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Procari Lexikon Scope-3-Emissionen
Einkaufslexikon

Scope-3-Emissionen

Scope-3-Emissionen

Scope-3-Emissionen sind alle Treibhausgasausstosse entlang der vor- und nachgelagerten Wertschopfungskette – von der Rohstoffgewinnung uber eingekaufte Materialien bis zur Nutzung und Entsorgung der eigenen Produkte. Sie machen bei den meisten Industrieunternehmen uber 70 Prozent der Gesamtemissionen aus und sind deshalb der schwierigste, aber wichtigste Teil jeder ernsthaften Klimastrategie.

Detaillierte Erklarung

Das GHG Protocol Scope 3 Standard (2011, erganzt durch Technical Guidance 2013) teilt die vor- und nachgelagerten Emissionen in 15 Kategorien auf. Die Einteilung folgt einer einfachen Logik: Kategorien 1-8 sind vorgelagert (upstream, mit dem Einkauf verbunden), Kategorien 9-15 sind nachgelagert (downstream, mit dem Vertrieb und der Produktnutzung verbunden).

Die 15 Kategorien im Uberblick

Vorgelagert (Upstream): Kategorie 1 eingekaufte Waren und Dienstleistungen, Kategorie 2 Kapitalguiter, Kategorie 3 Energie- und brennstoffbezogene Aktivitaten (nicht in Scope 1/2), Kategorie 4 vorgelagerter Transport und Verteilung, Kategorie 5 Abfall aus dem Betrieb, Kategorie 6 Geschaftsreisen, Kategorie 7 Arbeitnehmerpendeln, Kategorie 8 vorgelagerte gepachtete Anlagen.

Nachgelagert (Downstream): Kategorie 9 nachgelagerter Transport, Kategorie 10 Verarbeitung verkaufter Produkte, Kategorie 11 Nutzung verkaufter Produkte, Kategorie 12 Endbehandlung verkaufter Produkte, Kategorie 13 nachgelagerte gepachtete Anlagen, Kategorie 14 Franchises, Kategorie 15 Investitionen.

Kategorie 1: Der Kern des Einkaufs-Fokus

Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) ist die mit Abstand relevanteste fur den Einkauf. Sie umfasst alle Treibhausgasemissionen aus der Herstellung von Materialien, Komponenten und Dienstleistungen, die ein Unternehmen beschafft. In der produzierenden Industrie umfasst das: Rohstoffe (Stahl, Aluminium, Kunststoff), Kaufteile, Verpackungsmaterial, IT-Hardware, externe Dienstleistungen.

Fur die Berechnung gibt es drei Methoden (GHG Protocol Hierarchie, aufsteigend nach Genauigkeit): Erstens die Durchschnittsdaten-Methode spend-based, bei der Ausgaben in EUR mit Emissionsintensitaten in kg CO2e/EUR multipliziert werden – niedrige Datenqualitat, aber schnell fur eine erste Bestandsaufnahme. Zweitens die Durchschnittsdaten-Methode activity-based, bei der physische Mengen (Tonnen Stahl, kWh, km) mit generischen Emissionsfaktoren aus Datenbanken wie ecoinvent, DEFRA oder ProBas (Umweltbundesamt) multipliziert werden. Drittens die lieferantenspezifische Methode, bei der der Lieferant einen verifizierten [[product-carbon-footprint]] (PCF) gemas ISO 14067 oder ISO 14064 liefert – hochste Genauigkeit, aber datenintensiv.

CSRD / ESRS E1 und Wesentlichkeitsanalyse

Unter CSRD muss ein Unternehmen zunachst eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse (Double Materiality Assessment) durchfuhren. Fur Scope-3-Emissionen bedeutet das: Welche Kategorien sind wesentlich fur die Auswirkungen des Unternehmens auf das Klima (Impact Materiality)? Welche sind wesentlich fur finanzielle Risiken durch den Klimawandel (Financial Materiality)?

ESRS E1-6 verlangt dann die Offenlegung wesentlicher Scope-3-Kategorien mit Angabe der verwendeten Methode und Unsicherheitsabschatzung. Fur ein Maschinenbauunternehmen sind typischerweise wesentlich: Kategorie 1 (Materialien), Kategorie 4 (Transport), Kategorie 11 (Nutzungsphase der Maschinen beim Kunden).

Abgrenzung zu Scope 1 und Scope 2

[[scope-1-emissionen]] und [[scope-2-emissionen]] entstehen in kontrollierten oder energiebeziehenden Bereichen des Unternehmens selbst. Scope-3-Emissionen entstehen ausserhalb dieser Grenzen – in den Betrieben der Lieferanten, bei Transportdienstleistern, bei Kunden. Das macht sie schwerer kontrollierbar, aber durch Einkaufsentscheidungen beeinflussbarer als die direkt eigenen Emissionen.

Doppelzahlung vermeiden

Ein Scope-3-Problem im Industrie-Netzwerk: Die Kategorie-1-Emissionen des Abnehmers sind die Scope-1- und Scope-2-Emissionen des Lieferanten. Wenn beide Unternehmen CSRD-Berichte einreichen, werden dieselben physischen Emissionen zweimal berichtet. Das GHG Protocol erlaubt diese Mehrfachbilanzierung explizit, weil der Zweck unterschiedlich ist: Der Lieferant berichtet uber seinen operativen Fussabdruck, der Abnehmer uber sein Lieferketten-Risiko.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Systemlieferant von Hydraulikkomponenten in der Steiermark erstellt erstmals einen CSRD-konformen Nachhaltigkeitsbericht. Der Einkaufsleiter ist verantwortlich fur Scope 3, Kategorie 1.

Schritt 1: Ausgabenanalyse. Top-10-Lieferanten nach Einkaufsvolumen machen 62 Prozent des Gesamtspends aus. Materialien: Stahl (38 Prozent), Aluminium (15 Prozent), Dichtungen und Kunststoff (9 Prozent).

Schritt 2: Berechnung mit activity-based Methode. Stahl: 850 t x 1,85 t CO2e/t (Warmwalzstahl, Primarpfad, ecoinvent v3.9) = 1.573 t CO2e. Aluminium: 120 t x 8,1 t CO2e/t (Primäraluminium Europa) = 972 t CO2e.

Schritt 3: Lieferantenspezifische Daten anfragen. Die drei grossten Stahllieferanten werden gebeten, einen PCF-Wert gemas ISO 14064 fur ihr Vormaterial zu liefern. Ziel fur den Folgebericht: Deckung von mindestens 30 Prozent des Kategorie-1-Spends mit lieferantenspezifischen Daten.

Ergebnis: 82 Prozent der Kategorie-1-Emissionen konzentrieren sich auf zwei Materialien. Der Einkaufsleiter kann gezielt Lieferanten mit niedrigem CO2e-Profil (Elektrolichtbogenofen-Stahl) bevorzugen.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1: Scope 3 auf Kategorie 1 reduzieren. Im Maschinenbau sind Kategorien 4 (Transport, oft 5-10 Prozent der Scope-3-Emissionen), 11 (Nutzungsenergie der Maschinen, oft grosste Einzelkategorie) und 12 (Entsorgung) wesentlich. Eine Wesentlichkeitsanalyse, die nur Kategorie 1 betrachtet, ist unvollstandig.

Fehler 2: Spend-based Methode als Endzustand akzeptieren. Emissionsintensitaten in EUR/Wahrung reflektieren Preisveranderungen, nicht physische Materialmenge. Ein Preisanstieg bei Aluminium senkt die berechneten Scope-3-Emissionen, obwohl die gleiche Menge bestellt wurde. Fur strategische Entscheidungen ist die activity-based Methode zwingend.

Fehler 3: Keine Lieferantenkommunikation. Scope-3-Reduktion ohne Lieferantenentwicklung ist nicht moglich. Einkaufer, die Scope-3-Ziele setzen, ohne diese in Lieferantenbewertungen oder Entwicklungsgesprachen zu verankern, erzielen keine Reduktion.

Fehler 4: Unsicherheit nicht ausweisen. ESRS E1-6 verlangt Angaben zur Datenqualitat und Unsicherheit. Berichte, die Scope-3-Zahlen ohne Methoden- und Unsicherheitshinweis prasentierten, werden von Prufern als unvollstandig zuruckgegeben.

Verhandlungskontext: Lieferanten mit niedrigem PCF (durch Grunostrom, Recyclingmaterial, effiziente Prozesse) werden fur CSRD-pflichtige Abnehmer wertvoller. Lieferanten ohne jegliche Emissionsdaten werden von grossen Abnehmern ab 2026 systematisch schlechter bewertet. Der Einkauf kann diesen Druck strukturiert durch einen [[lieferantenkodex]] und Lieferanten-Entwicklungsprogramme weiterleiten.

Verwandte Begriffe

  • [[scope-1-emissionen]] – Direkte Emissionen aus eigenen Anlagen
  • [[scope-2-emissionen]] – Indirekte Emissionen aus zugekaufter Energie
  • [[co2-fussabdruck]] – Gesamtbilanz aller drei Scopes
  • [[product-carbon-footprint]] – PCF als lieferantenspezifische Eingangsgrose fur Kategorie 1
  • [[lieferantenkodex]] – Vertragliches Instrument zur Einbindung von Lieferanten in Emissionsziele
  • [[nachhaltiger-einkauf]] – Strategischer Rahmen fur emissionsbewusste Beschaffung
  • [[carbon-border-adjustment-mechanism]] – EU-Grenzausgleich mit Relevanz fur Upstream-Emissionen

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