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Procari Lexikon Werkzeugfreigabe
Einkaufslexikon

Werkzeugfreigabe

Werkzeugfreigabe

Die Werkzeugfreigabe ist der formal dokumentierte Übergang eines neu gebauten oder modifizierten Werkzeugs in den serientauglichen Zustand. Sie bestätigt, dass das Werkzeug die geforderten Maße, Funktionen und Prozessparameter unter Serienbedingungen erfüllt, und ist Voraussetzung für die Auszahlung der letzten Werkzeugrate, für PPAP- und EMPB-Einreichungen sowie für den vertraglich zugesicherten SOP-Termin.

Detaillierte Erklärung

Die Werkzeugfreigabe ist kein einzelner Akt, sondern das Ergebnis einer mehrstufigen Prüfkaskade: Werkzeugkonstruktionsfreigabe (CAD-Review), Werkzeugbauabnahme (FAT — Factory Acceptance Test beim Werkzeugbauer), Werkzeugabnahme beim Verarbeiter (Site Acceptance Test, SAT), Erstmusterprüfung, Pilot Run und Run at Rate. Die formale Werkzeugfreigabe wird nach erfolgreichem Abschluss aller Stufen mit einem Werkzeugfreigabeprotokoll dokumentiert, das vom Auftraggeber, vom Werkzeugbauer und vom Verarbeiter gegengezeichnet wird.

Im Automobilumfeld ist die Werkzeugfreigabe vertraglich an PPAP nach AIAG (4th Edition) oder PPF nach VDA 2 gekoppelt. Konkret: Der Werkzeugfreigabe-Status wird üblicherweise an PPAP Level 3 oder VDA 2 Vorlagestufe 3 geknüpft, mit einer Sammlung von 18 PPAP-Elementen oder den entsprechenden VDA-Nachweisen. Ohne diese Dokumentation wird der OEM oder Tier-1-Kunde die Bauteile nicht abnehmen, der Lieferant kann nicht in Serie gehen, und der Werkzeugbauer kann seine Schlussrate nicht in Rechnung stellen.

Die Werkzeugfreigabe hat drei zivilrechtliche Funktionen. Erstens ist sie die Abnahme im Sinne von BGB §640 — mit ihr beginnt die Gewährleistungsfrist (üblicherweise 24 Monate, bei Werkzeugen oft 36 Monate vereinbart) und die Vergütung wird fällig (BGB §641). Zweitens markiert sie den Gefahrübergang nach BGB §644: Bis zur Werkzeugfreigabe trägt der Werkzeugbauer das Risiko des zufälligen Untergangs, danach der Auftraggeber oder der Werkzeugnutzer (je nach Eigentumslage). Drittens triggert sie bei Sicherungsübereignungen den Zeitpunkt, an dem das Werkzeug formal an den Auftraggeber übergeht (BGB §§929/930).

Bei Werkzeugen, die im Eigentum des Auftraggebers stehen, aber beim Lieferanten verbleiben (typischer Fall in der Automobilindustrie), ist die Werkzeugfreigabe der Auslöser für den Werkzeugverleihvertrag oder den Werkzeugleihvertrag. Damit wechseln Verfügungsrechte und Sorgfaltspflichten in einen langfristigen Modus mit Wartungspflichten, Versicherungsanforderungen und Rückgaberegelungen am Ende der Modelllaufzeit.

Die Werkzeugfreigabe-Dokumentation umfasst typischerweise: vermaßte Bauteilzeichnung mit Toleranzen, Werkzeugzeichnung, Materialzertifikate für Werkzeugstahl (typischerweise 1.2343, 1.2344, 1.2767 für Spritzgusswerkzeuge), Härteprüfprotokoll, Werkzeugbeschreibung mit Kavitätenkennzeichnung, EMPB nach VDA 2, Cmk- und Ppk-Studie, Pilot-Run-Protokoll, Run-at-Rate-Protokoll, Wartungsplan und Ersatzteilliste.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Die ZF Friedrichshafen AG (Tier-1-Antriebsstrang, ca. 168.000 Mitarbeiter) beschafft im Werk Saarbrücken ein Spritzgusswerkzeug mit acht Kavitäten für ein Schaltkulissen-Bauteil eines Premium-OEMs. Werkzeugbauer in Bobingen bei Augsburg, Werkzeuginvest 1.450.000 EUR, Zahlungsplan 30/30/30/10 (Auftrag, Konstruktionsfreigabe, T1-Muster, Werkzeugfreigabe). Verarbeitung des Werkzeugs erfolgt nicht beim Werkzeugbauer, sondern bei einem Spritzgieß-Lohnverarbeiter in Bensheim. Werkzeug bleibt im Eigentum von ZF, wird beim Lohnverarbeiter eingesetzt — klassisches "ZF-Eigentum, Lohnverarbeiter-Besitz".

Der Strategische Einkäufer Andreas L. plant im Frühjahr 2026 die Werkzeugfreigabekette. Konstruktionsfreigabe erteilt er nach FMEA-Workshop am 12. Januar 2026 (180.000 EUR Schlussrate Konstruktion). FAT beim Werkzeugbauer mit Erstmustern aus drei Kavitäten am 6. März 2026 (435.000 EUR). Werkzeugverlagerung an den Lohnverarbeiter am 18. März 2026, SAT-Lauf mit allen acht Kavitäten am 25. März, EMPB nach VDA 2 mit 32 Teilen pro Kavität bis 8. April. Pilot Run und Run at Rate kombiniert am 22. April über sechs Stunden, 1.480 Gutteile, Ppk 1,72 für drei kritische Maße.

Bei der Werkzeugfreigabesitzung am 4. Mai 2026 fallen drei Punkte auf. Erstens: Kavität 6 zeigt im Ppk-Studium eine systematische Maßabweichung von 0,03 mm in der Wandstärke — innerhalb der Toleranz, aber asymmetrisch zu den anderen Kavitäten. Zweitens: Wartungsplan fehlt für die Heißkanaldüsen. Drittens: Ersatzteilliste enthält keine Bestellnummern für die Auswerferstifte. Andreas L. erteilt eine konditionale Werkzeugfreigabe — die letzten 145.000 EUR Schlussrate werden in zwei Tranchen ausgezahlt: 100.000 EUR sofort, 45.000 EUR nach Erfüllung der drei offenen Punkte innerhalb von vier Wochen. Werkzeugbauer akzeptiert. Restpunkte am 28. Mai 2026 abgearbeitet, Restzahlung am 2. Juni 2026 fällig. SOP läuft termingerecht am 15. Juni 2026 mit 1,2 Prozent Ausschussquote — Modelllaufzeit sechs Jahre, Gesamtbedarf 2,7 Millionen Schaltkulissen.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Erster Fehler: vorzeitige Werkzeugfreigabe gegen Schlussrate. Werkzeugbauer drängen am Quartalsende auf Auszahlung der Schlussrate und bieten dafür "vorläufige" Werkzeugfreigaben an. Wer das akzeptiert, verliert seinen Druckhebel. Best Practice: Werkzeugfreigabe nur, wenn alle Akzeptanzkriterien erfüllt sind. Bei Restpunkten konditionale Freigabe mit teilweiser Auszahlung und Termin für Restpunkte.

Zweiter Fehler: keine klare Trennung zwischen FAT, SAT und Werkzeugfreigabe. Der FAT ist die technische Abnahme beim Werkzeugbauer, der SAT ist die Inbetriebnahme beim Verarbeiter, die Werkzeugfreigabe ist die zivilrechtliche Abnahme. Wer die drei zusammenfasst, hat keinen klaren Zahlungs- und Verantwortungsübergang. Bei Schäden auf dem Transport ist dann unklar, wer haftet.

Dritter Fehler: keine Dokumentation des IST-Zustands. Die Werkzeugfreigabe-Dokumentation muss den IST-Stand des Werkzeugs zum Freigabezeitpunkt vollständig festhalten. Ohne IST-Dokumentation ist später kaum zu beweisen, ob ein Schaden bei der Freigabe schon vorhanden war oder erst im Betrieb entstand. Empfehlung: Foto-Dokumentation aller Kavitäten, 3D-Vermessung der kritischen Konturen, Härteprüfung der Hauptbauteile.

Verhandlungskontext: Werkzeugbauer versuchen, die Werkzeugfreigabe auf den FAT zu reduzieren — das vereinfacht ihre Logik und beschleunigt die Schlusszahlung. Aus Einkäufersicht ist das schlecht: Der FAT prüft das Werkzeug isoliert, nicht im Serienkontext. Erst die Verbindung mit Pilot Run und Run at Rate beim Verarbeiter zeigt, ob das Werkzeug serientauglich ist. Bewährt: Schlussrate erst nach Werkzeugfreigabe beim Verarbeiter, nicht beim Werkzeugbauer.

Verwandte Begriffe

  • [[werkzeugkaution]] — Sicherungsinstrument für werkzeugverleihte Werkzeuge nach Werkzeugfreigabe.
  • [[pilot-run]] — Pilotserie unter Serienbedingungen; Voraussetzung für die Werkzeugfreigabe.
  • [[run-at-rate]] — Kapazitätsnachweis; üblicherweise im Werkzeugfreigabe-Paket gefordert.
  • [[ppap-automotive-detail]] — PPAP-Freigabe nach AIAG; gekoppelt an Werkzeugfreigabe in der Automobilindustrie.
  • [[werkzeug-einkauf]] — Übergeordnete Disziplin; Werkzeugfreigabe ist der finale Meilenstein im Werkzeugeinkaufsprozess.

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