Reverse Factoring
Reverse Factoring
Reverse Factoring ist eine vom Käufer initiierte Form der Lieferantenfinanzierung, bei der eine Bank oder Finanzierungsplattform die genehmigten Eingangsrechnungen des Käufers vorzeitig an den Lieferanten auszahlt. Anders als beim klassischen Factoring entscheidet nicht der Lieferant, sondern der Käufer, welche Rechnungen ins Programm gehen — daher der Begriff "Reverse".
Detaillierte Erklärung
Mechanik: Der Käufer (typischerweise ein bonitätsstarker Konzern oder größerer Mittelständler) schließt mit einer Bank oder einem Fintech wie Taulia, PrimeRevenue oder C2FO einen Rahmenvertrag. Sobald der Käufer eine Lieferantenrechnung im ERP-System genehmigt, sendet das System die Genehmigung an die Finanzierungsplattform. Der Lieferant kann nun wählen: sofortige Auszahlung mit Abschlag (typisch 50 bis 150 Basispunkte gegen den Marktzins), oder Wartezeit auf den vertraglich vereinbarten Zahlungstermin nach 60 oder 90 Tagen. Die Bank refinanziert sich gegen die Bonität des Käufers, nicht des Lieferanten — deshalb sind die Kosten meist deutlich niedriger als bei klassischem Factoring.
Bilanztechnisch ist Reverse Factoring umstritten. Die International Accounting Standards Board (IASB) hat im Mai 2023 mit Amendments zu IAS 7 und IFRS 7 erstmals verbindliche Offenlegungspflichten geschaffen. Konzerne müssen seit Geschäftsjahr 2024 angeben, welcher Anteil ihrer Verbindlichkeiten Teil von Supplier-Finance-Programmen ist, weil bis dahin viele Unternehmen Reverse-Factoring-Verbindlichkeiten als Lieferantenverbindlichkeiten statt als Bankschulden auswiesen — was die Verschuldung niedriger erscheinen ließ.
Der Greensill-Schock vom 08.03.2021 hat das Vertrauen ins Modell erschüttert: Die Greensill Capital Ltd. mit Sitz in London und Bundkern sowie die deutsche Greensill Bank AG in Bremen mussten Insolvenz anmelden, nachdem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) festgestellt hatte, dass Forderungen gegen die GFG Alliance des Sanjeev Gupta in den Bilanzen aufgeführt waren, die nicht existent waren. Über 50 Prozent der Greensill-Engagements lagen bei dieser einen Gegenpartei. Credit Suisse erlitt rund 10 Milliarden US-Dollar potenzielle Verluste, in der Folge wurde die Bank 2023 von der UBS übernommen.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein deutscher Hausgerätehersteller mit 4.200 Mitarbeitern und einem Einkaufsvolumen von 1,8 Milliarden Euro pro Jahr setzt seit 2022 ein Reverse-Factoring-Programm mit einer europäischen Großbank ein. Standard-Zahlungsziel an Lieferanten: 75 Tage netto. Über die Plattform können angeschlossene Lieferanten ihre genehmigten Rechnungen zu einem Discount von rund 95 Basispunkten p. a. sofort einlösen. Ein süddeutscher Stanzteilelieferant mit 47 Mitarbeitern, der eigentlich 75 Tage warten müsste, lässt eine Rechnung über 84.000 Euro nach 8 Tagen auszahlen — der Discount kostet ihn rund 145 Euro, sein eigener Kontokorrentzins läge bei 7,5 Prozent. Der Käufer profitiert doppelt: längere DPO (Days Payable Outstanding) ohne Liquiditätsdruck am Lieferanten.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler aus Käufersicht: Reverse Factoring wird missbraucht, um einseitig Zahlungsziele von 30 auf 90 Tage zu strecken und dann das Programm als "Lösung" anzubieten. Lieferanten erkennen den Trick, die Verhandlungsbeziehung leidet, kleinere Lieferanten mit schlechter Bonität nutzen das Programm trotzdem nicht (zu hoher Discount). Zweiter Fehler: Bilanzielle Klassifizierung als Trade Payables statt als Bank Debt — seit den IAS-7-Amendments offenlegungspflichtig, vorher ein Trick zur Verschuldungs-Kosmetik, den Carillion vor der Pleite 2018 berühmt gemacht hat. Dritter Fehler: Konzentration auf eine einzige Plattform ohne Backup-Bank — Greensill-Lieferanten standen 2021 von einem Tag auf den anderen ohne Liquidität da. In Verhandlungen lohnt es sich, das Reverse-Factoring-Programm als Add-on, nicht als Voraussetzung zu kommunizieren, und mindestens zwei Plattformen parallel zu betreiben.
Verwandte Begriffe
Reverse Factoring grenzt sich gegen Dynamic Discounting (kein Dritter beteiligt, Käufer zahlt aus eigener Liquidität) und gegen klassische Vorkasse-Zahlung ab. Im weiteren Working-Capital-Kontext gehört es zur Payment Terms Optimization und zum Forderungsmanagement auf Lieferantenseite.