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Procari Lexikon VDA 6.3
Einkaufslexikon

VDA 6.3

VDA 6.3

VDA 6.3 ist der Auditstandard des Verbands der Automobilindustrie fuer Prozessaudits in der Serienbelieferung und Lieferantenentwicklung. Ein nach VDA 6.3 zertifizierter Auditor bewertet strukturiert, ob ein Lieferant seine Fertigungsprozesse beherrscht — weit ueber das hinaus, was ein Systemaudit nach ISO 9001 oder IATF 16949 erfasst.

Detaillierte Erklaerung

VDA 6.3 wurde erstmals 1998 veroeffentlicht und liegt seit 2023 in der aktuellen Revision VDA 6.3:2023 vor. Es ist kein Zertifizierungsstandard fuer das Managementsystem, sondern ein Werkzeug zur Prozessbeherrschungspruefung auf Fertigungsebene. Es wird von OEMs und Tier-1-Lieferanten im gesamten DACH-Automotive-Umfeld eingesetzt und ist de facto Pflicht bei Neubeauftragungen sowie bei Lieferanten mit erhoeHtem Risiko.

Strukturaufbau: P1 bis P7

VDA 6.3:2023 gliedert den Auditumfang in sieben Prozesselemente:

  • P1 — Potenzialanalyse: Wird vor Beauftragung durchgefuehrt. Bewertet, ob der Lieferant grundsaetzlich in der Lage ist, das Produkt in der geforderten Qualitaet, Menge und zum geforderten Termin zu liefern. Relevant fuer die Lieferantenauswahl nach [[apqp]]-Logik.
  • P2 — Projektmanagement: Bewertet den Reifegradprozess (Meilensteine, Ressourcen, Risikomanagement) in der Anlaufphase. Ueblicherweise genutzt waehrend [[erstbemusterung]] und [[apqp]]-Phasen.
  • P3 — Planung der Produkt- und Prozessentwicklung: Prueft, ob FMEA, Pruefplanung und Produktionslenkungsplan methodisch korrekt erstellt wurden.
  • P4 — Realisierung der Produkt- und Prozessentwicklung: Bewertet, ob Muster, Werkzeuge und Maschinen den geplanten Anforderungen entsprechen und ob Validierungen (z. B. MSA, Faehigkeitsnachweise) durchgefuehrt wurden.
  • P5 — Lieferanten- und Eingangsmanagement: Prueft, ob der auditierte Lieferant seinerseits seine Unterlieferanten nach vergleichbaren Masstaeben steuert — der sogenannte Kaskadierungsgedanke von IATF 16949:2016.
  • P6 — Prozessanalyse / Serienproduktion: Das Kernprozesselement. Hier wird der laufende Fertigungsprozess bewertet: Pruefmittel, SPC-Auswertungen, Fehlerproofing (Poka Yoke), Umruest- und Aenderungsmanagement, Mitarbeiterqualifikation.
  • P7 — Kundenzufriedenheit / Kundendienst: Bewertet die Reaktionsfaehigkeit des Lieferanten bei Qualitaetsproblemen im Feld, Reklamationsbearbeitung und Produkthaftungsmanagement.

Bewertungslogik

Jede Frage wird mit 0, 4, 6, 8 oder 10 Punkten bewertet. Eine Bewertung von 0 ("nicht erfuellt") bei einer A-Frage (Musterfrage) loest automatisch eine Ampelabstufung aus. Der Gesamtergebniswert ergibt sich als gewichteter Prozentwert:

  • = 90 %: Ampelgruppe A (kein Handlungsbedarf)

  • 75–89 %: Ampelgruppe B (Massnahmenplan erforderlich)
  • < 75 %: Ampelgruppe C (dringende Massnahmen, Lieferstop moeglich)

Das Ergebnis fliesst direkt in die [[lieferantenscorecard]] ein und beeinflusst Sourcing-Entscheidungen und Preisverhandlungen.

Zusammenspiel mit IATF 16949:2016

VDA 6.3 und IATF 16949:2016 sind komplementaer. IATF 16949 prueft das Managementsystem auf Organisationsebene; VDA 6.3 prueft die konkrete Prozessausfuehrung an der Linie. Viele OEM-Einkaufsregelwerke (z. B. BMW Group, VW-Konzern, Mercedes-Benz) schreiben VDA 6.3-Prozessaudits als Voraussetzung fuer SOP-Freigabe vor — ergaenzend zur IATF-Zertifizierung.

VDA 6.3:2023 — Neuheiten gegenueber der 2016er Revision

Die 2023er Revision staerkt besonders: digitale Prozesse (Softwareentwicklung fuer eingebettete Systeme), Nachhaltigkeitsanforderungen in P5 (Unterlieferantenkaskade mit ESG-Bezug), scharfere Anforderungen an Risikoanalysen und die staerkere Integration des APQP/PPAP-Gedankens in P2-P4.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Einkaufsleiter eines deutschen Maschinenbauunternehmens qualifiziert einen neuen Praezisionsdrehteile-Lieferanten aus Tschechien. Vor der Erstvergabe wird ein VDA 6.3-Potenzialaudit (P1) durch einen eigenen zertifizierten VDA-6.3-Auditor durchgefuehrt. Der Lieferant erreicht in P1 82 % — Ampelgruppe B.

Der Einkauf setzt die Beauftragung davon abhaengig, dass der Lieferant innerhalb von 8 Wochen die festgestellten Schwachstellen in der SPC-Implementierung (P6) und im Unterlieferantenmanagement (P5) schriftlich abstellt. Nach Eingang des Massnahmenplans und einer Remote-Nachverifizierung wird die Erstbestellung freigegeben — begleitet von einem vereinbarten Serienaudit (P6) nach 12 Monaten als Vertragsbedingung.

Dieses Vorgehen ist in der Automobilindustrie Standardpraxis und gibt dem Einkauf eine belastbare, dokumentierte Grundlage fuer die Lieferantenfreigabe sowie eine rechtlich verwertbare Risikoabsicherung.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Audit nur als Formalakt: Viele Einkaufsabteilungen lassen VDA 6.3-Audits durch externe Dienstleister durchfuehren, ohne die Ergebnisse aktiv in die Lieferantenentwicklung einzuspeisen. Das verschenkt den eigentlichen Wert: die Identifikation von Prozessrisiken, bevor sie zur Reklamation werden.

Kein Follow-up auf Massnahmenpplaene: Die Ampelgruppe B ist nur dann werthaltig, wenn der vereinbarte Massnahmenplan konsequent nachverfolgt und re-auditiert wird. Ohne Wiederholung bleibt das Auditdokument ein Papiertiger.

Falsche Scope-Abgrenzung: VDA 6.3-Audits muessen den konkreten Fertigungsprozess des beauftragten Produkts abdecken, nicht den Betrieb generisch. Ein Audit, das nur die Montage prueft, waehrend der kritische Prozess die Waermebehandlung ist, liefert kein belastbares Bild.

Verhandlungskontext: Ein C-Ergebnis (< 75 %) gibt dem Einkauf faktisch einen "Pause-Button" fuer die Lieferbeziehung. In Jahresgespraechen koennen dokumentierte Audithistorien genutzt werden, um Preisverhandlungen mit konkreten Qualitaetsinvestitionen zu verknuepfen: "Ihr VDA-6.3-Score ist in P6 von 84 % auf 78 % gefallen — wir erwarten Massnahmenplan vor dem naechsten Preisgespraech." Das ist sachlich, vertraglich zulaessig und schuetzt vor Lieferausfall.

Zertifizierungsaufwand fuer KMU: Kleinere Lieferanten unterschaetzen den Aufwand fuer die VDA-6.3-Auditorfaehigkeit. Ein zertifizierter Auditor benoetigt mehrere Trainingstage plus Pruefung beim VDA QMC. Einkaeufern aus KMU empfiehlt sich die Inanspruchnahme von VDA-QMC-akkreditierten Dienstleistern fuer die erste Auditdurchfuehrung.

Verwandte Begriffe

  • [[iatf-16949]]
  • [[iso-9001]]
  • [[apqp]]
  • [[ppap]]
  • [[erstbemusterung]]
  • [[lieferantenbewertung]]
  • [[lieferantenscorecard]]
  • [[safe-launch]]
  • [[qualitaetssicherung]]

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