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Procari Lexikon Safe Launch
Einkaufslexikon

Safe Launch

Safe Launch

Der Moment, in dem ein neues Teil erstmals die Serienlinie verlässt, ist der riskanteste im gesamten Produktentstehungsprozess — und genau für diesen Moment gibt es das Safe Launch: ein zeitlich begrenztes Intensivüberwachungsprogramm, das Lieferanten und Kunden gemeinsam durch den kritischen Anlauf führt, bevor die normale Serienroutine greift.

Detaillierte Erklärung

Safe Launch bezeichnet das strukturierte Bündel temporärer Qualitätsmaßnahmen, das beim Serienanlauf eines neuen Teils oder nach einem signifikanten Prozesswechsel aktiviert wird. Die normative Grundlage liefert IATF 16949:2016, Abschnitt 8.5.1.5 "Total Productive Maintenance" (indirekt) sowie vor allem §8.3.4.4 und §8.5.1.5 "Temporary Controls". In der Praxis verweisen Q-Verträge großer OEMs und Tier-1-Unternehmen explizit auf Safe-Launch-Anforderungen mit definierten Dauer-, Prüf- und Eskalationskriterien.

Kernelemente eines Safe-Launch-Plans:

  1. 100-%-Prüfung statt AQL: Während der Safe-Launch-Phase werden alle gelieferten Teile vollständig geprüft — nicht stichprobenartig nach [[aql]]. Das betrifft kritische Maß- und Funktionsmerkmale; unkritische Merkmale können weiterhin per [[stichprobenpruefung]] überwacht werden.

  2. Erhöhte OEM/Tier-1-Präsenz beim Lieferanten: Qualitätsingenieure des Kunden führen wöchentliche oder sogar tägliche Prozess-Walkthroughs beim Lieferanten durch. Ziel: frühzeitige Abweichungserkennung, bevor fehlerhafte Teile die Linie des Kunden erreichen.

  3. PPM-Reduktionspfad: Der Safe Launch definiert keinen statischen PPM-Zielwert, sondern einen Absenkpfad:

Zeitraum nach SOPPPM-Zielwert
Monat 1-2≤ 600 ppm
Monat 3-4≤ 150 ppm
Monat 5-6≤ 50 ppm
nach Monat 6vertraglich vereinbartes Serien-PPM-Ziel

Dieser Stufenplan ist typisch für Tier-1-Kunden in der DACH-Region. Einzelne OEMs (insbesondere deutsche Premium-Hersteller) setzen den Startpunkt niedriger an (300 ppm in Monat 1).

  1. Eskalationskriterien: Überschreitet die gemessene PPM-Rate den Stufenwert, greift ein automatischer Eskalationsmechanismus: sofortiger [[8d-report]], Qualitätsgespräch innerhalb von 48 Stunden, ggf. Produktionsstopp bis zur Ursachenklärung. Kein Eskalationsplan bedeutet, dass Safe Launch nicht wirksam ist.

  2. Exit-Kriterien: Die Safe-Launch-Phase endet nicht nach Ablauf eines festen Zeitraums, sondern nach Erfüllung definierter Exit-Kriterien: PPM-Zielwert stabil erreicht (mindestens 4 aufeinanderfolgende Wochen), [[cpk-wert]] ≥ 1,67 auf allen Schlüsselmerkmalen, kein offener 8D-Bericht, [[layered-process-audit]] für die betroffene Linie eingeführt.

Dauer: Typisch 3-6 Monate nach SOP. Komplexe Teile mit langen Prüfzyklen (z. B. Zuverlässigkeitstests, Feldbeobachtung) können Safe-Launch-Verlängerungen bis zu 12 Monate erfordern.

Abgrenzung zu Run-at-Rate: [[run-at-rate]] (RaR) ist eine einmalige Produktionsvalidierung vor SOP — typisch 1-2 Schichten unter Seriengeschwindigkeit zur Nachweisführung. Safe Launch ist das Überwachungsprogramm nach SOP, das die ersten Serienwochen und -monate absichert.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein fränkisches Familienunternehmen (285 Mitarbeiter, Tier-2-Zulieferer) gewinnt einen neuen Auftrag für Aluminiumdruckguss-Getriebegehäuse. SOP ist geplant, Jahresvolumen 96.000 Stück (8.000 Stück/Monat). Der Tier-1-Kunde legt im Q-Vertrag fest: Safe-Launch-Plan verpflichtend, Dauer mindestens 4 Monate, PPM-Stufenplan nach Kundenmuster.

Safe-Launch-Kosten-Schätzung:

Der Qualitätsleiter des Zulieferers kalkuliert die Mehrkosten:

  • 100 %-Prüfung (Sichtprüfung + Dichtheitsprüfung): 2,5 min/Teil × 8.000 Teile/Monat × EUR 38/h = ca. EUR 6.300/Monat
  • Erhöhte Dokumentationsaufwände und interne Reportings: EUR 800/Monat
  • Wöchentliche Kundenbesuche (Reisekosten, Personalaufwand intern): EUR 600/Monat
  • Gesamt ca. EUR 7.700/Monat über 4 Monate = EUR 30.800

Das entspricht 1,9 % des Auftragsvolumens im Anlaufzeitraum (EUR 1,62 Mio. in 4 Monaten bei angenommenem Stückpreis EUR 50,60) — innerhalb der typischen Bandbreite von 0,3-0,8 % des Jahresvolumens, aber etwas erhöht durch die intensive 100-%-Prüfung. Der Lieferant verhandelt mit dem Kunden, ob ein Teil der Sortierkosten nach Monat 2 auf AQL umgestellt werden darf, sofern PPM unter 80 liegt.

Monat 1: SOP. Erste Charge von 8.200 Stück geliefert. Zwei fehlerhafte Teile (Lunkerporen) bei 100-%-Dichtheitsprüfung herausgefiltert. PPM = 244. Unter dem vereinbarten Monatsziel von 600. Kein Eskalationsbedarf.

Monat 2: 7.950 Stück geliefert, 6 fehlerhafte Teile. PPM = 755 — über dem Stufenziel von 600 für Monat 1-2. Sofortiger [[8d-report]] wird ausgelöst. Ursache: veränderte Schmelztemperatur nach Legierungswechsel. Maßnahme innerhalb 5 Werktagen umgesetzt.

Monat 3: PPM 112, Monat 4: PPM 68, Monat 5: PPM 41. Exit-Kriterien nach 5 Monaten erfüllt. Safe Launch beendet, Umstellung auf AQL-Eingangsinspektion. Der Qualitätsleiter des Kunden bestätigt schriftlich den Exit — das ist die formale Grundlage für die Abrechnung: Sortierkosten aus Monat 2 werden dem Lieferanten in Rechnung gestellt (EUR 3.200 nach Stundennachweis).

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Safe Launch ohne Exit-Kriterien: Das Programm läuft 3 Monate und wird danach stillschweigend beendet, ohne zu prüfen, ob die Prozessstabilität wirklich erreicht ist. Resultat: Qualitätsprobleme nach Safe-Launch-Ende, höhere Reklamationskosten in Monat 6-9.

Fehler 2 — 100-%-Prüfung als Dauerlösung akzeptiert: Der Lieferant behandelt Safe Launch nicht als temporären Ausnahmezustand, sondern als Ersatz für Prozessstabilität. Die Wurzelursache der erhöhten Fehlerrate wird nie beseitigt. Kunden müssen klarstellen: Safe Launch ist eine Übergangslösung, keine Qualitätsstrategie.

Fehler 3 — Fehlende Trennung von Sortierkosten und Gewährleistungskosten: Sortierkosten (Prüfaufwand für Teile beim Kunden, die durch Lieferantenfehler erforderlich wurden) und Gewährleistungskosten (Nacharbeits- oder Austauschkosten an verbautem Teil) sind unterschiedliche Positionen. Q-Verträge müssen beide separat definieren — inklusive Dokumentationspflicht (Stundenzettel, Fehlerprotokoll).

Fehler 4 — Kein Kommunikationsprotokoll mit dem Lieferanten: Der Lieferant erfährt von Qualitätsproblemen erst mit Wochen Verzug, weil der Kunde interne Reklamationen nicht zeitnah weitergibt. Safe Launch erfordert ein Echtzeitkommunikationskanal: tägliche oder wöchentliche PPM-Reports, direkten Draht zwischen Qualitätsingenieuren beider Seiten.

Verhandlungskontext: Safe-Launch-Klauseln sind für neue Lieferantenbeziehungen oder nach Prozessänderungen Standard — und zwar vor der Vergabe zu verhandeln, nicht danach. Einkäufer, die Safe Launch nachträglich fordern, riskieren Streit über die Kostenübernahme. Kluge Lieferanten kalkulieren Safe-Launch-Kosten in ihre Angebote ein (0,3-0,8 % des Auftragsvolumens als Rückstellung). Wer diese Rückstellung im Angebot ausweist und offen kommuniziert, signalisiert Qualitätsbewusstsein — ein Differenzierungsmerkmal gegenüber Billiganbietern, die Safe-Launch-Kosten ignorieren und sie später als Überraschung behandeln.

Verwandte Begriffe

  • [[ramp-up-management]]
  • [[quality-gates]]
  • [[layered-process-audit]]
  • [[run-at-rate]]
  • [[initial-sample-inspection-report]]

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