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Procari Lexikon Technologie-Roadmap
Einkaufslexikon

Technologie-Roadmap

Technologie-Roadmap

Technologie-Roadmap ist ein mehrjähriger, grafischer Plan, der Markttrends, Produktgenerationen und Schlüsseltechnologien zeitlich miteinander verknüpft. Im Einkauf dient sie als gemeinsamer Bezugspunkt zwischen OEM und strategischen Lieferanten, um Investitionen, Patentanmeldungen und Kapazitätsausbau über typischerweise 3 bis 7 Jahre zu synchronisieren.

Detaillierte Erklärung

Die methodische Grundlage liefert das T-Plan-Workbook von Robert Phaal, Clare Farrukh und David Probert, das 2001 am Institute for Manufacturing der University of Cambridge erschienen ist und in 124 Seiten einen Schnellstart in vier Workshop-Phasen beschreibt: Markt, Produkt, Technologie, Roadmap-Synthese. Eine vollständige Roadmap besteht aus mindestens drei horizontalen Schichten (Market/Business, Product, Technology) und zeigt vertikal die zeitliche Entwicklung. In der Automobilindustrie ist der mehrjährige Tech-Plan keine Kür mehr, sondern Pflicht: Die Norm IATF 16949:2016 verlangt in Klausel 8.3 (Design and Development) von Tier-1-Lieferanten einen dokumentierten, kundenorientierten Entwicklungsprozess mit Meilensteinen, Risikobewertung und Lieferantenintegration über die gesamte Produktlebensphase. Wer als Tier-1 die Zertifizierung verliert, wird laut VDA-QMC-Statistik 2024 in der Lieferantenbewertung der OEMs automatisch herabgestuft und verliert typischerweise innerhalb von 18 Monaten relevante Aufträge. Studien der MDPI-Reihe zur Roadmap-Qualität (2023) zeigen, dass nur etwa 41 Prozent der industriell genutzten Roadmaps die ursprüngliche Cambridge-Methode sauber umsetzen — der Rest verkommt zu reinen Gantt-Plänen ohne strategische Steuerungsfunktion.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Tier-1-Zulieferer für Kühlsysteme aus Baden-Württemberg mit 2.100 Mitarbeitenden erstellt 2025 eine 5-Jahres-Technologie-Roadmap für seine Top-30-Lieferanten. Der strategische Einkauf moderiert dazu drei T-Plan-Workshops nach Phaal/Farrukh/Probert mit jeweils 12 Teilnehmenden aus F&E, Fertigung, Vertrieb und Schlüssellieferanten. Markt-Layer: Übergang von Verbrenner zu BEV-Plattformen, Volumen sinkt von 1,8 Mio. auf 740.000 Verbrenner-Module bis 2030. Produkt-Layer: drei neue BEV-Kühlplattformen mit Anlaufjahren 2027, 2028 und 2030. Technologie-Layer: Verbund-Werkstoffe mit Wärmeleitfähigkeit über 18 W/(m·K), neue Lötverfahren, integrierte Sensorik. Aus der Roadmap leitet der Einkauf konkret ab: drei Lieferanten erhalten ein Letter of Intent über 14,8 Mio. EUR Investition in neue Pressen, zwei Lieferanten verlieren das Listing für die BEV-Generation, der Wechsel kostet einmalig rund 620.000 EUR Werkzeugumlage, spart über 6 Jahre aber etwa 4,1 Mio. EUR Materialkosten.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Häufigster Fehler ist die Behandlung der Roadmap als interne F&E-Übung ohne Einkauf und ohne Schlüssellieferanten — die spätere Beschaffungsrealität widerspricht dann dem Plan, weil Materialverfügbarkeit, Lieferantenkapazität oder Tooling-Vorlaufzeiten nicht abgebildet sind. Zweiter Fehler: Vertraulichkeit wird übertrieben, der Lieferant erfährt erst sechs Monate vor Serienanlauf von der neuen Plattform und kann seinerseits keine Kapazität sichern. VDA-Best-Practice empfiehlt, mindestens den Top-15-Lieferanten unter NDA einen 24-Monats-Horizont der Roadmap offenzulegen. Dritter Fehler: Roadmaps werden einmal erstellt und veralten — eine jährliche Aktualisierung mit der gleichen Workshop-Struktur ist Pflicht, sonst verliert das Dokument innerhalb von 18 Monaten seine Steuerungswirkung. In der Verhandlung ist die Roadmap der wichtigste Hebel für mehrjährige Rahmenverträge, weil sie dem Lieferanten Volumensicherheit über mindestens 36 Monate signalisiert und damit Kapitalkostensätze von 6 bis 9 Prozent in der Stückpreiskalkulation rechtfertigt.

Verwandte Begriffe

Methodisch verwandt sind Trend-Scouting als Inputkanal und Open Innovation als Mechanismus zur Lückenfüllung. Operative Nachbarn sind ESI (Early Supplier Involvement), Co-Development und Simultaneous Engineering. Vertraglich greifen IP Sharing, Patent-Management Einkauf und NDA-Geheimhaltungsvereinbarung ineinander. Veranstaltungsformate sind Innovation Hub, Lieferantenforum, Lieferantentag sowie Hackathon mit Lieferanten. Strategische Klammer bilden die Technologie-Partnerschaft, Design Thinking im Einkauf und das cross-funktionale Team.

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