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Procari Lexikon Run at Rate
Einkaufslexikon

Run at Rate

Run at Rate

Ein Run at Rate (kurz R@R) ist der quantitative Nachweis, dass ein Lieferant die vereinbarte Serienstückzahl pro Zeiteinheit unter realen Bedingungen tatsächlich produzieren kann. Geprüft wird die Ausbringung pro Stunde oder pro Schicht über einen definierten Zeitraum, üblicherweise zwei bis acht Stunden, mit Serienwerkzeug, Serienmaschine und Serienpersonal — der harte Beweis, dass die Hochlaufkurve hält.

Detaillierte Erklärung

Der Run at Rate ist die kapazitive Schwester des Pilot Run. Während der Pilot Run vor allem die Qualität unter Serienbedingungen prüft, prüft der Run at Rate die Menge pro Zeit. Beide Läufe werden in der Praxis oft zusammengelegt, sind aber methodisch unterschiedlich: Beim Pilot Run zählt jedes Teil, beim Run at Rate zählt der Durchsatz.

Die Grundformel ist einfach: vereinbarte Jahresstückzahl geteilt durch geplante Produktionsstunden ergibt die Soll-Stundenleistung. Der Lieferant muss diese Soll-Leistung über mindestens zwei zusammenhängende Stunden erreichen, ohne dass der Ausschuss über den vereinbarten Zielwert (typischerweise 1 bis 3 Prozent) steigt oder die Verfügbarkeit (OEE-Bestandteil A) unter den Zielwert (typischerweise 85 Prozent) fällt. Manche OEMs verlangen zusätzlich, dass die Soll-Leistung über eine volle Schicht oder sogar zwei Schichten gehalten wird — die "Two-Day Production" der AIAG-Welt.

In AIAG PPAP 4th Edition ist der Run at Rate Bestandteil von Element 8 (Process Flow Diagram) und Element 9 (PFMEA), wobei die Kapazitätsstudie (Capacity Study) in PPAP-Element 14 (Initial Process Studies) gefordert wird. VDA 2 PPF kennt die "Significant Production Run"-Anforderung, die als R@R-Nachweis akzeptiert wird, sofern Stückzahl, Taktung und Stabilität dokumentiert sind. Im IATF-16949-Audit nach VDA 6.3 gehört der Kapazitätsnachweis zu Prozessschritt P5 (Lieferantenmanagement) und P6 (Prozessanalyse Produktion) — Auditfragen 5.6.1 und 6.1.5 prüfen genau dies.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen demonstrierter und installierter Kapazität. Demonstrierte Kapazität ist das, was im Run at Rate tatsächlich produziert wurde. Installierte Kapazität ist das, was die Anlage rechnerisch produzieren könnte. Einkäufer, die nur die installierte Kapazität verlangen, sehen oft Powerpoint-Zahlen — keine Realität. Der R@R erzwingt den Realitätstest.

In der Branchenpraxis wird der Run at Rate oft mit einer Zusatzanforderung kombiniert: dem 30-Prozent-Puffer. Der Lieferant muss nicht nur die Soll-Leistung, sondern Soll-Leistung mal 1,3 erreichen können, um Spitzenbedarfe und Sonderaufträge abzufangen. Diese Anforderung ist verhandelbar, sollte aber bei Single-Source-Vergaben Standard sein.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Die Karl Mayer Stoll GmbH (Maschinenbauer für Wirkmaschinen, ca. 1.200 Mitarbeiter, Obertshausen/Hessen) beschafft im Februar 2026 ein Druckgusswerkzeug für Aluminium-Maschinengehäuse bei einem Lieferanten in Aalen. Werkzeuginvest: 320.000 EUR, Serienpreis 47,50 EUR pro Gehäuse, geplanter Jahresbedarf 18.000 Stück, Modelllaufzeit fünf Jahre. Bei 220 Produktionstagen und einer Schicht à acht Stunden ergibt sich eine Soll-Stundenleistung von rund 10,2 Gehäusen pro Stunde, mit 30-Prozent-Puffer 13,3 Gehäuse pro Stunde.

Der Strategische Einkäufer Stefan H. setzt den Run at Rate für den 8. April 2026 an, vier Wochen vor SOP. Vereinbart: vier Stunden durchgehende Produktion, mindestens 53 Gutteile (entspricht 13,3 Gehäuse pro Stunde mit Puffer), Ausschussquote unter 2 Prozent, kein ungeplanter Stillstand über fünf Minuten. Maschine: 1.250-Tonnen-Druckgussanlage von Bühler, Serienmaschine, kein Backup zugelassen.

Lauf startet 07:00 Uhr. Erste Stunde: 11 Gutteile (Puffer nicht erreicht), zweite Stunde: 13 Gutteile, dritte Stunde: 14 Gutteile, vierte Stunde: 13 Gutteile. Gesamt: 51 Gutteile, knapp unter Zielwert 53. Ausschussquote 1,4 Prozent, Stillstand 8 Minuten (Sprühanlage einmal nachjustiert). Stefan H. eskaliert: 51 Teile sind zu wenig, der Puffer ist nicht nachgewiesen.

Lieferant argumentiert, die Aufwärmphase der ersten Stunde sei einmalig. Vereinbarung: zweiter R@R am 22. April 2026 mit drei Stunden Vorlaufzeit auf Solltemperatur, dann sechs Stunden Messlauf. Ergebnis: 84 Gutteile in sechs Stunden, also 14,0 pro Stunde — Puffer erreicht. Kosten des Wiederholungslaufs (3.200 EUR Material plus 1.800 EUR Maschinenstunde) trägt der Lieferant gegen Werkzeugfreigabe. SOP startet termingerecht am 4. Mai 2026.

Lehre für Stefan H.: Der erste R@R-Versuch hätte mit der Vorgabe "Maschine vorher auf Betriebstemperatur" wahrscheinlich bestanden. Im neuen R@R-Standardvertrag der Karl Mayer Stoll GmbH steht seit Mai 2026 explizit "Maschine bei Beginn des Messlaufs auf Solltemperatur, Aufwärmphase nicht im Messzeitraum" — eine Lehre, die 5.000 EUR und drei Wochen Verzögerung wert war.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der größte Einkäuferfehler beim Run at Rate ist die fehlende Definition der Bezugsgröße. "Lieferant muss 18.000 Stück pro Jahr liefern können" ist als R@R-Vorgabe wertlos, weil Jahreszahlen sich auf alle möglichen Schichtmodelle umrechnen lassen. Erst die Soll-Stundenleistung mit klarem Schichtmodell macht die Vorgabe prüfbar.

Zweiter Fehler: Verwechslung von OEE und Ausbringung. OEE ist ein Produkt aus Verfügbarkeit, Leistung und Qualität. Ein Lieferant kann eine OEE von 78 Prozent haben und trotzdem die Soll-Stückzahl liefern, oder er kann 92 Prozent OEE haben und die Stückzahl verfehlen, weil der Maschinentakt zu niedrig kalibriert wurde. Der R@R prüft die Ausbringung in absoluten Stück pro Zeit — nicht die OEE.

Dritter Fehler: Akzeptanz von Korrekturfaktoren. Lieferanten argumentieren, der R@R müsse "auf 80 Prozent normalisiert" werden, um realistisch zu sein. Das ist ein roter Flag. Ein R@R ist ein 100-Prozent-Lauf unter realen Bedingungen — wenn der Lieferant einen 80-Prozent-Lauf liefert und dann hochrechnet, gibt es keinen Nachweis, sondern eine Prognose.

Verhandlungskontext: Bei Single-Source-Vergaben oder strategischen Komponenten ist der R@R nicht verhandelbar. Bei Multi-Source-Strategien mit kleineren Anteilen kann auf einen verkürzten R@R (zwei Stunden statt acht) ausgewichen werden, um Aufwand zu sparen. Bei reinen Lohnbearbeitungsverträgen ohne eigenes Werkzeug entfällt der R@R formal — die Kapazitätszusage des Lohnbearbeiters bleibt aber prüfbar über Auditprozesse nach VDA 6.3.

Verwandte Begriffe

  • [[pilot-run]] — Qualitative Schwesterprüfung; läuft oft im selben Zeitfenster wie der Run at Rate.
  • [[ppap-automotive-detail]] — PPAP-Element 14 (Initial Process Studies) verlangt den Kapazitätsnachweis als Teil der Freigabe.
  • [[vda-6-3]] — VDA-Auditstandard prüft Run-at-Rate-Daten in den Prozessschritten P5 und P6.
  • [[werkzeugfreigabe]] — Wird üblicherweise erst nach bestandenem R@R erteilt; Verbindung zur letzten Werkzeugzahlung.
  • [[lieferantenaudit]] — Prüft die Übertragbarkeit der R@R-Ergebnisse auf die laufende Serie.

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