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Procari Lexikon Touchless-Procurement-Rate
Einkaufslexikon

Touchless-Procurement-Rate

Touchless-Procurement-Rate

Die Touchless-Procurement-Rate misst den Anteil der Beschaffungsvorgänge, die vom Bedarfsanfall bis zur Rechnungsfreigabe ohne manuelles Eingreifen eines Einkäufers oder einer Sachbearbeiterin durchlaufen werden. Sie ist die Leitkennzahl für den Reifegrad der Procure-to-Pay-Automatisierung im DACH-Mittelstand und wird seit 2024 in jedem ernsthaften Einkaufsdigitalisierungsprogramm als Zielgröße fixiert.

Detaillierte Erklärung

Die Touchless-Procurement-Rate wird als Verhältnis berechnet: Anzahl der vollständig automatisiert durchlaufenen Bestellvorgänge, dividiert durch die Gesamtzahl der Bestellvorgänge in der Berichtsperiode, mal 100. Ein Bestellvorgang gilt als touchless, wenn er folgende fünf Bedingungen erfüllt: erstens wird er aus einer hinterlegten Bedarfsregel (Mindestbestand, Wiederbeschaffungspunkt, Katalog-Click) automatisch ausgelöst. Zweitens läuft die Lieferantenauswahl regelbasiert über einen Vorzugs-Lieferanten oder Marketplace-Listing. Drittens ist die Bestellung eindeutig einer Kostenstelle und Konto zugeordnet. Viertens erfolgt der Wareneingang ohne Korrekturbuchung. Fünftens passiert der Three-Way-Match ohne manuellen Eingriff.

Die strenge Definition unterscheidet die Touchless-Procurement-Rate von der Touchless-Order-Rate (nur Bestellseite) und der Touchless-Invoice-Rate (nur Rechnungsseite). Hackett-Group-Benchmarks 2025 weisen für DACH-Mittelständler im Maschinenbau einen Median der Touchless-Procurement-Rate von 28 Prozent aus, im oberen Quartil 52 Prozent. Im Handel und der Konsumgüterindustrie liegt das obere Quartil bei 71 Prozent, wegen der höheren Standardisierung der Sortimente.

Der wirtschaftliche Hebel ist erheblich. Eine BME-Studie 2024 quantifiziert die Bearbeitungskosten eines manuell durchlaufenen Bestellvorgangs auf 47 bis 78 EUR pro Vorgang, je nach Komplexität. Ein touchless durchlaufener Vorgang kostet 1,80 bis 4,20 EUR. Bei einem mittelständischen Industriebetrieb mit 25.000 Bestellvorgängen pro Jahr bedeutet eine Anhebung der Touchless-Rate von 30 auf 60 Prozent eine Einsparung von rund 540.000 EUR jährlich an reinen Prozesskosten.

Die Treiber der Touchless-Procurement-Rate sind dreischichtig. Schicht eins ist die Stammdatenqualität, also vollständige Lieferanten-, Material- und Konditions-Stammdaten in SAP, Microsoft Dynamics oder Sage. Schicht zwei ist die Katalogabdeckung, gemessen am Anteil des Bedarfs, der über e-Kataloge oder Marketplaces (Mercateo Unite, Coupa Marketplace, SAP Ariba Network) bestellbar ist. Schicht drei sind die Freigaberegeln im Workflow, also die Mindestschwelle für manuelle Genehmigungen.

Die ISM-Studien 2024 dokumentieren, dass die Stammdatenqualität der größte Hebel ist. Bei einem Stammdaten-Vollständigkeitsgrad unter 85 Prozent liegt die Touchless-Procurement-Rate selten über 25 Prozent. Erst ab 95 Prozent Stammdatenqualität öffnen sich die Spielräume für Touchless-Quoten über 60 Prozent. Die DGQ empfiehlt deshalb in jedem P2P-Programm eine vorgelagerte Stammdaten-Bereinigung mit klaren KPIs.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller von industriellen Antriebssystemen aus dem nordrhein-westfälischen Münsterland, 1.380 Beschäftigte, 295 Millionen EUR Umsatz, hat im Januar 2025 ein dreistufiges Touchless-Programm gestartet. Einkaufsleiterin Dr. Antonia Frese und CIO Stefan Kühn entwickeln eine Roadmap mit Stichtag 31. Dezember 2026, Zielwert Touchless-Procurement-Rate 55 Prozent (Ausgangswert 22 Prozent).

Stufe eins (Q1/Q2 2025): Stammdaten-Bereinigung. 38.400 aktive Materialstammsätze werden gegen die SAP-Stammtabellen gespiegelt. Vollständigkeitsgrad bei Materialgruppe, Vorzugs-Lieferant, Bestellpreis und Lieferzeit-Default steigt von 76 Prozent auf 96 Prozent. 4.200 Lieferanten-Stammsätze werden auf vollständige Bankverbindung, Zahlungsbedingung und Skonto-Klausel geprüft. Aufwand: 280 Personentage Stammdaten-Team plus externe Beratung 142.000 EUR.

Stufe zwei (Q3 2025 bis Q1 2026): Katalog- und Marketplace-Anbindung. 87 Lieferanten werden mit Punchout-Katalogen in SAP Ariba angebunden, weitere 4.800 indirekte Lieferanten über Mercateo Unite zugeschaltet. Der Bedarfsanteil mit Katalogabdeckung steigt von 14 auf 51 Prozent. Werkseinkäufer können Bestellungen für Hilfs- und Betriebsstoffe direkt aus dem Katalog auslösen, ohne einen Lead Buyer einzubinden.

Stufe drei (Q1/Q2 2026): Freigaberegeln. Die Mindestschwelle für manuelle Genehmigung wird von 250 EUR auf 1.500 EUR pro Bestellung angehoben, jedoch mit der Auflage einer Cockpit-Kontrolle durch das Einkaufscontrolling auf monatlicher Basis. Three-Way-Match-Toleranzen werden auf plus/minus 2 Prozent oder maximal 50 EUR konfiguriert, was 91 Prozent der Rechnungen ohne Eingriff durchgehen lässt.

Stand Mai 2026: 18.700 von insgesamt 32.400 erwarteten Bestellvorgängen 2026 sind touchless durchlaufen. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr ergibt das eine Touchless-Procurement-Rate von rund 58 Prozent, leicht über dem Zielwert. Die Prozesskostenersparnis gegenüber 2024 liegt bei 612.000 EUR, kalkuliert mit einem konservativen Delta von 32 EUR pro umgestellten Vorgang. Der Maverick-Buying-Anteil ist parallel von 11,4 auf 6,8 Prozent gefallen, weil der Katalogweg attraktiver wurde als das Umgehen des Einkaufsprozesses.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die Verwechslung mit der Touchless-Order-Rate. Eine hohe Quote der automatisch erzeugten Bestellungen sagt nichts über den nachgelagerten Three-Way-Match. Wenn 70 Prozent der Bestellungen automatisch entstehen, aber nur 35 Prozent ohne Korrekturbuchung durch die Rechnungsprüfung gehen, liegt die echte Touchless-Procurement-Rate näher bei 35 Prozent. Die strenge Definition mit allen fünf Bedingungen muss im Reglement fixiert sein.

Der zweite Fehler ist die Vernachlässigung der Datenqualität bei Wareneingangsbuchungen. Wenn Werkstattmeister oder Logistik-Mitarbeiter Wareneingänge mit Mengen- oder Termin-Abweichung buchen, scheitert der Three-Way-Match und der Vorgang fällt aus der Touchless-Quote heraus. Hackett-Benchmarks 2025 zeigen, dass die Wareneingangs-Datenqualität in 38 Prozent der Mittelständler der schwächste Glied der Kette ist.

Der dritte Fehler ist die Übersteuerung über Freigabe-Schwellen. Wer die Mindestschwelle für manuelle Genehmigung zu hoch setzt, etwa über 5.000 EUR pro Bestellung ohne Einzelfreigabe, riskiert eine Aushöhlung der Vier-Augen-Kontrolle und Compliance-Probleme. Die ISM-Empfehlung 2024 lautet, eine differenzierte Schwellenstaffelung pro Materialgruppe und Lieferantenkategorie zu führen.

Verhandlungstaktisch kann eine hohe Touchless-Procurement-Rate als Argument gegenüber Lieferanten genutzt werden. Lieferanten, die in den Marketplace eingebunden sind und über elektronische Kanäle abgewickelt werden, haben für den Käufer niedrigere Prozesskosten. Diese Ersparnis kann teilweise an den Lieferanten zurückgegeben werden, etwa über bessere Zahlungsbedingungen oder Mehrjahres-Commitments. Hackett-Studien 2025 weisen einen messbaren Zusatzeffekt von 0,4 bis 0,8 Prozent auf die Cost-Reduction-Quote bei vollständig digitalisierten Lieferantenbeziehungen aus.

Verwandte Begriffe

  • [[touchless-order-rate]] — Engerer Bereich, der nur die Bestellseite ohne Rechnungsmatch erfasst.
  • [[touchless-invoice-rate]] — Komplementäre Quote auf der Rechnungsseite des Procure-to-Pay-Prozesses.
  • [[procurement-productivity-metrics]] — Übergeordneter Kennzahlenrahmen für die gesamte Einkaufsorganisation.
  • [[procure-to-pay]] — Prozesskette, in der die Touchless-Procurement-Rate gemessen wird.
  • [[e-procurement]] — Technologische Grundlage, deren Reifegrad die Touchless-Rate begrenzt.

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