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Procari Lexikon Time-to-Market
Einkaufslexikon

Time-to-Market

Time-to-Market

Time-to-Market (TTM) bezeichnet die Zeitspanne von der Produktidee bis zur Marktverfügbarkeit. Im Einkaufskontext umfasst sie den Zeitraum von der ersten Lieferantenanfrage bis zum freigegebenen Serienteil mit gesicherter Liefermenge. Eine kurze TTM entscheidet in vielen DACH-Branchen über Marktanteil, Margenniveau und Patentwert. Der Einkauf ist daran zu rund einem Drittel beteiligt und damit ein zentraler Hebel für die Wettbewerbsposition.

Detaillierte Erklärung

Die Definition von Time-to-Market variiert je nach Branche und interner Konvention. Im Maschinenbau wird TTM typisch von Konstruktionsfreigabe bis Serienauslieferung gemessen, in der Automotive-Industrie von Sourcing-Entscheidung bis Start of Production (SOP), in der Konsumguterindustrie von Konzeptfreigabe bis Markteinführung. Üblich sind Werte zwischen 9 Monaten (Konsumelektronik), 18-24 Monaten (Maschinenbau-Komponenten) und 36-54 Monaten (Automotive-Plattformen).

Der Einkauf ist nicht der einzige TTM-Treiber, aber häufig der entscheidende. Studien des VDMA und des BME zeigen, dass 35-55 Prozent der TTM-Verzögerungen in DACH-Industrieunternehmen auf Beschaffungsprozesse zurückgehen: späte Lieferantenauswahl, lange Werkzeugbeschaffungszeiten, fehlende Vorqualifizierung, unklare Spezifikationen. Eine frühe Lieferanteneinbindung (Early Supplier Involvement, ESI) verkürzt die TTM nachweislich um 12-22 Prozent gegenüber sequenzieller Vergabe.

Die wichtigsten Einkaufshebel zur TTM-Verkürzung sind: (1) Lieferantenvorqualifizierung vor Projektstart, sodass die Vergabezeit von typisch 14 Wochen auf 4-6 Wochen sinkt; (2) [[simultaneous-engineering]] mit parallelem Werkzeug- und Bauteildesign; (3) Standardisierung und Wiederverwendung freigegebener Teile aus dem [[oem-teile]]-Pool; (4) Vorzugslieferanten-Rahmenverträge mit definierten Reaktionszeiten; (5) PPAP-Level-Steuerung – nicht jede Komponente braucht PPAP Level 3.

Die Werkzeugbeschaffung ist häufig der kritische Pfad: Karosseriewerkzeuge mit 18-32 Wochen Lieferzeit blockieren oft den SOP. Folgewerkzeuge im Stanzbereich (120.000-890.000 Euro Investitionsvolumen) haben Lieferzeiten von 12-24 Wochen, Spritzguss-Serienwerkzeuge 14-22 Wochen. Wer hier zwei Wochen einspart (z. B. durch parallele Konstruktion und Stahlbeschaffung), gewinnt das gesamte Projekt zwei Wochen früher in den Markt.

In SAP-PLM und SAP-Projektsystem (PS) wird TTM als Differenz zwischen Meilenstein "Konzeptfreigabe" und Meilenstein "Markteinführung" abgebildet. Die Einkaufsanteile (Werkzeugbeschaffung, Bauteilfreigabe, Lieferantenfreigabe) sind als kritische Vorgänge im Netzplan zu modellieren.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein DACH-Hersteller von Industriearmaturen (640 Mitarbeiter, Sitz Hannover) entwickelt eine neue Ventilreihe mit geplanter Markteinführung in 16 Monaten. Die ersten Projektmeetings zeigen: Bei klassischer sequenzieller Vergabe würde die TTM 22 Monate betragen, was den Wettbewerbsvorteil gegenüber einem italienischen Mitbewerber gefährden würde.

Der Einkauf strukturiert die Time-to-Market-Beschleunigung in vier Maßnahmen: Erstens werden drei Vorzugslieferanten für Gussgehäuse, Spindeln und Dichtungen drei Monate vor Konstruktionsfreigabe vorqualifiziert (Audit nach VDA 6.3, Kapazitätsbestätigung, Werkzeugslot-Reservierung). Zweitens wird das Spritzgusswerkzeug für das Handrad parallel zur Bauteilkonstruktion beauftragt, mit Designeinfrierung der Außengeometrie zu Projektwoche 8. Investition Werkzeug: 145.000 Euro. Drittens werden Normteile aus dem bestehenden OEM-Teile-Katalog wiederverwendet, was 11 Wochen Spezifikationsarbeit spart. Viertens wird der PPAP-Umfang nach Risikoklasse differenziert: nur sicherheitsrelevante Teile mit Level 3, Standardteile mit Level 2.

Ergebnis: TTM 14 Monate, also 8 Wochen schneller als geplant. Der Einkauf dokumentiert Mehraufwand für parallele Vergabe (eine zusätzliche FTE-Stelle über 6 Monate, etwa 38.000 Euro Kosten) gegen Marktnutzen (geschätzt 2,8 Millionen Euro Mehrumsatz im ersten Jahr durch früheren Markteintritt). Der Business Case für beschleunigte Lieferanteneinbindung ist damit dreistellig im ROI.

Kritischer Pfad blieb das Gussgehäuse: Modell- und Sandgussvorbereitung 9 Wochen, erste Gussmuster Woche 14, Werkzeugkorrekturen Woche 16. Eine weitere Woche Verkürzung scheiterte an der gesetzlich vorgeschriebenen Druckprüfung nach DGRL 2014/68/EU.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler: TTM als reine Projektmanagement-Kennzahl behandeln und den Einkauf erst nach Konzeptfreigabe einbinden. Wer den Einkauf zu Projektwoche 12 startet, hat bereits 12 Wochen verschenkt. Best Practice DACH-Industrie: Einkauf ist ab Projektwoche 0 im Lenkungskreis, Lieferantenvorqualifizierung läuft parallel zur Lastenheft-Erstellung.

Zweiter Fehler: Falsche TTM-Hebel ziehen. Werkzeug-Expressgebühren (15-30 Prozent Aufschlag) bringen typisch nur 1-2 Wochen, während eine bessere Lieferantenvorauswahl 6-8 Wochen bringt – ohne Aufpreis. Der Einkauf sollte den TTM-Wert eines Tages quantifizieren: In schnellen Konsumentenmärkten 50.000-150.000 Euro pro Tag, in Industriegüterprojekten 8.000-25.000 Euro. Erst dann lassen sich Beschleunigungsmassnahmen wirtschaftlich bewerten.

Dritter Fehler: Vermeintliche TTM-Beschleunigung durch Springen über Reifegradstufen. Wer A-Muster überspringt und direkt B-Muster aus Serienwerkzeug nimmt, spart 4 Wochen, riskiert aber Werkzeugkorrekturen in der Größenordnung 25.000-90.000 Euro und verliert oft 8-12 Wochen Korrekturzeit.

Verhandlungskontext: TTM-Hebel sind oft mit Mengen- und Exklusivzusagen erkauft. Ein Lieferant, der einen Werkzeugslot binnen 10 statt 18 Wochen liefert, erwartet Mengenzusagen oder Exklusivität über 24-36 Monate. Diese Erwartung gehört offen ins Vertragsgespräch. Der Einkauf sollte zudem die Verfügbarkeit des Lieferanten in der Hochlaufphase vertraglich absichern, idealerweise mit Pönale für Liefertreue-Abweichungen unter 95 Prozent in den ersten 6 Monaten nach SOP. Eine starke [[liefertreue]] ist die Voraussetzung dafür, dass eine kurze TTM auch in Marktanteil umgesetzt werden kann.

Vierter Fehler: TTM-Verkürzung auf Kosten der Qualitätssicherung. Wer den Prüfumfang reduziert, um zwei Wochen zu sparen, riskiert Feldausfälle und Rückrufkosten in der Größenordnung 200.000 bis 4 Millionen Euro pro Vorfall. Sauber: TTM-Beschleunigung über parallele Prozesse, nicht über gestrichene Prüfphasen. Fünfter Fehler: Fehlende Eskalationsstufen. Eine TTM-Planung ohne klare Eskalationspfade bei Verzögerungen verliert wertvolle Wochen, weil Entscheidungen über Mehrkosten oder Umroutungen verzögert werden. Empfehlung: Wochenweise Steuerungsmeetings, Eskalationsmandat bis 50.000 Euro Mehrkosten beim Projektleiter, daruber Geschäftsführung binnen 48 Stunden.

Verwandte Begriffe

  • [[simultaneous-engineering]]
  • [[lieferantenentwicklung]]
  • [[oem-teile]]
  • [[liefertreue]]
  • [[pflichtenheft]]

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