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Procari Lexikon Total Cost Tree
Einkaufslexikon

Total Cost Tree

Total Cost Tree

Ein Total Cost Tree ist eine baumförmige Aufrissdarstellung aller Kostenbestandteile eines beschafften Bauteils oder Services, in der ausgehend vom Endpreis pro Stück schrittweise nach unten in Material-, Fertigungs-, Overhead-, Logistik- und Margeblöcke disaggregiert wird. Im Unterschied zu einer einfachen Cost-Breakdown-Tabelle modelliert der Tree explizit Hierarchien und Mengen-Preis-Beziehungen, sodass Änderungen in einer Wurzelvariable (etwa Stahlmarktpreis pro Tonne) automatisch in alle abhängigen Äste fortgeschrieben werden.

Detaillierte Erklärung

Das Konzept wurde durch A.T. Kearney in den 1990er Jahren systematisiert und ist heute fester Bestandteil von Cost Engineering und Should-Cost-Modellierung. McKinsey weist im Operations Excellence Compendium 2023 nach, dass strukturierte Cost Trees gegenüber pauschalen Benchmarks 8 bis 15 Prozent zusätzliche Einsparpotenziale heben. Ein Cost Tree gliedert sich typischerweise in fünf Hauptäste: Material (Rohstoff, Halbzeug, Zukaufteile mit jeweiliger Stückliste), Fertigung (Maschinenstundensatz, Zykluszeit, Rüstkosten, Ausschussquote), Overhead (Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten, typisch 8 bis 18 Prozent), Logistik (Frachtkosten, Verpackung, Incoterm-bedingte Zollanteile) sowie Marge (typisch 5 bis 12 Prozent in der Zulieferindustrie).

Auf Detailebene zerlegt der Tree weiter in Werttreiber pro Aststufe, etwa Maschinenstundensatz in Abschreibung, Energie, Wartung, Bediener-FTE und Flächenkosten pro Quadratmeter. A.T. Kearney empfiehlt in der Methodensammlung Procurement Chessboard 2020 mindestens drei Detailebenen, für A-Teile über 250.000 EUR Jahresvolumen sogar fünf bis sieben Ebenen. Der Tree ist die rechnerische Grundlage für eine Clean-Sheet-Kalkulation, eine Cleansheet-Methodology und ein Cost-to-Win-Verhandlungsszenario. Die Roland Berger Industrial Cost Study 2024 zeigt, dass 38 Prozent der DACH-Mittelständler über keine systematische Cost-Tree-Methodik verfügen, obwohl die durchschnittliche Einsparquote bei eingeführter Methodik bei 4,2 Prozent vom adressierbaren Spend liegt.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller von Fördertechnik aus Sachsen mit 410 Mitarbeitenden bezieht 18.000 Schweißbaugruppen jährlich von einem strategischen Lieferanten, Volumen 2,4 Mio EUR. Der Cost-Engineer baut einen sechsstufigen Total Cost Tree: Stufe 1 zeigt 47 Prozent Material (Stahl S355 nach DIN EN 10025, 1.140 EUR pro Tonne MEPS-Index Q1 2026), Stufe 2 zeigt 22 Prozent Fertigung (CNC-Brennschnitt 95 EUR pro Maschinenstunde, MAG-Schweißen 78 EUR pro Stunde), Stufe 3 zeigt 11 Prozent Overhead, Stufe 4 zeigt 6 Prozent Logistik, Stufe 5 zeigt 14 Prozent Marge. Die Detailaufrisse zeigen einen ungewöhnlich hohen Rüstanteil von 19 Prozent in der Schweißzeit. In der Verhandlung schlägt der Cost-Engineer eine Losgrößenerhöhung von 480 auf 1.200 Stück pro Auftrag vor; der Lieferant rechnet 4,80 EUR pro Stück Rüstkostenreduktion durch, was bei 18.000 Stück jährlich rund 86.000 EUR Einsparung bedeutet. Zusätzlich wird eine MEPS-Indexkopplung für Stahl ab Q3 2026 vereinbart.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die Vermischung von Marktpreis und Lieferantenkosten in der Material-Aststufe. Wer den Material-Ast mit dem Listenpreis des Stahlhändlers füllt statt mit dem Marktindex (MEPS, Argus, LME), übernimmt unkritisch die Marge des Zwischenhändlers. Trennen Sie strikt Marktindex (Material-Wurzel) von Beschaffungsmarge des Lieferanten (eigener Aststufe).

Der zweite Fehler ist das Übersehen der Ausschuss- und Nachbearbeitungsquote. Bei Schweißbaugruppen, Druckguss und Spritzguss liegt die typische Erstdurchgangsquote bei 92 bis 98 Prozent; eine Ausschussquote von 3 Prozent erhöht die Effektiv-Materialkosten um den gleichen Faktor. Wer die Ausschussquote nicht modelliert, unterschätzt die Materialkosten systematisch.

Der dritte Verhandlungsfehler ist das Zeigen des kompletten Cost Trees an den Lieferanten ohne Verhandlungsstrategie. Der Tree ist Munition, kein Beweismaterial. Verhandeln Sie pro Aststufe separat mit konkreten Hebelvorschlägen statt mit dem Gesamtbild; sonst entsteht der Eindruck eines feindlichen Audits, der die Zusammenarbeit langfristig beschädigt.

Verwandte Begriffe

Der Total Cost Tree liefert die rechnerische Grundlage für [[cost-engineering]], speist den [[should-cost-modell]]-Wert und bildet die Datenbasis für [[linear-performance-pricing]] in der Verhandlungsvorbereitung.

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