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Procari Lexikon Vorlaufzeit Lead Time
Einkaufslexikon

Vorlaufzeit Lead Time

Vorlaufzeit Lead Time

Die Vorlaufzeit — international als Lead Time bekannt — bezeichnet die Gesamtdauer vom Auslösen einer Beschaffungsmaßnahme bis zur Verfügbarkeit des Materials im eigenen Lager oder an der Fertigungslinie. Sie ist die zentrale Planungsgröße im Einkauf: Ohne realistische Vorlaufzeit lässt sich kein Mindestbestand, kein Bestellpunkt und kein Liefertermin seriös kalkulieren.

Detaillierte Erklärung

Die Vorlaufzeit ist keine einzelne Zeitspanne, sondern setzt sich aus mehreren Phasen zusammen, von denen jede separat gemessen und optimiert werden kann:

1. Administrative Vorlaufzeit
Zeit von der internen Bedarfsmeldung bis zur Bestellauslösung: Genehmigungsdurchläufe, ERP-Freigaben, Angebotseinholung. In mittelständischen Unternehmen (80–2.000 Mitarbeiter) dauert diese Phase häufig 1–5 Werktage — und wird im Planungs-Tool schlicht auf null gesetzt.

2. Lieferanten-Durchlaufzeit
Die Zeit, die der Lieferant benötigt, um die Ware zu produzieren oder aus dem eigenen Lager zu picken (vgl. [[durchlaufzeit]]). Bei Lagerartikeln kann sie wenige Stunden betragen; bei kundenspezifischen Zukaufteilen bis zu 20 Wochen.

3. Transportzeit
Zeit vom Lieferantenwerk bis zum eigenen Wareneingang. Abhängig von Verkehrsträger, Entfernung und Grenzabfertigung. Im [[straßengüterverkehr]] innerhalb der DACH-Region typisch 1–3 Werktage; per Seefracht aus Asien 25–45 Tage.

4. Wareneingang und Qualitätsprüfung
Zeit von Ankunft bis Lagerfreigabe: Eingangskontrolle, Zertifikatsprüfung, ggf. Mängelanzeige nach HGB § 377. Häufig unterschätzt: 0,5–2 Werktage sind realistisch.

Gesamtformel:

Vorlaufzeit = Admin-Zeit + Lieferanten-Durchlaufzeit + Transportzeit + Wareneingang

Wiederbeschaffungszeit vs. Vorlaufzeit
In der Literatur werden beide Begriffe teils synonym verwendet. Präzise Abgrenzung: Die Wiederbeschaffungszeit beginnt beim Unterschreiten des Meldebestands, die Vorlaufzeit beim Auslösen der Bestellung. Bei gut gesteuerter Lagerhaltung fallen beide annähernd zusammen; bei schleppenden Freigabeprozessen klafft eine gefährliche Lücke.

Bestellpunktformel (nach HGB und VDMA-Standard):

Meldebestand = (Ø Tagesverbrauch × Vorlaufzeit in Tagen) + Sicherheitsbestand

Der Sicherheitsbestand (vgl. [[sicherheitsbestand]]) puffert die Schwankung der Vorlaufzeit ab, nicht ihren Mittelwert. Wer die Vorlaufzeit-Varianz nicht kennt, setzt den Sicherheitsbestand blind.

Vorlaufzeit im Kontext von Just-in-Time
[[just-in-time]]-Konzepte setzen voraus, dass die Vorlaufzeit kleiner ist als der Takt der Fertigung. Jede Minute Vorlaufzeit-Unsicherheit erzeugt Pufferbedarf in der Fertigung oder kostet Flexibilität. Kurze, verlässliche Vorlaufzeiten sind deshalb wertvoller als kurze, aber stark schwankende.

Regulatorischer Rahmen
Bei internationalen Lieferketten greifen Zollvorschriften, ggf. Dual-Use-Kontrollen (AWG § 8) und ab 2026 vollständige CBAM-Berichtspflichten für bestimmte Materialien. Diese Prozesse verlängern die effektive Vorlaufzeit und müssen in der Planung explizit berücksichtigt werden.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Automobilzulieferer in Baden-Württemberg (ca. 600 Mitarbeiter) bezieht Aluminiumprofile von einem deutschen Strangpresswerk. Im ERP ist eine Vorlaufzeit von 10 Werktagen hinterlegt — basierend auf einer Lieferantenangabe aus dem Jahr 2022.

Analyse 2025 ergibt:

PhaseHinterlegter WertGemessener Istwert
Freigabe-Workflow intern0 Tage2 Tage
Lieferanten-Durchlaufzeit8 Tage9 Tage (Kapazitätsengpass)
Transport (LKW, 180 km)2 Tage1 Tag
Wareneingang + Prüfung0 Tage1,5 Tage
Gesamt10 Tage13,5 Tage

Das Delta von 3,5 Tagen erklärt 80 % der ungeplanten Lieferstörungen an die eigene Fertigung. Korrekturmaßnahmen: internen Freigabe-Workflow auf 0,5 Tage senken (digitale Freigabe per ERP), Vorlaufzeit im System auf 14 Tage setzen, Sicherheitsbestand neu berechnen. Ergebnis: Null Produktionsstillstand im Folgequartal durch Materialfehler.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1: Statische Vorlaufzeit im ERP
Einmal gepflegte Vorlaufzeiten werden selten aktualisiert. Lieferantenkapazitäten, Transportrouten und interne Prozesse ändern sich — die ERP-Zahl nicht. Empfehlung: jährliche Vorlaufzeit-Überprüfung pro A-Lieferant, quartalsweise für kritische C-Teile.

Fehler 2: Mittelwert statt Worst-Case planen
Ein Lieferant liefert im Schnitt in 8 Tagen, aber im 95. Perzentil in 14 Tagen. Wer den Bestellpunkt nach dem Mittelwert setzt, hat bei jedem 20. Auftrag einen Fehlbestand. Sicherheitsbestand muss die Standardabweichung der Vorlaufzeit abbilden.

Fehler 3: Vorlaufzeit-Reduktion als reines Lieferantenproblem behandeln
Oft liegt 30–50 % der Vorlaufzeit in eigenen Prozessen (Freigaben, Wareneingang). Verhandlungen mit Lieferanten über kürzere Laufzeiten sind wenig wirksam, solange die eigene administrative Vorlaufzeit nicht optimiert ist.

Verhandlungskontext
Lieferanten bieten häufig Sonderkonditionen für kürzere Lieferzeiten an — gegen Aufpreis oder Mindestabnahme. Einkäufer sollten vor solchen Verhandlungen die eigene Vorlaufzeit-Analyse vorlegen: Wenn intern 3 Tage Admin-Laufzeit anfallen, bringt eine vom Lieferanten angebotene "Express-Lieferung minus 2 Tage" strukturell nichts. Gezielte Frage im Lieferantengespräch: "Was können Sie tun, damit ich bei kurzfristigen Bedarfen innerhalb von 3 Werktagen ab Bestelleingang disponierbar bin?" — das fokussiert die Verhandlung auf das operative Ziel.

Rahmenverträge mit definierten Vorlaufzeit-SLAs (Service Level Agreements) und Pönalklauseln nach HGB § 286 (Verzugsfolgen) sind bei A-Teilen Standard-Beschaffungspraxis.

Verwandte Begriffe

  • [[durchlaufzeit]] — interne Fertigungszeit, Teilmenge der Vorlaufzeit bei Eigenproduktion
  • [[lieferzeit]] — vertraglich vereinbarte Frist; kann von der tatsächlichen Vorlaufzeit abweichen
  • [[liefertreue]] — Kennzahl zur Einhaltung der vereinbarten Vorlaufzeit
  • [[sicherheitsbestand]] — Puffer gegen Vorlaufzeit-Schwankungen
  • [[just-in-time]] — Prinzip, das minimale und verlässliche Vorlaufzeiten voraussetzt
  • [[lagerhaltung]] — Bestandshöhe direkt abhängig von Vorlaufzeit und deren Varianz
  • [[sendungsverfolgung]] — Werkzeug zur Echtzeit-Überwachung der Transportphase der Vorlaufzeit
  • [[lieferterminueberwachung]] — systematische Kontrolle, ob Vorlaufzeiten eingehalten werden

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