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Procari Lexikon Reshoring
Einkaufslexikon

Reshoring

Reshoring

Reshoring bezeichnet die Rückverlagerung zuvor ausgelagerter Produktion in das ursprüngliche Heimatland oder die Heimatregion. Als die Europäische Kommission im August 2024 eine Staatsbeihilfe von 5 Mrd. Euro für die European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) genehmigte — ein Joint Venture aus TSMC, Bosch, Infineon und NXP für eine Halbleiterfabrik in Dresden — war das die größte einzelne Reshoring-Finanzierung der EU-Geschichte. Der EU Chips Act von 2023 hatte das Ziel ausgegeben, den europäischen Halbleitermarktanteil bis 2030 von 10 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Der Europäische Rechnungshof beurteilte das Ziel im April 2025 als sehr unwahrscheinlich und prognostizierte realistisch 11,7 Prozent.

Detaillierte Erklärung

Im DACH-Kontext bedeutet Reshoring typischerweise eine Verlagerung aus Asien (China, Vietnam, Indien) zurück nach Deutschland, Österreich, Schweiz oder zumindest in die EU. Der Begriff überschneidet sich mit Insourcing, unterscheidet sich aber in einer Hinsicht: Reshoring betrifft die geografische Dimension, Insourcing die organisatorische. Eine Produktion kann reshored, aber weiterhin an einen externen Lieferanten vergeben sein.

Die Treiber des aktuellen Reshoring-Trends sind die COVID-19-Lieferkettenkrise 2020/2021, die Halbleiterknappheit 2021/2022, geopolitische Spannungen mit China, der US Inflation Reduction Act (IRA) von 2022 mit Subventionen für inländische Fertigung sowie der EU Chips Act von 2023. Eine Studie des McKinsey Global Institute aus 2020 prognostizierte, dass bis zu einem Viertel der globalen Lieferketten innerhalb von fünf Jahren in Heimatregionen zurückverlagert werden könnte. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der VDMA dokumentieren seit 2022 eine steigende Zahl konkreter Rückverlagerungsfälle in der DACH-Industrie.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Sensorhersteller aus Niederbayern, 320 Mitarbeiter und 68 Mio. Euro Umsatz, hatte die Leiterplattenbestückung seit 2018 an einen chinesischen Auftragsfertiger in Shenzhen vergeben. Nach 14 Wochen Lieferzeit-Spitze 2022 (statt vertraglich zugesicherter 6 Wochen) und Containerfrachten von 12.000 USD pro 40ft-Container (statt 1.800 USD vor 2020) prüft der Einkauf Reshoring. Die Kalkulation zeigt: Bestückung in Bayern kostet 2,40 Euro pro Baugruppe statt 1,15 Euro in Shenzhen — aber bei einer Lieferzeit von 4 Wochen statt 14 Wochen sinkt der Sicherheitsbestand um 65 Prozent, was 240.000 Euro gebundenes Kapital freisetzt. Die Total-Landed-Cost-Differenz beträgt nach Berücksichtigung von Fracht, Zoll (4,5 Prozent auf bestückte Leiterplatten), Qualitätsrisiko und Cash-Effekt nur noch 8 Prozent zugunsten Asien — bei deutlich niedrigerem Risiko vor Ort.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die Erwartung, dass Reshoring durch Subventionen die Kostenlücke schließt. Die Intel-Magdeburg-Insolvenz im August 2025 — trotz zugesagter 11 Mrd. USD deutscher Subventionen — zeigt, dass Subventionen Investitionsentscheidungen beeinflussen, aber nicht ersetzen können, wenn die Marktnachfrage und das technologische Umfeld fehlen. Bauen Sie Ihre Reshoring-Rechnung daher auf Total-Cost-of-Ownership, nicht auf Förderzusagen.

Verhandlungstaktisch entstehen beim Reshoring zwei Fronten. Mit dem bisherigen asiatischen Lieferanten verhandeln Sie eine Auslaufphase — typischerweise neun bis achtzehn Monate, mit fallenden Mindestabnahmemengen und Übernahme von Spezialwerkzeugen zum Restbuchwert. Mit dem neuen DACH-Lieferanten verhandeln Sie Anlauffinanzierung, Investitionsbeteiligung in Werkzeuge sowie eine Preisgleitformel mit Energiekostenkomponente — der deutsche Industriestrompreis lag 2024 bei 17,5 Cent pro kWh gegenüber 8,2 Cent pro kWh in Vietnam.

Verwandte Begriffe

Reshoring überschneidet sich mit [[insourcing]] auf der organisatorischen Achse und mit [[nearshoring]] auf der geografischen Achse. Die wirtschaftliche Bewertung erfolgt nach [[total-cost-of-ownership]], die strategische Einbettung über [[strategic-sourcing]]. Risikoseitig ist Reshoring ein Hebel der [[supply-chain-resilience]], oft kombiniert mit [[dual-sourcing]] zur weiteren Diversifizierung.

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