Supply Planning
Supply Planning
Zwischen dem rollierenden Forecast aus dem Vertrieb und der Bestellung beim Lieferanten liegt eine Disziplin, die im Mittelstand oft unterschaetzt wird. Supply Planning ist die systematische Umsetzung von Bedarfen in konkrete Beschaffungsmengen, Termine und Lieferantenzuordnungen und entscheidet darueber, ob ein Werk mit drei Wochen oder mit drei Tagen Reichweite arbeitet.
Detaillierte Erklärung
Supply Planning sitzt im Schnittpunkt zwischen Demand Planning (Was brauchen wir wann?) und Procurement Execution (Wer liefert das konkret?). Im Kern beantwortet die Disziplin vier Fragen: Wie viel beschaffen wir? Wann bestellen wir? Bei wem? Und mit welchem Sicherheitspuffer? In SAP-Systemen ist das im MRP-Lauf (Material Requirements Planning) hinterlegt, in Microsoft Dynamics 365 im Planning Engine, in proAlpha als Plantafel.
Drei Planungshorizonte greifen ineinander. Langfristig (12 bis 24 Monate) wird mit dem Lieferanten ein Rahmenvolumen vereinbart, das aus Forecast und strategischer [[risikoanalyse-lieferkette]] resultiert. Mittelfristig (1 bis 6 Monate) entstehen rollierende Bedarfsmeldungen, die der Lieferant fuer seine eigene Beschaffung nutzt. Kurzfristig (Tage bis Wochen) werden Abrufe oder Einzelbestellungen ausgeloest. Wer diese drei Horizonte nicht sauber trennt, bestellt entweder zu spaet oder zu viel.
Die Inputs des Supply Planning sind eindeutig: Primaerbedarf aus dem Vertriebsforecast, Sekundaerbedarf aus Stuecklistenaufloesung, vorhandener [[lagerbestand]], offene Bestellungen, offene Kundenauftraege, [[sicherheitsbestand]]-Vorgaben und [[wiederbeschaffungszeit]] je Material. Das Ergebnis ist ein Vorschlag fuer Bestellmengen und -termine, den der Disponent freigibt oder anpasst.
Im DACH-Mittelstand zwischen 250 und 1.500 Mitarbeitern liegen die Reichweiten je nach Branche zwischen 4 und 18 Wochen. Maschinenbau arbeitet typisch mit 6 bis 10 Wochen Reichweite, Elektronik mit 12 bis 18 Wochen (wegen Halbleiter-Lieferzeiten), Lebensmittel mit 2 bis 4 Wochen. Laut BME-Krisenbestandsstudie 2024 haben Mittelstaendler ihre Sicherheitslager seit 2022 im Schnitt um 18 Prozent aufgestockt, was die jaehrliche Kapitalbindung um 60 bis 240 EUR pro 1.000 EUR Materialwert erhoeht.
Moderne Supply-Planning-Ansaetze ergaenzen den klassischen MRP um Forecast-Akkuratesse-Messung (MAPE pro Materialgruppe), automatische Anpassung von Sicherheitsbestaenden auf Basis von Verbrauchsvarianz und Lieferanten-OTIF-Performance, und ereignisbasierte Replanung, wenn ein Lieferant eine Lieferzeitverlaengerung meldet. ISO 22301 fordert fuer kritische Materialien zudem dokumentierte Alternativbeschaffungsszenarien.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein DACH-Maschinenbauer mit 480 Mitarbeitern produziert Verpackungsanlagen in 22 Konfigurationen, jaehrlicher Einkaufswert 31 Mio. EUR auf rund 4.800 Materialnummern. Das Supply Planning laeuft woechentlich montags als MRP-Job ueber Nacht und produziert rund 380 Bestellvorschlaege.
Im Januar 2026 zeigt das System fuer einen kritischen Servomotor (Wiederbeschaffungszeit 14 Wochen, Jahresbedarf 220 Stueck) eine Unterdeckung in Kalenderwoche 28. Der Disponent prueft den Bestellvorschlag: 80 Stueck, Lieferung KW 25. Die Forecast-Akkuratesse fuer diesen Motor lag in den letzten sechs Monaten bei MAPE 14 Prozent, der Verbrauch schwankt mit Standardabweichung 4,2 Stueck pro Monat. Daraus berechnet das System einen Sicherheitsbestand von 18 Stueck (Servicegrad 97 Prozent).
Der Disponent passt den Vorschlag manuell an: Stueckzahl bleibt bei 80, aber er splittet auf zwei Liefertermine (40 in KW 23, 40 in KW 27), um das Risiko einer kompletten Verzoegerung zu reduzieren. Mit dem Lieferanten (Single-Source, weil herstellerspezifisch) ist ein Forecast-Sharing vereinbart: jeden Monat geht eine 12-Monats-Vorschau raus, damit der Lieferant seine eigenen Komponenten rechtzeitig disponiert.
Drei Wochen spaeter meldet der Lieferant, dass ein Subzulieferer fuer Encoder ausfaellt und die KW-23-Lieferung um 4 Wochen verspaetet kommt. Das Supply-Planning-System rechnet sofort: Reichweite faellt auf 1,4 Wochen, das ist unter dem [[sicherheitsbestand]]-Niveau. Der Einkauf aktiviert die [[dual-sourcing]]-Option fuer kompatible Motoren eines Zweitlieferanten, gegen Aufpreis von 11 Prozent. Die Maschinenproduktion bleibt durch das fruehzeitige Eingreifen ohne Linienstillstand.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Drei Schwachstellen begegnen Pruefern in nahezu jedem Mittelstandsbetrieb. Erstens die statische Stammdatenpflege: Wiederbeschaffungszeiten, die seit drei Jahren nicht ueberprueft wurden, machen jeden MRP-Lauf zur Fiktion. Eine quartalsweise Validierung gegen tatsaechliche Lieferzeiten ist Pflicht. Zweitens fehlende Verkopplung mit der [[nachfrageprognose]]: Wenn das Supply Planning ohne Verbrauchsanalyse einfach Rahmenmengen runterbricht, ignoriert es Saisonalitaet und Trendbrueche. Drittens das Ueberkompensieren durch pauschal hohe Sicherheitsbestaende ueber alle Materialien hinweg statt differenzierter ABC/XYZ-Logik.
In Verhandlungen mit Lieferanten ist die Qualitaet des eigenen Supply Planning eine harte Waehrung. Wer dem Lieferanten einen rollierenden 12-Monats-Forecast mit Genauigkeitsnachweis (MAPE 12 bis 18 Prozent) und festen Abrufkorridoren (zum Beispiel plus/minus 15 Prozent ohne Aufpreis) anbieten kann, holt 3 bis 7 Prozent Preisnachlass heraus, weil der Lieferant seine eigene Beschaffung und Produktion glaetten kann. Umgekehrt strafen Lieferanten chaotische Bedarfsmeldungen mit Risikozuschlaegen und laengeren Lieferzeiten.
Bei [[dual-sourcing]]-Strategien definiert das Supply Planning die Volumenaufteilung dynamisch nach OTIF, Qualitaet und Preis. Wer hier ohne sauberes Planungssystem operiert, verliert die Verhandlungsmacht und faellt in De-facto-Single-Sourcing zurueck.
Verwandte Begriffe
- [[nachfrageprognose]]
- [[disposition]]
- [[wiederbeschaffungszeit]]
- [[sicherheitsbestand]]
- [[dual-sourcing]]