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Procari Lexikon Safety Stock Calculation
Einkaufslexikon

Safety Stock Calculation

Safety Stock Calculation

Safety Stock Calculation ist die quantitative Bestimmung des Sicherheitsbestands auf Basis von Bedarfs- und Lieferzeitschwankung, Wiederbeschaffungszeit und Zielservicegrad. Die Standardformel SS = z × σ_LT × √Ø-Bedarf + z × Ø-Bedarf × σ_LT bildet beide Unsicherheitsquellen ab und ersetzt pauschale Wochen-Reserven, die bei volatilen Märkten regelmäßig zu Fehlmengen oder Überbeständen führen.

Detaillierte Erklärung

Die klassische Formel berücksichtigt nur die Bedarfsschwankung: SS = z × σ_D × √WBZ. Diese vereinfachte Variante reicht, wenn die Lieferzeit deterministisch ist — selten der Fall in DACH-Beschaffungspraxis mit globalen Lieferketten.

Die vollständige Formel kombiniert beide Variationen:

SS = z × √(WBZ × σ_D² + Ø-Bedarf² × σ_LT²)

Die Komponenten:

z-Faktor leitet sich aus dem gewünschten Servicegrad ab. Bei 95 Prozent z = 1,65; bei 97,5 Prozent z = 1,96; bei 99 Prozent z = 2,33; bei 99,9 Prozent z = 3,09. Die Wahl des Servicegrads orientiert sich an Teilekritikalität und Fehlmengenkosten.

σ_D ist die Standardabweichung des Periodenbedarfs. Berechnung über die letzten 12 bis 24 Wochenwerte. Bei saisonalen Mustern muss vorher der Trend bereinigt werden, sonst überzeichnet σ_D die wahre Schwankung.

σ_LT ist die Standardabweichung der Lieferzeit in Tagen. Datenbasis: tatsächliche Wareneingangstermine versus zugesagte Termine der letzten 20 bis 50 Bestellungen.

WBZ ist die durchschnittliche Wiederbeschaffungszeit in Periodeneinheiten (Wochen oder Tage), umgerechnet auf die Einheit von σ_D.

SAP IBP, Oracle Demantra und ToolsGroup SO99+ implementieren erweiterte Modelle: stückzahlbasierte Servicegrade (Fill Rate statt zyklusbasiertem Lieferservicegrad), Lognormalverteilungen für stark asymmetrische Bedarfe und dynamische Anpassung bei Trendänderung. Im Mittelstand-Maschinenbau (200 bis 1.500 Mitarbeiter, Materialeinsatz 25 bis 160 Millionen Euro) reicht die Normalverteilungsannahme für 80 bis 90 Prozent aller Artikel.

Zwei Grenzfälle: Bei Intermittent Demand (sporadische Einzelbedarfe) versagt die Normalverteilung — hier kommen Croston-Methode oder Poisson-Verteilung zum Einsatz. Bei Single-Source-Risiken oder Force-Majeure-Szenarien greift keine statistische Methode; dort wird strategische Reichweite politisch festgelegt.

Die Formel ist nur so gut wie die Eingangsdaten. Eine Disziplin der Lieferterminerfassung im Wareneingang ist Voraussetzung — ohne sauberes σ_LT wird die Berechnung Augenwischerei.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Pumpenhersteller mit 520 Mitarbeitern und 78 Millionen Euro Materialeinsatz prüft den Sicherheitsbestand von 1.800 A- und B-Teilen quartalsweise neu. Beispielartikel: Mechanische Gleitringdichtung Werkstoff Silikoncarbid, asiatischer Lieferant.

Datenbasis aus den letzten 18 Monaten:

  • Wochenbedarf Mittelwert: 240 Stück
  • Standardabweichung Wochenbedarf σ_D: 65 Stück
  • Wiederbeschaffungszeit Mittelwert: 8 Wochen (Seefracht plus Wareneingang)
  • Standardabweichung Lieferzeit σ_LT: 1,4 Wochen
  • Zielservicegrad: 98 Prozent (kritisches Teil ohne Alternativlieferant), z = 2,05

Berechnung:

SS = 2,05 × √(8 × 65² + 240² × 1,4²)
SS = 2,05 × √(33.800 + 112.896)
SS = 2,05 × √146.696
SS = 2,05 × 383
SS = 785 Stück

Der bisherige pauschale Wert lag bei 600 Stück (2,5 Wochen Mittelbedarf). Die Neuberechnung zeigt: Der wahre Bedarf liegt 30 Prozent höher, weil die Lieferzeitschwankung den größeren Anteil hat (rund 75 Prozent des Sicherheitsbedarfs).

Die Einkaufsabteilung leitet zwei Maßnahmen ab. Erstens: Sicherheitsbestand auf 785 Stück anheben (einmaliger Bestandsaufbau 185 Stück, Wert circa 4.800 Euro). Zweitens: Mit dem Lieferanten Liefertermin-Disziplin verbessern. Pönale-Klausel für mehr als 5 Werktage Verzug, im Gegenzug verbindliches 12-Monats-Volumen.

Nach sechs Monaten Messung: σ_LT sinkt auf 0,8 Wochen. Neuberechnung: SS = 2,05 × √(8 × 65² + 240² × 0,64) = 2,05 × √(33.800 + 36.864) = 2,05 × 266 = 545 Stück.

Der reduzierte Sicherheitsbestand spart 6.200 Euro Bestand, ohne Servicegrad zu opfern. Der Effekt wurde nicht durch Bestandsabbau erreicht, sondern durch bessere Lieferzeit-Performance — die der Einkauf operativ einfordert.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Pauschale Wochen-Reserven. Standardvorgabe "alle Teile bekommen 2 Wochen Sicherheit" ignoriert die wahre Schwankungsstruktur. Stabile Verbraucher haben zu viel, volatile zu wenig. Differenzierte Berechnung pro Artikel ist Mindeststandard.

Nur Bedarfsvariation. Die vereinfachte Formel σ_D × √WBZ erfasst nur die halbe Wahrheit. In 60 bis 70 Prozent der Praxisfälle dominiert σ_LT den Sicherheitsbedarf — vor allem bei langer Wiederbeschaffungszeit und Asienbeschaffung.

Daten ohne Bereinigung. Saisonale Spitzen oder einmalige Sonderaufträge inflationieren σ_D künstlich. Vor der Berechnung muss die Zeitreihe geglättet, ausreißerbereinigt und idealerweise trendkorrigiert sein.

Statisches z für alle Teile. Servicegrad 99 Prozent pauschal treibt z auf 2,33 und damit den Sicherheitsbestand 40 Prozent höher als bei 95 Prozent. Differenzierung nach Kritikalitätsklasse ist Pflicht.

Falsche Verteilungsannahme. Sporadische Einzelbedarfe (Ersatzteile, Sonderoptionen) folgen keiner Normalverteilung. Croston-Methode oder Bootstrap-Verfahren sind hier die korrekte Wahl.

Im Verhandlungskontext wird die Safety-Stock-Formel zum Argument. Eine hohe σ_LT bedeutet bares Geld in der Bilanz des Käufers: Bei 240 Stück Wochenbedarf, 85 Euro Stückpreis und σ_LT-Reduktion von 1,4 auf 0,8 Wochen sinkt der Sicherheitsbestand um 240 Stück — 20.400 Euro weniger Working Capital.

Diese Zahl gehört in die Lieferantenbewertung und in jede Konditionsverhandlung. Argumentation: "Ihr Bestandseffekt bei uns kostet 20.400 Euro pro Jahr Kapitalbindung. Davon erwarten wir uns 6 Prozent in Form besserer Konditionen oder verbindlicher Liefertermin-Zusagen." Der Einkauf macht Liefertreue messbar — Lieferanten verstehen Zahlen besser als Appelle.

Verwandte Begriffe

  • [[sicherheitsbestand]]
  • [[dynamischer-sicherheitsbestand]]
  • [[lead-time-variance]]
  • [[lieferservicegrad]]
  • [[fill-rate-einkauf]]

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