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Procari Lexikon Selbstkosten
Einkaufslexikon

Selbstkosten

Selbstkosten

Die Selbstkosten bezeichnen die Gesamtheit aller Kosten, die einem Betrieb fur die Erstellung und den Absatz einer Leistungseinheit entstehen. Sie umfassen [[herstellkosten]] zuzuglich Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten und bilden damit die unterste Preisgrenze in der Vollkostenrechnung. Fur Einkaufer in DACH-Fertigungsbetrieben ist das Verstandnis der Selbstkostenstruktur eines Lieferanten der Schlussel zur sachlichen Preisbewertung.

Detaillierte Erklarung

Die Selbstkosten sind das Ergebnis der Zuschlagskalkulation, die in DACH-Industriebetrieben die dominierende Kalkulationsmethode darstellt. Der Aufbau folgt einem standardisierten Schema:

Stufe 1 — Materialeinzelkosten (MEK)
Direkt zurechenbare Rohstoff-, Hilfs- und Betriebsstoffkosten, bezogen auf die Leistungseinheit.

Stufe 2 — Materialgemeinkosten (MGK)
Anteilige Kosten fur Lager, Wareneingangsprufung, Einkaufsabteilung des Lieferanten. Aufgeschlagen als prozentualer Zuschlag auf MEK (ublicher Bereich in der DACH-Fertigung: 5-20 %).

Stufe 3 — Fertigungseinzelkosten (FEK)
Direkte Lohnkosten und Maschinenkosten, die dem Produkt eindeutig zuzurechnen sind.

Stufe 4 — Fertigungsgemeinkosten (FGK)
Anteilige Kosten fur Gebaude, Energie, Abschreibungen der Produktionsanlagen, indirekte Lohne. Zuschlag auf FEK, berechnet uber den Betriebsabrechnungsbogen.

Stufe 5 — [[Herstellkosten]] (HK)
Summe MEK + MGK + FEK + FGK. Dies ist die nach HGB §255 aktivierungsfahige Kostengrosse bei der Vorratsbewertung. IAS 2 verwendet eine ahnliche Definition: "costs of conversion" plus angemessene Fixkosten.

Stufe 6 — Verwaltungsgemeinkosten (VwGK)
Kosten fur Geschaftsfuhrung, Buchhaltung, Controlling, IT-Infrastruktur. Zuschlag auf Herstellkosten (typisch: 3-10 %).

Stufe 7 — Vertriebsgemeinkosten (VtGK)
Kosten fur Vertrieb, Marketing, Auftragsbearbeitung, Versand. Zuschlag auf Herstellkosten (typisch: 2-8 %).

Stufe 8 — Selbstkosten (SK)
SK = HK + VwGK + VtGK

Die Selbstkosten sind die unterste Preisgrenze: Ein Lieferant, der dauerhaft unter Selbstkosten verkauft, macht Verlust. Der Verkaufspreis des Lieferanten = SK + Gewinnzuschlag (Nettopreis) + MwSt.

Warum ist das fur den Einkaufer relevant?

Erstens: Bei einer [[open-book-kalkulation]] oder [[preisstrukturanalyse]] kann der Einkaufer die Plausibilitat des Angebotspreises pruefen, wenn er die Selbstkostenstruktur des Lieferanten versteht.

Zweitens: In Verhandlungen uber Preisanpassungen (z.B. Kostensteigerungen durch Energie oder Rohstoffe) kann der Einkaufer beurteilen, welcher Anteil der Preissteigerung tatsachlich auf Kostenveranderungen zuruckzufuhren ist und welcher Anteil auf gestiegene Gewinnmarge.

Drittens: Bei der eigenen [[vorkalkulation]] und [[nachkalkulation]] verwendet der Einkaufer dieselbe Kostenstruktur, um Planpreise zu ermitteln und Abweichungen zu analysieren.

Vollkosten- vs. Teilkostenrechnung: Die Selbstkosten sind ein Konzept der Vollkostenrechnung, in der alle Kosten (fix und variabel) auf die Kostentrager verteilt werden. Die Deckungsbeitragsrechnung (Teilkostenrechnung) verwendet stattdessen variable Kosten als Entscheidungsbasis. Fur die Preisbeurteilung im Einkauf ist die Vollkostenperspektive der Standardansatz in DACH-Fertigungsbetrieben.

Praxisbeispiel

Ein osterreichischer Metallverarbeiter erhalt vom Lieferanten XY ein Angebot uber Stanzteile zu 3,85 EUR/Stuck. Der Einkaufer fuhrt eine [[preisstrukturanalyse]] durch und erhalt folgende Aufschlusselung:

KostenpositionEUR/StuckAnteil
Materialeinzelkosten1,4036 %
Materialgemeinkosten (8 %)0,113 %
Fertigungseinzelkosten0,9023 %
Fertigungsgemeinkosten (65 %)0,5915 %
Herstellkosten3,0078 %
Verwaltungsgemeinkosten (5 %)0,154 %
Vertriebsgemeinkosten (4 %)0,123 %
Selbstkosten3,2785 %
Gewinnaufschlag (18 %)0,5815 %
Angebotspreis3,85100 %

Der Einkaufer erkennt: Der Gewinnaufschlag von 18 % liegt uber dem Branchendurchschnitt von 12-15 %. Er verhandelt auf Basis der kalkulierten Selbstkosten und einigt sich auf einen Preis von 3,60 EUR — entsprechend einem Gewinnaufschlag von 10,1 % auf die Selbstkosten.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Selbstkosten mit Herstellkosten verwechseln: Herstellkosten sind eine Teilmenge der Selbstkosten. Wer nur Herstellkosten betrachtet, ubersieht Verwaltungs- und Vertriebsanteile, die im B2B-Seriengeschaft 5-18 % des Gesamtpreises ausmachen konnen.

Fehler 2 — Gemeinkosten-Zuschlagssatze nicht hinterfragen: Lieferanten verwenden interne Gemeinkosten-Zuschlagssatze, die von Wettbewerbern stark abweichen konnen. Ein Fertigungsgemeinkosten-Zuschlag von 120 % gegenuber Branchenwerten von 60-80 % deutet auf ineffiziente Strukturen oder bewusste Marge-Verschiebung hin.

Fehler 3 — Unterschied zwischen Selbstkosten und Grenzkosten ignorieren: In Preisnachverhandlungen argumentieren Lieferanten oft mit "wir sind unter Vollkostenbasis". Bei Kapazitatsauslastungsproblemen liegen die relevanten Grenzkosten jedoch deutlich unter den Selbstkosten — Mehrmengenpotenzial des Kaufers kann hier Verhandlungsspielraum eroffnen.

Verhandlungskontext: Wer die Selbstkostenstruktur eines Lieferanten kennt oder plausibel abschatzen kann, verhandelt mit einer Sachgrundlage statt nur uber den Zielpreis. Bei Preiserhohungsverlangen des Lieferanten lasst sich damit prufen: Hat sich tatsachlich eine der Kostenstufen (Material, Energie, Lohn) erhoht, oder wird lediglich die Marge ausgebaut?

Kombination mit [[kostentreiberanalyse]] und [[should-cost-analyse]] liefert die vollstandige Preisbegrundung.

Verwandte Begriffe

  • [[herstellkosten]] — Teilmenge der Selbstkosten (ohne VwGK/VtGK)
  • [[vorkalkulation]] — Plankostenermittlung vor Auftragsvergabe
  • [[nachkalkulation]] — Istkostenermittlung nach Auftragsabschluss
  • [[einstandspreis]] — tatsachlicher Beschaffungspreis nach Zu-/Abschlagen
  • [[preisstrukturanalyse]] — Analyse der Preisbestandteile im Angebotsvergleich
  • [[should-cost-analyse]] — Bottom-up-Ermittlung des Zielpreises
  • [[open-book-kalkulation]] — Offenlegung der Lieferanten-Kostenstruktur
  • [[cost-breakdown]] — detaillierte Kostenaufschlusselung

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