterdimensioniert. Korrektur: jährliche Auswertung der tatsächlichen Wareneingangsdaten und Neuberechnung mit empirischem σLT-Wert.
Dritter Fehler: einheitlicher Service-Level über alle Materialien. Ein C-Teil mit 12 Cent Stückwert braucht keinen 99-Prozent-Service-Level (z = 2,33), 95 Prozent (z = 1,65) reicht. Differenziertes Service-Level-Targeting nach ABC/XYZ spart 15 bis 25 Prozent Sicherheitsbestand bei C-Teilen ohne spürbare Lieferfähigkeitsverluste.
Im Verhandlungskontext ist der Reorder Point Verhandlungsmasse mit dem Lieferanten: "Wenn Sie uns von 7 auf 4 Tage Lieferzeit verbessern, sinkt unser Reorder Point auf 2.000 Stück, der Sicherheitsbestand auf 540 Stück. Die Kapitalbindung sinkt um 1.907 Stück × 0,82 EUR × 24 Prozent = 376 EUR pro Jahr je Materialnummer. Über die 84 vergleichbaren Klemmenpositionen sind das 31.600 EUR Working-Capital-Vorteil. Davon geben wir Ihnen 8.000 EUR als Lieferzeitprämie ab Jahr zwei – nach Nachweis." Diese Form der quantifizierten Lieferantenkommunikation, gestützt auf saubere ROP-Mathematik, gewinnt 2026 zunehmend an Bedeutung in DACH-Lieferantenreviews und ersetzt das pauschale "Wir wollen es schneller" durch ein belastbares Trade-off-Gespräch auf Augenhöhe.
Verwandte Begriffe
- [[meldebestand]]
- [[sicherheitsbestand]]
- [[material-requirements-planning-mrp]]
- [[min-max-steuerung]]
- [[dispositionparameterpflege]]